Globaler Klimawandel trifft deutsche Wirtschaft

Erderwärmung wirkt indirekt über die internationalen Handelsverflechtungen

Dass der Klimawandel die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft in zahlreichen Bereichen direkt treffen und beeinträchtigen wird, hat das Umweltbundesamt in der Vulnerabilitätsanalyse eingehend dargestellt. Wenig beleuchtet sind dagegen bislang solche Effekte des Klimawandels, die indirekt über die internationalen Handelsverflechtungen auf die deutsche Wirtschaft wirken werden.

– Foto © Gerhard Hofmann für Solarify

Im Stakeholderdialog „Indirekte Effekte des globalen Klimawandels auf die deutsche Wirtschaft“ des Umweltbundesamtes hat das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) den aktuellen Wissensstand sowie Lösungsansätze zu diesem Thema im September 2016 mit Teilnehmenden aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik diskutiert. Eine ausführliche Dokumentation von Jesko Hirschfeld (IÖW, re.) stellt zentrale Ergebnisse der Dialogveranstaltung dar.

Wie sich der Klimawandel in anderen Teilen der Welt ausprägt, ist auch für die deutsche Wirtschaft relevant. Deutsche Unternehmen haben in den letzten Jahrzehnten immer größere Teile ihrer Wertschöpfungskette an Zulieferer in anderen Ländern ausgelagert und außerdem ihre Beschaffungslogistik zeit-, lager- und kosteneffizient optimiert (Lühr et al. 2014). Fällt ein Teil der Lieferkette im Geflecht der globalen Wertschöpfung durch klimabedingte Störungen aus, kann dies weitreichende Folgen haben.

Ein Beispiel für diese indirekten Effekte des Klimawandels stellt die Flutkatastrophe 2011 in Thailand dar, die auch Teile der Automobilbranche in Schwierigkeiten brachte. Die Gesamtschadenskosten, einschließlich Kosten für Lieferausfälle, wurden auf weltweit 45 Milliarden US-Dollar geschätzt. In Thailand wurden ungefähr 6.000 Fahrzeuge täglich weniger produziert (Acclimatise 2014). Deutsche Autohersteller wie Volkswagen, Audi und Porsche waren von Lieferengpässen betroffen, Daimler musste sein Werk in Thailand kurzzeitig schließen, BMW die Fertigung einschränken (Gärtner 2011).

Globale Klimarisiken für die deutsche Wirtschaft

Schon in näherer Zukunft (bis 2030) könnten Störungen oder Ausfälle von Zulieferketten und Absatzmärkten die stark import- und exportabhängige deutsche Volkswirtschaft empfindlicher treffen, als dies allein durch direkte Klimaschäden vor Ort der Fall wäre (Benzie et al. 2016). Hinzu kommen weitere klimawandelbeeinflusste Risikofaktoren, die sich mittel- bis langfristig in veränderten grenzüberschreitenden Investitionen, einer zunehmenden Migration und Einflüssen auf die Stabilität von Staaten und damit die internationale Sicherheitslage auswirken können (Rüttinger et al. 2015). Vor allem Unternehmen, die in klimasensiblen Sektoren oder Regionen tätig sind, sollten sich daher frühzeitig und proaktiv mit Optionen für die robuste Gestaltung der Abläufe in den jeweiligen Arbeitsfeldern auseinandersetzen (Mahammadzadeh et al. 2013; IHK für München und Oberbayern 2009).

Sowohl langfristige Klimaveränderungen wie die Zunahme der weltweiten Durchschnittstemperaturen als auch häufigere und stärkere Extremwetterereignisse werden sich zusätzlich zu ohnehin vorhandene Risiken entlang der unternehmerischen Wertschöpfungskette auswirken und dabei Beschaffungs-, Prozess-, Nachfrage- und Managementrisiken vergrößern. Betroffenheiten bei Unternehmen entstehen einerseits dann, wenn sie von wichtigen Vorprodukten über wenige Zulieferer abhängig sind oder wenn sich die Verfügbarkeit von schwer zu ersetzenden Vorleistungsgütern ändert. Andererseits kann der globale Klimawandel Unternehmen auch dann betreffen, wenn sie von wenigen Absatzmärkten abhängig sind, die jedoch ihrerseits vulnerabel sind.

