Buchempfehlung: „Losing Earth“

Beängstigende Paralellen zu heute drängen sich auf

Die Klimakatastrophe, die wir jetzt erleben, hätte verhindert werden können (so die Internetseite des Rowohlt-Verlags über Nathaniel Richs Buch „Losing Earth“): Vor dreißig Jahren gab es die Chance, den Planeten zu retten – doch sie wurde verspielt. Nathaniel Rich schildert in „Losing Earth“ (nach langdauernder Recherche am 01.08.2018 im Magazin der New York Times veröffentlicht), wie es zu diesem wahrhaft globalen Versagen kam. Wir folgen einer Gruppe von Wissenschaftlern, Aktivisten und Politikberatern rund um den Umweltlobbyisten Rafe Pomerance und den Nasa-Forscher James Hansen, die Ende der siebziger Jahre erstmals erkennen, dass sich die Erderwärmung desaströs beschleunigt, aber auch, was dagegen zu tun ist – beinahe alles, was wir heute darüber wissen, stammt aus dieser Zeit. Rich schildert ein Jahrzehnt erbitterter Kämpfe um Öffentlichkeit, Anerkennung, politische Maßnahmen – und wie diese 1989, kurz vor dem Durchbruch, tragisch scheitern.

Eine historische Reportage, die aktueller nicht sein könnte: Wir bekommen in den kommenden Jahren das zu spüren, was vor drei Jahrzehnten versäumt wurde – so wie unser gegenwärtiges Scheitern das Schicksal des Planeten in naher Zukunft besiegelt. Die Erde in ihrer heutigen Gestalt ist bereits verloren, sie wurde damals verloren – und so erzählt Rich hier die Geschichte eines beispiellosen Menschheitsversagens.

Der Autor

Nathaniel Rich, 1980 in eine Literatenfamilie hineingeboren, ist Journalist und Schriftsteller. Er studierte Literaturwissenschaft in Yale. Für das New York Times Magazine schrieb er über „unsterbliche Quallen“, eine „47-stündige Zugfahrt zwischen New Orleans und Los Angeles“ und eine „Anwaltskampagne zur Aufdeckung von DuPonts verschwenderischem Gebrauch einer giftigen Chemikalie“ geschrieben hat. Er ist Autor von drei Romanen, darunter „King Zeno“, der im Januar veröffentlicht wurde. Heute schreibt er außerdem für die New York Review of Books und den Atlantic. Nathaniel Rich lebt in New Orleans.

Ausschnitte aus der Leseprobe: Prolog / Die Abrechnung

„Fast alles, was wir über die Erderwärmung wissen, war bereits 1979 bekannt. Es war damals womöglich sogar besser bekannt. Heute wissen neun von zehn Amerikanern nicht, dass sich die Experten (und zwar in ihrer überwiegenden Mehrheit) einig sind, dass die Menschen durch das bedenkenlose Verbrennen fossiler Energieträger das globale Klima verändert haben. Doch bereits 1979 waren die wichtigsten Punkte unumstritten, und das Interesse wandte sich von den grundsätzlichen Erkenntnissen ab und einem genaueren Studium der angekündigten Folgen zu. Anders als die Stringtheorie oder die Gentechnik war der ‚Treibhauseffekt‘ – die Metapher stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert – längst historisch, ein Phänomen, das in jedem Biologielehrbuch beschrieben war. Die zugrunde liegende Wissenschaft war nicht besonders kompliziert. Sie ließ sich auf ein schlichtes Axiom zurückführen: Je mehr CO2 sich in der Atmosphäre befindet, desto wärmer wird der Planet. Und mit dem Verbrennen von Kohle, Öl und Gas stießen die Menschen jedes Jahr immer obszönere Mengen von Kohlendioxid in die Atmosphäre. Seit der Industriellen Revolution hat sich die Erde um mehr als ein Grad Celsius erwärmt. Das Pariser Klimaschutzabkommen – dieser nicht bindende, nicht strafbewehrte und schon jetzt nicht beachtete Vertrag, der 2016 am Earth Day (Tag der Erde) unterzeichnet wurde – sah vor, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Einer neueren Studie zufolge stehen die Chancen dafür eins zu zwanzig. Wenn wir es durch ein Wunder doch schaffen sollten, müssten wir uns nur mehr mit der Vernichtung der tropischen Korallenbänke und dem Ansteigen des Meeresspiegels um mehrere Meter beschäftigen und den Persischen Golf aufgeben. Der Klimaforscher James Hansen hat die Erwärmung um zwei Grad als «Anleitung für eine lang dauernde Katastrophe» bezeichnet. Eine lang dauernde Katastrophe ist das, was im günstigsten Fall auf uns zukommt.“

