Recycling: Rohstoffe nicht ver-, sondern nur gebrauchen

Weltweit gibt es genügend Metalle und Energierohstoffe für die Energiewende. Die Versorgung hängt jedoch davon ab, wie sich die Rohstoffpreise entwickeln, wie transparent und zugänglich die Märkte sind und ob hohe Umwelt? und Sozialstandards im Bergbau erzielt werden können. Zu diesem Ergebnis kommt eine Arbeitsgruppe des Akademienprojekts „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) in ihrer am 08.02.2017 veröffentlichten Stellungnahme „Rohstoffe für die Energiewende. Wege zu einer sicheren und nachhaltigen Versorgung“.

Darin sprechen sich acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften für strategische Rohstoffpartnerschaften mit Lieferländern, die Erschließung neuer Lagerstätten und mehr Metallrecycling aus. Aber auch von mangelhaften Arbeitssicherheitsstandards, gravierenden Umweltschäden und erheblichen Gesundheitsrisiken ist die Rede.

Mit dem Erfolg der Energiewende sinke der Verbrauch von Kohle, Erdöl und Erdgas. Gleichzeitig müssten für den Ausbau von Windparks, Solaranlagen, Speichern und intelligenten Netzen immer mehr verschiedene Metalle importiert werden. Gefragt sind vor allem wertvolle Elemente wie Seltene Erden, Platingruppenelemente, Germanium, Indium und Kobalt. Von den Energierohstoffen werden besonders Erdgas und Biomasse benötigt, um die Schwankungen der Wind- und Solarenergie auszugleichen.

Metalle und Mineralien

Zwar gibt es weltweit ausreichend natürliche Metallvorkommen, sie sind jedoch ungleich verteilt und werden ungleichmäßig genutzt. In China beispielsweise werden 86 Prozent der Seltenen Erden abgebaut – sie werden unter anderem für den Bau von Windanlagen, Batterien und Elektromotoren benötigt. Nutzen Staaten diese Marktmacht aus, etwa indem sie den Export erschweren, können Länder wie Deutschland nicht mehr genügend Metalle beziehen.

Mit zwischenstaatlichen Handelsabkommen und -verträgen kann der Staat den privatwirtschaftlichen Rohstoffimport und die Lieferbeziehungen unterstützen. Strategische Rohstoffpartnerschaften können auch dazu beitragen, Umwelt- und Sozialstandards zu etablieren. Sie sind sowohl ethisch geboten als auch Voraussetzung für einen fairen Wettbewerb. Außerdem sollten Energieaufwand und Umweltbelastungen bei der Rohstoffgewinnung die ökologischen Vorteile der Energiewende nicht übersteigen, so die Stellungnahme.

Jens Gutzmer (Gründungs-Direktor des Helmholtz-Instituts Freiberg für Ressourcen-Ttechnologie und Professor an der TU Bergakademie Freiberg), Friedrich-Wilhelm Wellmer (ehemaliger Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) und Christian Hagelüken (Leiter der Abteilung EU Government Affairs bei Umicore – zugeschaltet) stellten Handlungsoptionen vor – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für Solarify

Folgt: Rohstoffbasis erweitern

Rohstoffbasis erweitern

Mit der Erschließung neuer Lagerstätten in Deutschland und Europa sowie in der Tiefsee ließe sich die Rohstoffbasis erweitern: „In Deutschland gibt es möglicherweise noch Lagerstätten für Indium und Germanium, am Meeresboden lagern unter anderem Kobalt, Kupfer und Nickel. Um die Vorkommen wirtschaftlich zu fördern, müssen jedoch die Umweltfolgen besser erforscht und Technologien für Abbau und Verarbeitung weiterentwickelt werden“, erläuterte Gutzmer, der an der Stellungnahme mitgearbeitet hat. Dennoch sei Deutschland sehr abhängig vom Weltmarkt. Das funktioniere „aber nur, wenn die Märkte funktionieren – wir haben die Rohstoffgewinnung externalisiert,die anderen Länder müssen dazu bereit sein. Daher spielt Recycling eine große Rolle, wir verbrauchen keine Rohstoffe, wir gebrauchen sie nur.“

Ein weiterer Ansatzpunkt sei das Metallrecycling: Alte Autos, Elektronikgeräte und Leitungen seien wertvolle Rohstoffquellen; weltweit fielen im Jahr 50 Mio. t Elektronikschrott an, in Deutschland zwei Mio t. „Da die Wiedergewinnungsraten bei vielen Hightech-Elementen gering sind, sollte die gesamte Prozesskette verbessert werden“, so Hagelüken, ebenfalls Mitglied der ESYS-Arbeitsgruppe ist. Labels für recyclingfähige Produktdesigns würden schon bei der Herstellung ansetzen. „Auch verbraucherfreundlichere Sammelsysteme und verbesserte, breit genutzte Recyclingverfahren könnten die Wiedergewinnungsraten erhöhen. Außerdem sollten Ausfuhr und Verbleib von Elektroschrott besser kontrolliert werden“, so Hagelüken. Und er plädierte für ein Umdenken: „Wir sollten mehr auf Pfand- und Leihsysteme setzen: nur für die Nutzung zu bezahlen, das schafft einen Rückgabeanreiz. Nutzen statt Besitzen wäre die Devise“. Doch sei Pfand „keine Allheillösung“, Hagelüken findet Leasing besser.