Bei Da Nang 2009 durch den Taifun Ketsana an den Strand geschwemmtes Schiff – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für Solarify

Die Auswirkungen des Klimawandels werden in den nächsten Jahren in anderen Weltregionen (insbesondere in Teilen Nord- und Südamerikas, Afrikas und Asiens) relativ größere direkte Schäden und wirtschaftliche Einbußen verursachen als in Deutschland (IPCC 2014). Die dynamische Entwicklung der Handelsverflechtungen lässt bereits in der näheren Zukunft (bis zum Jahr 2030) weiter stark wachsende indirekte Klimarisiken auf Deutschland erwarten. Dies trifft insbesondere für den Handel mit China, Indien, USA, Mexiko und Brasilien zu, da einerseits die direkten Klimarisiken dort bis 2030 deutlich zunehmen und sich andererseits die Importverflechtungen mit Deutschland weiter intensivieren werden (Lühr et al. 2014).

Schlüsselindustrien der deutschen Wirtschaft wie Automobilbau, Maschinenbau und Chemieindustrie sind davon potenziell besonders betroffen (Hirschfeld et al. 2016). Die für die deutsche Exportwirtschaft zentrale Automobilindustrie ist durch umfangreiche Risiken in der Lieferkette betroffen, da sie auf ein international breit gefächertes Zulieferernetzwerk zurückgreift und die vorherrschende Just-In-Time-Fertigung gegenüber Lieferkettenunterbrechungen durch Extremwetterereignisse besonders anfällig ist. Erschwerend kommt in einigen Vorleistungsgruppen hinzu, dass sie besonders von einzelnen Lieferanten anhängig sind (Lühr et al 2014). Der Grad der Abhängigkeit der Produktion in Deutschland von Zulieferungen aus anderen Ländern hat sich in den letzten Jahren deutlich verstärkt – und damit das Risiko für wirtschaftliche Verluste aufgrund von unvorhersehbaren klimatischen Ereignissen in anderen Weltregionen (Wenz & Levermann 2016).

Wie die Wirtschaft mit wachsenden Klimarisiken umgehen kann

Gemeinsam mit den Teilnehmenden des UBA-Stakeholderdialogs wurden folgende Ansatzpunkte für den Umgang mit den zukünftig wachsenden indirekten Klimarisiken identifiziert:

  • Quantitative Daten zu den Auswirkungen des Klimawandels sind wichtig, um unternehmensintern berechnen zu können, ob durch eine Anpassungsmaßnahme ein Mehrwert für das Unternehmen erwartet werden kann. Zum Teil liegen solche „harten“ quantitativen Daten bei den Versicherungen bereits vor. Diese sollten öffentlich zugänglich gemacht werden, um sie beispielsweise für ein regelmäßiges Monitoring nutzen zu können.
  • Gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) haben in der Regel keine Kapazitäten, sich weltweite Daten zu Klimarisiken zu verschaffen und diese zu analysieren. Hier könnten Informationen über Fallbeispiele und Schadensfälle aus der Vergangenheit Anstöße zur Verbesserung eines Klimarisikomanagements entlang der Wertschöpfungskette geben. Vermittelt werden könnten solche Informationsgrundlagen über staatliche Institutionen, Forschungseinrichtung oder auch durch Unternehmensverbände und Handelskammern.
  • Um Beschaffungsrisiken zu minimieren, können Zuliefererstrukturen und Transportwege diversifiziert werden, um so Abhängigkeiten von einzelnen Zulieferern zu verringern. Auch kann in die Verbesserung der Bedingungen bei den einzelnen Lieferanten vor Ort investiert werden.
  • Klimarisiken müssen prinzipiell in alle Entscheidungen des unternehmerischen Managements entlang der Wertschöpfungskette integriert werden. Beispiele hierfür sind: Investitionsentscheidungen (Risiken-/Chancen-Evaluation), Lieferantenauswahl (Kriterienkatalog beim Einkauf), Standortwahl des eigenen Unternehmens, Berücksichtigung von klimabedingten Absatzrisiken bei der Entwicklung von Absatzmärkten. Zielführend könnte sein, das Klimarisikomanagement nicht als völlig neues, zusätzliches Thema einzuführen, sondern an bestehende Geschäftsprozesse wie etwa das Risiko-, Umwelt- oder Qualitätsmanagement anzukoppeln. Dies trifft im Besonderen für KMU zu.
  • Weitere Lösungsansätze zum Umgang mit Klimarisiken sind Notfallmanagementpläne, stärkere Anreize von Seiten der Versicherungen (beispielsweise durch geringere Versicherungsprämien bei verbesserter Risikovorsorge) sowie die Kommunikation der Problematik über Architekten, das Baugewerbe oder Consultingfirmen. Auch Tools wie der von prognos im Auftrag des BMWi entwickelte KLIMACHECK können Unternehmen dabei helfen, ihre relevanten Klimarisiken zu identifizieren und zu bewerten. Nach der Analyse gibt der KLIMACHECK den Unternehmen Anregungen und Maßnahmenvorschläge zum Umgang mit den Klimarisiken (s. Lühr et al. 2014).
  • Als möglicher Ansatzpunkt auf staatlicher Ebene wurden Förderprogramme als Anreiz für die unternehmerische Anpassung genannt – auch wenn Klimaanpassung grundsätzlich im eigenen, privatwirtschaftlichen Interesse der Unternehmen liegt. Doch gerade KMU, die für die deutsche Gesamtwirtschaft eine tragende Rolle spielen, haben mangels eigener Kapazitäten häufig einen deutlichen Unterstützungsbedarf durch öffentlich bereitgestellte Informationen zur Entwicklung von Klimarisiken.