Verlorene Erde: Das Jahrzehnt, in dem wir beinahe den Klimawandel gestoppt hätten – Rowohlt- Verlag

Rich zählt fast trocken auf, was die Erderwärmung beim Erreichen bestimmter Temperaturwerte geschieht:

  • „Eine Erwärmung um drei Grad ist die Anleitung für eine ’sehr kurzweilige Katastrophe‘: In der Arktis entstehen Wälder, die meisten Küstenstädte werden aufgegeben, der Hunger führt zu Massensterben. Robert Watson, ein ehemaliger Vorsitzender des Weltklimarats (IPCC), vertritt die Auffassung, dass eine Erwärmung um drei Grad das realistische Minimum darstellt.
  • Vier Grad: In Europa herrscht permanente Dürre, große Teile von China, Indien und Bangladesch verwandeln sich in Wüsten, Polynesien ertrinkt im Meer, der Colorado River verkümmert zu einem Rinnsal.
  • Die Aussicht auf eine Erwärmung um fünf Grad bringt manche der bekanntesten Klimaforscher, die sonst kaum zur Übertreibung neigen, sogar so weit, dass sie vor dem Ende der menschlichen Zivilisation warnen…
  • Hunger, Dürre, die Überflutung der Küsten und die erdrückende Ausbreitung der Wüsten werden Hunderte von Millionen zwingen, ihr Heil in der Flucht zu suchen…. Eine Erwärmung um fünf oder sechs Grad kommt uns nur deshalb abseitig vor, weil wir überzeugt davon sind, dass wir rechtzeitig reagieren könnten. Schließlich bleiben uns noch Jahrzehnte, um den CO2-Ausstoß zu eliminieren, ehe wir bei den sechs Grad angekommen sind. Wir hatten allerdings bereits mehrere Jahrzehnte – Jahrzehnte, die zunehmend durch die klimabedingte Katastrophe gezeichnet waren – und haben in dieser Zeit fast alles unternommen, um das Problem sogar noch zu verschärfen. Inzwischen wirkt die Vorstellung, dass sich die Menschheit, wenn sie es mit einer existenziellen Bedrohung zu tun hat, tatsächlich von der Vernunft leiten ließe, überhaupt nicht mehr vernünftig.“

Richs beantwortet die sich aufdrängende Frage historisch,“warum wir dieses Problem nicht gelöst haben, solange wir die Gelegenheit dazu hatten“, obwohl es doch „zwischen 1979 und 1989 reichlich Gelegenheit“ dazu gegeben habe. Damals – die „Erfolgsaussichten waren so günstig, dass sie heute märchenhaft wirken“ – seien „die Großmächte nur noch wenige Unterschriften von einem bindenden Rahmenvertrag entfernt, mit dem CO2-Emissionen verringert werden sollten – so nah wie seitdem nie mehr“. Denn – so Rich – „in diesem Jahrzehnt gab es all die Hindernisse, die wir für unsere gegenwärtige Untätigkeit verantwortlich machen, noch gar nicht“… Rich nennt die Antwort auf seine Frage danach, warum wir die Erde damals nicht gerettet haben, die „übliche Erklärung“, die fossile Energieindustrie habe „bereitwillig die Rolle des großmäuligen Bilderbuch-Schurken gespielt“. Der Autor nennt erstaunliche Zahlen: „Zwischen 2000 und 2016 wandte die Industrie mehr als zwei Milliarden auf (oder zehnmal so viel, wie von Umweltorganisationen ausgegeben wurde), um gegen restriktive Klimagesetze vorzugehen.“… Der entscheidende Angriff der Industrie auf die Klimawissenschaft und eine mögliche aus ihr resultierende Politik habe allerdings „erst Ende der achtziger Jahre begonnen. Im Jahrzehnt davor haben einige der größten Öl- und Gasfirmen, darunter Exxon und Shell, ernsthafte Anstrengungen unternommen, um das Ausmaß der Krise zu verstehen und Lösungsmöglichkeiten zu finden.“

