„Kurzfristiger ökonomischer Gewinn bringt langfristig Verluste“

Susan Trumbore vom MPI für Biogeochemie über Waldbrand-Folgen im Amazonas für Weltklima

Im Amazonas-Regenwald wüten in diesem Jahr etwa 80.000 Feuer, mehr als doppelt so viele wie im vergangenen Jahr, viele mutmaßlich von Menschen gelegt. Reichlich Nahrung finden die Brände vor allem dort, wo das Amazonas-Gebiet durch großflächige Rodungen bereits geschädigt ist. Über die Bedeutung des Amazonas-Regenwaldes und die Bedrohungen für dieses einzigartige Ökosystem sprach Peter Hergersberg (Redaktion MaxPlanckForschung in der Kommunikations-Abteilung der Max-Planck-Gesellschaft) mit Susan Trumbore, Direktorin am Max-Planck-Institut für Biogeochemie (MPI-BGC) in Jena.

Auf die Frage, wie sich die Bedrohung des Amazonas seit dem Antritt der Regierung von Jair Bolsonaro verändert habe, sagte Susan Trumbore, vor Bolsonaro habe es einen wachsenden Konsens gegeben, “dass die wirtschaftliche Entwicklung in der Region durch intensivere Bewirtschaftung der bereits entwaldeten Gebiete und ohne weitere Abholzung erreicht werden kann”. Trumbore zeigte sich “traurig, diesen Konsens verloren zu sehen”. Bolsonaro argumentiere, die Industrieländer hätten ihre Wälder größtenteils abgeholzt, und beanspruche für Brasilien dasselbe Recht der ökonomischen Entwicklung.

Schwer abzuschätzen ist es in den Augen von Trumbore, welche Folgen es hätte, wenn der gesamte Amazonas-Regenwald verschwände. “Aber ein Verlust des Regenwaldes würde den Wasserhaushalt ganz Südamerikas stark beeinflussen, weil dort der größte Teil des Regens durch den Regenwald zirkuliert. Wir müssten mit zunehmenden Dürren rechnen und deutlich eingeschränkten Möglichkeiten, Ackerbau zu betreiben. Das lässt sich jetzt bereits in dem Bogen der Entwaldung beobachten, in dem bereits große Flächen abgeholzt sind. Dort dauert die Trockenzeit schon einen Monat länger, weil Nutzpflanzen weniger Wasser verdunsten und so die Menge des Wassers im hydrologischen Kreislauf sinkt. Wegen der reduzierten Verdunstung steigen auch die Temperaturen. In den letzten Jahrzehnten führte das lokal bereits zu einer zusätzlichen Erwärmung, die noch einmal so groß war wie die globale Erwärmung des vergangenen Jahrhunderts.”

Die Veränderungen außerhalb des tropischen Regenwaldes wären noch gravierender, denn der Regenwald sei “Motor des regionalen Klimasystems. Wenn er verschwände, würde das den Weg von Stürmen verändern und auch außerhalb der Tropen die Niederschläge beeinflussen und die Wüstengürtel verschieben.” Hergersberg weist darauf hin, dass durch eine Entwaldung des Amazonas-Gebietes nicht zuletzt ein riesiger Kohlenstoffspeicher verschwände. Wieviel CO2 dadurch in die Atmosphäre gelangen könnte, beantwortet Trumbore so:Der Amazonas Regenwald speichert bis zu 150 Gigatonnen Kohlenstoff in seinen Bäumen, die schlimmstenfalls frei werden könnten, wenn er gerodet würde. Zum Vergleich: Durch die Verfeuerung fossiler Brennstoffe setzten Menschen 2018 etwa 10 Gigatonnen Kohlenstoff als CO2 frei.”

Im Amazonas forscht Susan Trumbore an der Grenze von Regenwald und Savanne. Es hat sich gezeigt, dass sich der Wasser- und Energiehaushalt geschädigter Wälder zwar recht schnell erholen kann. Allerdings ist der Wald auch nach Jahren noch anfälliger für Schäden durch Stürme und Feuer – Foto © Sven Doering/MPG

Tumbores Projekte: “Wir haben ein Verbundprojekt mit brasilianischen Partnern in Mato Grosso, an der Grenze zwischen der brasilianischen Savanne und dem Regenwald. Dort wollen wir herausfinden, warum die Grenze zwischen beiden genau dort verläuft und ob der Wald in Gegenden, wo durch Rodungen nur noch kleine Stücke von ihm übrig sind, immer weiter der Savanne weicht. Wir nutzen die Langzeitexperimente, die unsere Partner zur Wirkung von Feuern vornehmen, um die Widerstandsfähigkeit dieser Wälder gegen Schäden zu ermitteln.

Die MP-Direktorin und ihr Team haben festgestellt, dass “Wasser- und Energiehaushalt geschädigter Wälder sich recht schnell erholen, was für das regionale Klima wichtig ist. Wir beobachten aber, dass der Wald auch nach Jahren noch anfälliger etwa für Sturmschäden ist. Und wir sehen, dass Gräser in den Wald einwandern. Dadurch können sich Feuer leichter ausbreiten. Möglicherweise gibt es sogar einen Kipppunkt, an dem der Wald so geschwächt ist, dass er zur Savanne wird. Insgesamt enthält der geschädigte Wald auch nach Jahren noch deutlich weniger Biomasse, speichert also weniger CO2“.

Ein weiteres Projekt hat Erkenntnisse dahingehend gezeitigt, dass auch starke Winde verbunden mit schweren Gewittern, die in großen Gebieten die Bäume umwerfen, die Biomasse stark reduzieren können. Mit dem Klimawandel könnten solche Stürme schwerer und häufiger werden. In diesem Projekt wird auch untersucht, “wie sich in den geschädigten Gebieten die Artenvielfalt ändert. Denn im nachwachsenden Wald finden sich andere Arten als im intakten Wald.”

Der Forschungsturm ATTO steht im noch weitgehend unberührten zentralen Amazonasgebiet. Dort können die Forscher die Energie- und Wasserbilanz des intakten Waldes studieren und untersuchen, wie sich der Klimawandel auf den intakten Wald auswirkt – Foto © MPI f. Chemie/Susanne Benner

Die Max-Planck-Gesellschaft betreibt auch den Forschungsturm ATTO, das Amazon Tall Tower Observatory bei São Sebastião do Uatumã, ein deutsch-brasilianisches Projekt, das der Erforschung der Biosphäre Regenwald dient und wie diese auf die globale Erwärmung reagiert.

Tumbore: “ATTO steht im zentralen Amazonas, wo es keine lange Trockenzeit gibt, sodass der Wald dort weniger für den Ackerbau abgeholzt wurde. Dort können wir die Energie- und Wasserbilanz des intakten Waldes studieren und wie sich der Klimawandel auf den unberührten Wald auswirkt. Mit Langzeitbeobachtungen, die wir noch geplant haben, wollen wir Hypothesen darüber testen, wie zunehmende Dürren und Stürme, die von Klimamodellen vorhergesagt werden, den regionalen Einfluss des Waldes auf die Atmosphäre verändern. So können wir potenzielle Kipppunkte, die zu einem Zustand mit einer anderen Art von Regenwald oder sogar ohne Regenwald führen, hoffentlich identifizieren, bevor wir sie passieren.”

Ob sich gerodete Flächen überhaupt so aufforsten ließen, dass der Regenwald wieder seine ursprünglichen Funktionen übernehmen könne, hängt den Untersuchungen Tumbores zufolge davon ab, was man wolle: “Für den Energie- und Wasserhaushalt reicht wahrscheinlich sogar ein verarmter Wald, vielleicht sogar eine Plantage. Wenn es aber um die Artenvielfalt geht und darum, welche Früchte und anderen Produkte der Wald liefert, ist das sicherlich schwieriger. Unsere bisherigen Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Amazonasbäume sehr langsam wachsen und dass es Jahrhunderte dauern könnte, bis sie ersetzt sind.

Für eines der Probleme hält es die Geochemikerin, “dass Bolsonaro es offenbar nicht für nötig hält, die Reservate zu respektieren. Dabei sind die Schutzgebiete nicht nur für die Biodiversität wichtig, sondern auch für das lokale Klima. Das Xingu-Reservat im Südosten etwa ist umgeben von weitgehend entwaldeten Gebieten. Wie Kollegen von mir gezeigt haben, trägt das Reservat dazu bei, dass in den Gebieten außerhalb Nutzpflanzen angebaut werden können. Denn es hilft, die Temperaturen ein bisschen niedriger zu halten, und führt durch eine erhöhte Luftfeuchtigkeit auch mehr Regen.”

Den Beitrag von Wissenschaftlern zum Schutz des Regenwaldes sieht Tumbore darin, die Botschaft rüberzubringen, “dass die Entwaldung jenseits einer bestimmten Schwelle das lokale Klima, also vor allem die Regenfälle und die lokale Temperatur massiv beeinflussen kann. So kann ein kurzfristiger ökonomischer Gewinn langfristig viel größere Verluste bringen, wenn sich die Städte nicht mehr mit Wasser versorgen lassen oder es zu Ernteausfällen kommt. Letzteres ist in der Mato Grosso-Regionen in den vergangenen Jahren schon geschehen, weil die Trockenzeit länger dauert. Dann säen Farmer zu früh und verlieren ihre Ernte und damit große Investitionen. Vielleicht ist in entwaldeten Gebieten jenseits einer bestimmten Schwelle auch gar kein Ackerbau mehr möglich. Immerhin: Deshalb wollen selbst Farmer die Variabilität des regionalen Klimas verstehen und wodurch sie verursacht wird.”


Susan Trumbore ist seit 2009 am MPI-BGC tätig. Sie ist außerdem Professorin für Erdsystemwissenschaften an der University of California Irvine und Honorarprofessorin an der Fakultät für Chemie und Geologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Trumbores wichtigster Forschungsbeitrag ist die Anwendung von Radiocarbon zur Untersuchung der Dynamik des Kohlenstoffkreislaufs in Pflanzen und Böden.
Trumbore ist Gründungs-Chefredakteurin der neuen Zeitschrift AGU Advances.
Sie ist Mitglied des Sprecher-Teams des Sonderforschungsbereichs AquaDiva und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung iDiv. Sie ist Koordinatorin des brasilianisch-deutschen ATTO-Projekts. Weitere Projekte sind das ERC Advanced Grant  14Constraint und das Tanguro Flux Project in Zusammenarbeit mit dem IPAM (Institute for Amazonian Research) und dem Woods Hole Research Centre.
Trumbore wurde in die US National Academy of Science (2010) und zum Fellow der Geochemical Society (2018) gewählt, ist Mitglied der American Geophysical Union (2006) und der American Association for the Advancement of Science (2006).

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