Weitere Forschung

Das Umweltbundesamt baut die Wissensbasis hierzu in zwei Forschungsvorhaben aus: Im Projekt „ImpactChain: Folgen des globalen Klimawandels für Deutschland“ sollen die zentralen internationalen Wirkungsketten hinsichtlich ihrer Relevanz für Deutschland identifiziert, systematisiert und bewertet werden. Im Vordergrund stehen dabei die indirekten Wirkungen des Klimawandels über den Außenhandel auf Wirtschaftsbereiche in Deutschland. Das Vorhaben „KlimRess – Auswirkungen des Klimawandels auf die ökologische Kritikalität des deutschen Rohstoffbedarfs“ untersucht die Verbindungen zwischen Klimawandel, Rohstoffversorgung und Umweltrisiken und der Auswirkungen potentieller Klimaveränderungen auf die Versorgungssicherheit verschiedener Rohstoffe.

Weiterführende Informationen:

Literatur:

  • Acclimatise (2014): NEWS / Infographic: In 2011 Thailand was under water; but the ripples were felt across the world. URL: http://www.acclimatise.uk.com/index.php?id=3&blog=685 (aufgerufen am 02.09.16).
  • Adelphi/PRC/EURAC (2015): Vulnerabilität Deutschlands gegenüber dem Klimawandel. Umweltbundesamt. Climate Change 24/2015, Dessau-Roßlau 2015. URL:http://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikation… (aufgerufen am 07.08.16)
  • Benzie, M., Hedlund, J., and Carlsen, H. (2016): Introducing the Transnational Climate Impacts Index: Indicators of country-level exposure – methodology report. SEI Working Paper No. 2016-07. Stockholm Environment Institute, Stockholm. URL: www.sei-international.org/mediamanager/documents/Publications/Climate/SE…
  • Gärtner, M. (2011): manager magazin online, 14. November 2011, Flutdesaster bedroht globale Lieferketten.
  • Hirschfeld et al. (2016): Indirekte Effekte des globalen Klimawandels auf die deutsche Wirtschaft. Vorbereitungspapier für den Stakeholderdialog zur Klimaanpasssung. IÖW, Berlin. Im Auftrag des UBA. URL: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/656/dokumente/…
  • IHK für München und Oberbayern (2009): Die Wirtschaft und der Klimawandel – Reaktionen der Unternehmen, München.
  • IPCC (2014): Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and Vulnerability. Summaries, Frequently Asked Questions, and Cross-Chapter Boxes. A Contribution of Working Group II to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Field, C.B., V.R. Barros, D.J. Dokken, K.J. Mach, M.D. Mastrandrea, T.E. Bilir, M. Chatterjee, K.L. Ebi, Y.O. Estrada, R.C. Genova, B. Girma, E.S. Kissel, A.N. Levy, S. MacCracken,P.R. Mastrandrea, and L.L. White (eds.)]. World Meteorological Organization, Geneva, Switzerland, 190 pp.
  • Lühr, O., Kramer, J.-P., Lambert, J., Kind, C., Savelsberg, J. (2014): Analyse spezifischer Risiken des Klimawandels und Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für exponierte industrielle Produktion in Deutschland (KLIMACHECK). Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Düsseldorf/Berlin: Prognos/adelphi. URL: https://www.prognos.com/uploads/tx_atwpubdb/141020_Prognos_BMWi_Studie_K…
  • Mahammadzadeh, M., Chrischilles, E., Biebeler, H. (2013): Klimaanpassung in Unternehmen und Kommunen. Betroffenheit, Verletzlichkeit und Anpassungsbedarf. In: Analysen. Forschungsberichte aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Nr. 83, Hundt: Köln.
  • Rüttinger, L., Stang, G., Smith, D., Tänzler, D., Vivekananda, J. et al. (2015): A New Climate for Peace – Taking Action on Climate and Fragility Risks. Executive Summary. Berlin/London/ Washington/Paris: adelphi, International Alert, The Wilson Center, EUISS.
  • Wenz, L., Levermann, A. (2016): Enhanced economic connectivity to foster heat stress–related losses. Science Advances, 2(6), e1501026.

->Quelle und weiterführende Informationen: