Jacksons Wohlstand ohne Wachstum neu

Nachhaltiges Wachstum

Was fehle, sei “nachhaltiges Wachstum” – die Entkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Wohlstandserwerb. “Kein klares Ja oder Nein” hatte Jackson auf die Frage parat, ob Technik Nachhaltigkeit erzeugen könne. In einer Hinsicht ja, etwa bei der Schaffung kohlenstoffarmer Technologien. Wir hätten aber keine Gesellschaft für nachhaltiges Wirtschaften; ein endloser Hedonismus treibe vielmehr die Wirtschaft an.

[note Es gibt bislang kein überzeugendes, sozial gerechtes und ökologisch nachhaltiges Szenario für stetig steigende Einkommen für mehr als 9 Milliarden Menschen. Und die erschreckende Frage lautet nicht, ob die vollständige Dekarbonisierung unserer Energiesysteme oder die Dematerialisierung unserer Konsummuster technisch machbar sind, sondern vielmehr, ob so etwas in unserer Art von Gesellschaft überhaupt durchführbar ist.”]

Postwachstums-Marktwirtschaft

Nach Jacksons Präsentation diskutierten Böll-Chefin Barbara Unmüßig mit dem Wiener Professor und Obmann der Grünen Bildungswerkstatt, Andreas Novy und der Autor über die zentralen Thesen des Buches. Andreas Novy, Universitätsprofessor am Institut für Regional- und Umweltwirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien, sagte, der Konsumismus komme zu Unrecht in den Wirtschaftswissenschaften überhaupt nicht vor, da er Kernbestandteil derselben sei. Es sei im Buch viel über “sozialökologische Infrastruktur” die Rede, aber “warum kommt das Konzept ‘Gebrauchswert = Tauschwert’ nicht vor?” Exponentielles Wachstum sei ein Spaltungsthema. Zwischen Nord und Süd, auch innerhalb unserer Gesellschaft. Im Kapitalismus reduziere sich alles auf den Besitz an den Produktionsmitteln. Aber einen “Postwachstums-Kaptalismus” könne es nicht geben. Eher vielleicht eine “Postwachstums-Marktwirtschaft”.

Das Buch umschiffe die “Frage der Macht” – nach dem Motto “Wir entwickeln die gute Ökonomie und hoffen, dass sie die Politiker dann umsetzen”. Die Verflechtung von wirtschaftlicher und politischer Macht (“die Drehtüren”) verhindere viel. Was es brauche, sei eine Politik von unten – der Aspekt der (Selbst-)Ermächtigung sei dabei wichtig.

Kapitalist – Kommunist

Zur Frage des Kapitalismus sagte Jackson, Professor für Nachhaltige Entwicklung am Umwelt- und Nachhaltigkeitszentrum der Universität von Surrey, er sei bald als Kommunist verunglimpft, dann aber auch gescholten worden, er habe den Kapitalismus viel zu wenig kritisiert, er sei  Teil des Establishments, “da wusste ich, dass ich genau richtig liege”. Dennoch habe er bei der Beantwortung der Frage versagt, ob es eine Art vertretbaren Kapitalismus gebe, wie es mit dem Eigentum an Dingen stehe. “Wir müssen diese Frage aufschieben (suspend)!” Und er räumte ein, dass mehr über Macht gesprochen werden müsse.

Jackson nannte es die Wohlstandsfalle, “dass soziale Stabilität von Wirtschaftswachstum abhängt. Die Legitimität von Herrschaft kommt gerade nicht aus einer Wachstumsgarantie”.

Novy, auch Kuratoriums-Vorsitzender der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung, verlangte, man müsse die Kritik am Konsumismus ernst nehmen – es müsse doch gelingen, Lebensqualität zu sichern und dabei weniger Waren herzustellen. Jackson fügte an, wir lebten “im Griff einer sozialen Illusion, denn wir erliegen ständig den dauernden Versprechungen der Konsumgesellschaft: ‘Das nächste, was ich kaufe, wird mein Leben entscheidend verbessern’.” Die Folge sei aber Enttäuschung, Unzufriedenheit (Dissatisfaction) – die sei aber nötig, damit das System funktioniere. Das sei zwar tiefgreifend disfunktional, aber nicht zu ändern ohne sozial-ökologische Veränderungen der Rahmenbedingungen.

Jackson wehrte sich allerdings dagegen, etwa die Chemie- oder Autoindustrie abzuschaffen, “die brauchen wir”; die Zukunft könne und dürfe aber nicht darin liegen, dass wir immer mehr Zeug herstellen, das noch schneller wieder kaputt gehe. “Transformation bedeutet: Wir müssen Dinge – gut – herstellen, die halten!”

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