„Heute verzweifeln wir an der Politisierung der Klimafrage, was aber nur eine höfliche Umschreibung für die Sturheit ist, mit der die Republikaner den Klimawandel leugnen. 2018 wussten nur zweiundvierzig Prozent der eingetragenen Republikaner, dass ‚die meisten Wissenschaftler von der Erderwärmung überzeugt sind‘, und dieser Prozentsatz sinkt beständig. Skepsis gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens bei gleichzeitigem Zweifel an der Seriosität der experimentellen Methoden und daran, dass es um die Suche nach Wahrheit geht, hat sich zu einem Glaubensbekenntnis der Partei entwickelt. Dabei waren sich in den achtziger Jahren viele prominente republikanische Abgeordnete, Kabinettsmitglieder und Parteistrategen mit den Demokraten darüber einig, dass das Klimaproblem ein ungewöhnlicher politischer Sonderfall war: überparteilich anerkannt und von höchster Dringlichkeit. …

Man war sich weithin einig, dass dringender Handlungsbedarf bestand. Anfang der Achtziger prophezeiten Wissenschaftler der Bundesbehörden, dass sich die Erwärmung bereits am Ende des Jahrzehnts, wenn es zu spät sein würde, um die Katastrophe abzuwenden, in der globalen Temperaturentwicklung würde zweifelsfrei nachweisen lassen. In einem Gutachten, das die National Academy of Sciences 1980 im Auftrag des Weißen Hauses vorlegte, wurde der Vorschlag gemacht, dass «das Thema Kohlendioxid im Sinne größtmöglicher Zusammenarbeit und im Bemühen um Einigung bei Vermeidung von politischer Manipulation, Kontroverse und Spaltung auf die internationale Tagesordnung gesetzt werden» solle. Wenn die Vereinigten Staaten der Empfehlung gefolgt wären, die Ende der Achtziger breite Zustimmung fand – die CO2-Emissionen einzufrieren und bis 2005 um zwanzig Prozent zurückzufahren – , hätte sich die Erwärmung auf anderthalb Grad begrenzen lassen. Auch auf internationaler Ebene war man sich weitgehend einig, wie sich das erreichen ließe: durch einen verbindlichen globalen Vertrag. Die Idee begann bereits im Februar 1979 Gestalt anzunehmen, als sich auf der Weltklimakonferenz in Genf Wissenschaftler aus fünfzig Ländern einmütig darüber verständigten, dass es «dringend erforderlich» sei zu handeln. Beim G-7-Treffen vier Monate später in Tokio unterzeichneten die Staatschefs der reichsten Nationen eine Erklärung mit der Absicht, den Ausstoß von Kohlenstoff zu reduzieren. Zehn Jahre später wurde in den Niederlanden ein Diplomatentreffen einberufen, um die Rahmenbedingungen für einen Vertrag zu verhandeln. Delegierte aus mehr als sechzig Ländern nahmen daran teil. Wissenschaftler und Staatschefs kamen überein, dass gehandelt werden musste und den Vereinigten Staaten dabei die Führungsrolle zukam. Die USA übernahmen diese Rolle aber nicht.“

Alexander Mäder auf Kliffreporter: Es ist nicht ganz klar, wem Nathaniel Rich die Schuld für das Scheitern in die Schuhe schiebt. Am ehesten dem damaligen Stabschef von George Bush, John Sununu, der empfohlen hatte, keine konkreten Reduktionsziele zu unterschreiben. Rich fragte Sununu direkt, ob er die Verantwortung dafür übernehme, die beste Chance auf einen Weltklimavertrag zunichte gemacht zu haben. Sununu antwortete, dass ein Vertrag ohnehin nicht möglich gewesen sei, weil alle Staats- und Regierungschefs nur den Anschein wahren wollten, sie würden das Klima schützen, ohne sich konkret zu verpflichten und viel Geld ausgeben zu müssen. Und er fügte hinzu: „Um ehrlich zu sein, stehen wir auch heute noch an diesem Punkt.“ In einem TV-Interview in PBS News Hour hat es Rich ohnehin als „zu enge Betrachtung“ bezeichnet, Sununu allein die Schuld zu geben. (www.riffreporter.de/klimasocial)

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