Besonders hervorgehoben:
„Menschenrechtsverletzungen kamen in der Vergangenheit im Bergbausektor häufiger vor als in allen anderen Branchen. 70 Besonders in den frühen Projektphasen besteht ein hohes Risiko, dass beeinträchtigte Gruppen übergangen werden. Wichtig ist daher, dass die betroffene Bevölkerung bereits vor Beginn aller Aktivitäten informiert und in die Planung einbezogen wird und Projekte nur mit ihrer Zustimmung begonnen werden. Während der Errichtung von Bergwerken oder Tagebauen werden Menschenrechte besonders häu – fig im Zuge von Umsiedlungen verletzt. Während des eigentlichen Betriebs dominieren Menschenrechtsver – letzungen durch Umwelt- und Gesundheitsbeeinträchtigungen, die durch die Förder- und Aufbereitungspro – zesse verursacht werden (zum Beispiel Verseuchung von Boden und Wasser mit Schadstoffen).
Konventionen zur Gewährleistung der Menschenrechte bei der Rohstoffförderung existieren bereits. Handlungsbedarf besteht vor allem bei ihrer Durchsetzung. Auch wenn die Menschenrechtsverletzungen meist außerhalb Deutschlands stattfinden, kann die Politik mittelbaren Einfluss im Sinne eines umwelt- und sozialverträglichen Bergbaus ausüben. So wird beispielsweise bei der Ausgestaltung neuerer Rohstoff – abkommen der Bundesregierung der Schutz der Menschenrechte inzwischen berücksichtigt.
Jedes Land hat zudem die Möglichkeit, Richtlinien für das globale Verhalten seiner heimischen Firmen vorzugeben und sie zur Einhaltung dieser Regelungen zu verpflichten. Es ist daher zu begrüßen, dass das Bundes- kabinett am 21. Dezember 2016 einen nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte , der die Leitprinzipien 72 der UN umsetzt, verabschiedet hat.“

„Fingerprinting“ zur Feststellung der Herkunft eines Rohstoffs

Friedrich-Wilhelm Wellmer, ehemaliger Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) nannte zur Absicherung das Beispiel Coltan aus dem Kongo: Die BGR habe das sogenannte „Fingerprinting“ eingeführt, das kann die Herkunft eines Rohstoffs feststellen, um Kinderarbeit auszuschließen; dafür gebe man dann Zertifikate aus. Aber man müsse vorsichtig sein, wenn die Kinderarbeit die einzige Einkommenquelle sei, dürfe man den Familien nicht die Grundlage entziehen und müsse mehr tun, als nur solche Mineralien einfach nicht zu kaufen.

Weiter plädierte Wellmer dafür, der Staat müsse Rohstofffkrisen durch frühzeitige Impulse abfangen, dürfe aber nicht selbst auf Dauer unternehmerisch tätig werden. Laut Gutzmer ist aber meist schon zu spät, wenn die Krise schon eingetreten sei, denn man müsse etwa 10-12 Jahre Vorlaufzeit rechnen. Haglüken forderte stärkere Kontrollen der Recycling-Betriebe, denn die, welche ihre Prozesse zum Teil extarnbalisiertenm verschafften sich zu Unrecht einen Marktvorteil – Rating für Recycling-Unternehmen müsse her.

Energierohstoffe

Biomasse könne die Schwankungen von Strom aus Wind- und Solarenergie ausgleichen – sagt die Studie. Würde die Landwirtschaft in den europäischen Emissionshandel einbezogen, könnte der CO2-Ausstoß der Biomasseproduktion reduziert werden. Auch durch Nachhaltigkeitsvorgaben für den Energiepflanzenanbau und -import sowie eine Steuer auf Stickstoffdünger würde die Bioenergieproduktion klimafreundlicher werden.

Erdgas sei vor allem für den Übergang zu einem klimafreundlichen Energiesystem wichtig, weil es weniger CO2 verursache als Kohle. Um sich weniger abhängig von einzelnen Lieferländern zu machen, könnte die Flüssiggasinfrastruktur ausgebaut werden. Schiefergas und Erdgas aus Kohleflözen in Deutschland könnten die Versorgung zusätzlich absichern.

Um den Umbau der Energieversorgung zu unterstützen, haben acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (federführend), die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften 2013 die Initiative „Energiesysteme der Zukunft“ gestartet. In dem dreijährigen Projekt haben Fachleute unterschiedlicher Disziplinen Herausforderungen der Energiewende analysiert und Lösungsansätze beschrieben. Mit einer zweiten Projektphase setzen die Wissenschaftsakademien die Initiative fort. In interdisziplinären Arbeitsgruppen erarbeiten rund 100 Experten Handlungsoptionen für den Weg zu einer umweltverträglichen, sicheren und bezahlbaren Energieversorgung.

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