Rekordbrände in der Arktis

„Rußpartikel beschleunigen Abschmelzen der Eismassen“

“Die größten Brände, die unser Planet je gesehen hat – in einer der kältesten Regionen, die unserer Planet kennt. In der Arktis toben Feuer gewaltigen Ausmaßes. Doch die größte Gefahr schlummert unter der Erde”, textete Dass Brände in der Arktis etwas Normales sind, ist noch kaum bekannt. Doch das wird sich ändern; denn in diesem Jahr stehen in Alaska und Sibirien viel größere Flächen in  Flammen, als bisher üblich. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk wies der Geowissenschaftler Stefan Kruse vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Potsdam auf eine gefährlich Konsquenz dieses Rekords hin: Die Permafrostböden tauten auf und regenerierten sich nur langsam – aber die entstehenden Kohlepartikel senken die Albedo, die normale Reflexion des Sonnenlichts von weißen Schneeflächen, ab, was wiederum zum Auftauen tieferer Schichten führe.

Rund um den nördlichen Polarkreis brennt seit Wochen auf einer Fläche von mehr als 100.000 Hektar der trockene Torf, der den Permafrostboden bedeckt. „Wenn es weiterhin so warm bleibt und sogar wärmer wird, wird es auch mehr Feuer geben“, so Kruse. In diesem Jahr brennen schon im Juni große Flächen – zusätzlich viel größere Flächen als in den Jahren davor. “Das kommt daher, dass es im letzten Jahr schon trocken und warm war, aber in diesem Jahr, besonders in Alaska, eine große Wärme- und Dürreperiode vorherrscht. Das bedeutet dann am Ende, dass die Oberfläche, die ja zumeist aus Torfböden, Moosen und anderen Pflanzen besteht, sehr früh trockenfällt. Blitze, in der Region sehr zahlreich, entfachten dann Brände. Wenn das an vielen Orten gleichzeitig passiere, führe daszu dieser unvorhergesehenen Situation, dass weite Landstriche, Hunderttausende Hektar gerade brennen.

Doch das Feuer habe noch weiterrreichende Auswirkungen: Viel tiefere Schichten tauten auf. Die würden dann entweder durch Bakterien oder andere Organismen abgebaut, und emittierten weiter CO2 in die Atmosphäre. Die Regenration der so geschädigten Böden sei dann ein Prozess, der über lange Jahrzehnte hinweg andauere. Wenn nicht im kommenden Jahr gleich wieder neue Riesenbrände ausbrächen. Laut Kruse gibt es in manchen Regionen 30 bis 40 Zentimeter dicke Torfschichten, andernorts aber bis mehrere hundert Meter dicke Torfschichten, die sich über Jahrhunderte oder eher Jahrzehntausende gebildet hätten, in die sich die Feuer hineinfräßen. Kruse sprach von „zehn- bis 20-fachen CO2-Emissionen“. Im Juni 2019 seien nämlich die emittierten CO2-Mengen quantifiziert worden, mit dem Ergebnis “dass in diesem Jahr schon ungefähr 50 Millionen Tonnen CO2 durch die Feuer emittiert worden” seien. Wenn aber Permafrostboden auftaue, heiße das, dass er zusammenfallen könne, wenn das darin enthaltene Eis aufgetaut und abgeflossen sei. Dann liefen Thermokarst-Prozesse ab.

Weil eine hellere Oberfläche zudem grundsätzlich mehr Sonnenlicht zurück strahlt, sinkt diese Reflexion, wenn sich Staub oder Kohlepartikel auf Eisschichten, Gletscher legten, “dann kann das Sonnenlicht diese Flächen stärker erwärmen und schneller abtauen. Das heißt, man erwartet besonders in diesem Jahr, wenn so große Flächen brennen und viel Ruß und viele kleine Kohlepartikel auch in die Umgebung getragen werden, dass das wiederum auch das Abschmelzen der Eismassen beschleunigt.”

Die Ausdehnung der Brände sei ungewöhnlich, sagte Mark Parrington vom europäischen Mittelfrist-Wettervorhersagezentrum ECMWF auf Anfrage des Spiegel: „Die arktischen Feuer im Juni waren beispiellos“. Das Löschen der Feuer ist schwierig. Viele der Brandherde liegen fernab bewohnter Gebiete und sind für Einsatzkräfte nur schwer zugänglich. Hinzu kommen heftige Unwetter, wie sie vergangene Woche etwa über Alaska zogen. Binnen 48 Stunden wurden in dem US-Bundesstaat mehr als 10.000 Blitze registriert, einige davon könnten neue Feuer verursacht haben.

Der Juni war in vielen Regionen der Welt der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Laut Parrington lagen die Temperaturen in den Gebieten, in denen Feuer ausbrachen, bis zu zehn Grad Celsius über der Durchschnittstemperatur aus den Jahren 1981 bis 2010. Die Torfschichten, die große Teile der Arktis bedecken, enthalten nach Schätzungen zwischen 40 und 500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff.

