“Wir sind auf dem Weg zu 3, 4 oder 5 Grad Erwärmung”

Zwei-Grad-Grenze-Erfinder kein Verfechter von Temperaturzielen

Der amerikanische Ökonom William Nordhaus hat 1977 zum ersten Mal von einer Zwei-Grad-Grenze  gesprochen (siehe solarify.eu/zwei-grad-grenze). 2018 bekam er unter anderem dafür den Wirtschaftsnobelpreis. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS: „Klimaschutz ist nicht sehr teuer“) plädierte der 67jährige am 03.03.2019 für eine weniger verbissene Sicht der Klimaziele: “Ich bin kein Verfechter davon, die Ziele so festzuzurren. Sie helfen natürlich, Politik zu machen. Aber das sind mehr Hoffnungen als tatsächliche Politik.” Die 1,5-Grad-Grenze sei jetzt wahrscheinlich schon gar nicht mehr einzuhalten: “Selbst wenn wir es schaffen würden, die Erderwärmung auf drei Grad zu begrenzen, wäre das besser als der Pfad, auf dem wir jetzt sind.”

“Die Zwei-Grad-Frage ist im Moment nicht unsere Hauptsorge”, so Nordhaus zur FAS. “Diese Diskussion findet in einem politischen Vakuum statt. Es ist ja gut, dass wir Ziele haben. Aber wir sind derzeit auf dem Weg zu 3, 4 oder 5 Grad Erwärmung. Wir müssen jetzt aktiv werden. Im Moment sind wir wie Ärzte, die über die richtige Behandlung streiten und währenddessen den Patienten sterben lassen.”

Nordhaus lobte explizit die Schüler für ihre Freitags-Demos pro Klimaschutz. “Die Öffentlichkeit muss verstehen und akzeptieren, wie ernst die Situation ist. Dafür gibt es viele Wege, auch diesen”, sagte er. Nordhaus plädierte in der FAS dafür, dass Staaten CO2-Emissionen verteuern. Das könnte in Form von Steuern geschehen oder in Form eines Emissionshandels, wie ihn Europa hat.

Die Zwei-Grad-Grenze, irrtümlicherweise oft als Zwei-Grad-“Ziel”*) bezeichnet, ist eine Linie für den (inzwischen unumstritten) menschengemachten Klimawandel, welche die Erderwärmung bei Androhung existenzieller Folgen keineswegs nur für die Südseeinsulaner nicht überschreiten darf. Seit mehr als 40 Jahren ist sie schon bekannt: 1977 veröffentlichte der US-Wirtschaftsprofessor William Nordhaus eine Grafik mit einer als Zwei-Grad-Grenze bezeichneten Linie – er fügte dieser Grenze eine Zeitachse, die natürlichen Schwankungsbreiten samt einer nach oben verlaufenden Temperaturkurve hinzu: 2040 schnitten beide einander (1,5 Grad sind 2020 dran). Nordhaus führte die Zwei-Grad-Grenze allerdings nicht als wertebasiertes Ziel einer künftigen Klimapolitik ein, sondern er benutzte sie als gedankliche Grundlage für davon ausgehende Kosten-Nutzen-Analysen (siehe: onlinelibrary.wiley.com/abstract).

Zwei-Grad-Grenze erstmals erwähnt (Hervorhebung: Solarify) – Grafik © William D. Nordhaus, Strategies for the Control of Carbon Dioxide, Connecticut 1977, S. 3.

*)Aus der 2-Grad-Grenze wurde (im Deutschen) über die Jahre ein 2-Grad-Ziel. Unter Ziel verstehen wir gemeinhin etwas Erstrebenswertes, für dessen Erreichung oder Überschreitung im Sport sogar Medaillen winken. Es geht aber um die Vermeidung einer Katastrophe, die nach Überzeugung von Experten schon bei 1,5 Grad einzutreten beginnt. Die keineswegs als radikal-ökologisch verschriene IEA rechnet dagegen in ihrem am 12.11.2012 veröffentlichten World Energy Outlook mit einer “langfristigen mittleren globalen Erwärmung um 3,6°C”.

Der Wissenschaftsjournalist Christopher Schrader besteht mit anderen ebenfalls darauf, dass es sich um eine Grenze, kein Ziel, handelt: “…die sogenannte Zwei-Grad-Grenze (und es ist eine Grenze, kein Ziel)…”.

Staaten, die auf CO2-Bepreisungen verzichten, sollten wegen unlauteren Wettbewerbs Zölle für ihre Exporte hohe Zölle zahlen müssen. Einen ähnlichen Vorschlag hatten in den USA 3.300 Ökonomen unterschrieben – ohne Nordhaus. Der erklärte das einfach: “Der Vorschlag wurde im Herbst herumgeschickt. Da war ich so beschäftigt mit meinem Nobelpreis und den Vorbereitungen für die Verleihung und meine Rede in Stockholm, dass ich keine Zeit hatte, mich darum zu kümmern”. Erst im Januar habe er seine E-Mails “wieder im Griff” gehabt.

->Quellen und weitere Informationen: