Mittelstand braucht Zugang zur Spitzenforschung

acatech-Festveranstaltung 2017

Die acatech-Festveranstaltung 2017 im Berliner Konzerthaus war dem Mittelstand gewidmet. acatech-Präsident Henning Kagermann bot einen Ausblick auf kommende innovationspolitische Themen. Ein Leitgedanke: Der deutsche Mittelstand braucht mehr partnerschaftliche Kooperation von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Besonders kleine und mittlere Unternehmen müssten besseren Zugang zur Spitzenforschung bekommen. Diesen Gedanken von Ex-Forschungsminister Heinz Riesenhuber nahm Dieter Spath auf und forderte eine Innovationsoffensive für den Mittelstand.

Kagermann wies zu Beginn darauf hin, wie sehr die digitale Transformation unser Leben in allen Bereichen verändere. Die erste Welle der Digitalisierung habe in den 70er Jahren durch massive Standardisierung und Automatisierung die dritte industrielle Revolution ausgelöst, nun läute die zweite Welle die vierte industrielle Revolution ein – Kagermann nannte als Charakteristika “Hyperpersonalisierung und selbstlernende autonome Systeme”. Doch damit nicht genug: “Schon werde die Frage nach der nächsten großen Sache, ‘the next big thing’ gestellt”. acatech habe dazu Stellung bezogen: Mit einem Impuls namens „Innovationspotentiale der Biotechnologie“: An die Digitalisierung schließe sich “als nächste Revolution in Wirtschaft und Gesellschaft die breite Anwendung der Biotechnologie in Medizin, Landwirtschaft und Industrie an. Big Data, automatisierte Analyse- und Syntheseverfahren in der Biotechnologie verbinden Digitalisierung und Biologisierung.
Eine Schüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, mit der zum Beispiel eine individualisierte Medizin in eine breite Anwendung gelangen und die aufkommende Bioökonomie weiter ausgebaut werden kann. Genau deswegen werden wir dieses Themenfeld bei acatech weiterentwickeln.”

Die Roboter verlassen ihre Käfige

“Zwischen Menschen und Maschinen verwischen die Grenzen”, so Kagermann weiter: “Die Roboter verlassen ihre Käfige. Aus Robots werden Cobots, die sprichwörtlich Hand in Hand mit dem Menschen zusammenarbeiten. Und diese kollaborativen Roboter werden bald weit mehr sein als nur Werkzeuge. Ausgestattet mit künstlicher Intelligenz und der Fähigkeit zu lernen, werden sie eine neue Aufgabenverteilung zwischen Menschen und Maschinen erfordern: in der Fabrik genauso wie in Banken, Versicherungen und Verwaltungen.”
Mit der Plattform Lernende Systeme erarbeite acatech Roadmaps für die nächste Stufe der Digitalisierung. Wir müssten uns ganz bewusst sowohl auf steigende Geschwindigkeit und Radikalität der Veränderungen einlassen – “und sie als Chance begreifen. Das Zauberwort lautet Agilität – also Schnelligkeit, Flexibilität und Wandlungsfähigkeit.” Ambidextrie – Beidhändigkeit – sei das Gebot der Stunde. Das Prinzip laute: Eine Organisation – zwei Betriebssysteme. Zu diesem Fazit sei der gemeinsam mit der Jacobs-Foundation gegründet acatech-Arbeitskreis aus Personalvorständen gekommen.

Schulen bei digitaler Kompetenz nur oberes Mittelfeld

Zum Thema Schule zitierte Kagermann aus dem gemeinsam mit der Körber-Stiftung herausgegebenen MINT-Nachwuchsbarometer, in dem die digitale Transformation der Schule ein Schwerpunkt war: Mageres Ergebnis: Deutsche Schülerinnen und Schüler lagen bei den digitalen Kompetenzen im internationalen Vergleich nur im oberen Mittelfeld. Als Grund diagnostizierte der acatech-Präsident “Mangel an zeitgemäßer IT-Ausstattung der Schulen und fehlende Fort- und Weiterbildungen von Lehrkräften”. Daher bräuchten wir “zur Verbesserung der schulischen Situation auch einen gezielten Ausbau von außerschulischen Initiativen zur Talent- und Motivationsförderung”. Und: Wir müssten schneller werden, “denn das Tempo des digitalen Wandels in einer globalisierten Welt können wir nicht alleine bestimmen”. Wir müssten uns jedoch eingestehen dass wir bei der Umsetzung der digitalen Transformation und der Energiewende nicht schnell genug seien und unsere Ziele “nicht ambitioniert genug”.

Folgt: Zweites Kernthema Plattformökonomie