Forscher der NASA haben in neuen Studien herausgefunden: Es ist zu spät! Selbst wenn die Bevölkerung ihre Treibhausemissionen zurückschraubt, ist der Anstieg des Meeresspiegels nicht mehr zu verhindern.

Jetzt stellen Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in einer Studie  eine Methode vor, die den Anstieg des Meeresspiegels verhindern könnte: Mit Billionen Tonnen zusätzlichen Schnees sollen die instabilen arktischen Gletscher beschneit werden. Dieses Vorgehen würde aber laut den Forschern einerseits beispiellose Ingenieurslösungen erfordern und andererseits in die letzten unberührten Regionen der Erde eingreifen. Das Hochpumpen, das Entsalzen und die Erwärmung des Meerwassers sowie das Betreiben der Schneekanonen würden eine Strommenge in der Größenordnung von mehreren zehntausend High-End-Windturbinen erfordern.

„Im Kern geht es um die Abwägung, ob wir als Menschheit die Antarktis opfern wollen, um die heute bewohnten Küstenregionen und das dort entstandene und entstehende Kulturerbe zu retten“, erklärt Studienautor Anders Levermann, Physiker am PIK und der Columbia University in New York. Das Wissenschaftsmagazin spektrum.de berichtet, dass es sich gerade  kaum abschätzen lässt, wie viele Feuer tatsächlich brennen, doch die Zahl in den vergangenen Monaten ist enorm. Allein 350 Brände wurden in Alaska gezählt.

Skepsis an der Berichterstattung – Medienschelte

Christoph Hormann lieferte in seinem  Blog Imagico.de unter der Überschrift “Die Arktis brennt – oder doch nicht” eine skeptische Stellungnahme zur aktuellen Berichterstattung über die arktischen Brände: “Irgendjemand scheint es irgendwann in den letzten paar Wochen geschafft zu haben, die Idee in den Köpfen von Journalisten zu platzieren, dass es derzeit extreme Brände in der Arktis gibt und dass dies irgendwie eine außergewöhnlich spektakuläre Nachricht ist. Die Berichte darüber sind dann meist so voll von fehlendem Hintergrundwissen und erfundenem Unsinn und Übertreibungen, dass das in erster Linie als Festmal für Klimawandel-Leugner dient.”

Es gebe in der Arktis derzeit nur sehr wenige Brände – sowohl dieses Jahr als auch in vergangenen Jahren. In weiten Teilen der Arktis sei der Schnee gerade noch am schmelzen oder gerade geschmolzen, so dass der Boden meist noch nass an der Oberfläche sei und damit Brände recht selten aufträten. Hormann: “Die Feuer, um die es derzeit geht, sind eigentlich Waldbrände im borealen Nadelwald. Solche Waldbrände treten in erheblicher Zahl jedes Jahr auf und sind im Grunde ein natürliches Ereignis. In diesem Jahr haben sie durch verbreitet warmes und trockenes Wetter im Juni insbesondere in Alaska und Teilen Sibiriens recht früh begonnen.  Aber ganz allgemein gibt es keine belastbaren Anhaltspunkte dafür, dass die Brände in diesem Jahr im Vergleich zu den letzten Jahren im Gesamt-Umfang besonders herausragend sind. Insbesondere im letzten Jahr gab es in Kanada sehr ausgedehnte Brände und auch Anfang Juli gab es schon erhebliche Brand-Aktivitäten. Abschließend lässt sich das natürlich erst am Ende des Sommers sagen.”

Ob es langfristig gesehen über die letzten Jahrzehnte durch Klimawandel einen Trend zu mehr Bränden gebe, sei eine Frage, die es wert wäre, solide untersucht zu werden. Das könne man jedoch nicht nur auf Grundlage von Beobachtungen der vergangenen ein bis zwei Jahre machen. Das Zählen einzelner Brände auf Grundlage von Satellitenbildern jedenfalls sei kein geeignetes Instrument dazu. Und falls es einen langfristigen Anstieg der Brände gebe, sei immer noch die wirklich signifikante Frage, ob und wie dies den Kohlenstoff-Haushalt des borealen Waldes als Ganzes beeinflusse. “Das ist keine triviale Frage.”

Die nächstliegende Erklärung für die ganze Aufregung in den Medien sei, so Hormann, dass eine größere Anzahl von Forschern in diesem Bereich versuche, mittels sensationslüstern aufgebauschter Mitteilungen über außergewöhnliche Beobachtungen Öffentlichkeit für ihre Arbeit herzustellen. Sie fänden willige Verbündete in Journalisten, die verzweifelt nach Clickbait-Material suchten. “Das ist nicht sehr verantwortungsvoll. Die fehlende Gründlichkeit bei der Analyse der Beobachtungen und das Weglassen des größeren Zusammenhangs spielt direkt in die Hände derjenigen, die Klimaforschung als fehlerhaft und nicht glaubwürdig diskreditieren möchten”.

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