Klimaschutz zur Post-Corona-Wiederbelebung

Wirtschaftsweise Veronika Grimm setzt auf Wasserstoff

Die eben ernannte neue “Wirtschaftsweise” Veronika Grimm glaubt, der Klimaschutz könne die Wirtschaft nach der Corona-Krise wiederbeleben. Grimm, seit April 2020 im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, erwartet tief greifende Änderungen von Lieferketten bis zur Energiewirtschaft: „Wir werden internationalen Lieferketten weniger vertrauen“, sagte sie dem Handelsblatt. Die Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg hält es „richtig, dass man für bestimmte Produkte auch heimische Produktion braucht“. Dies gelte etwa für das Gesundheitswesen und den Energiesektor.

Wasserstoff-Tanklastzug an Multi-Energie-Tankstelle – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft

Für die Nutzung von grünem Wasserstoff und darauf basierenden synthetischen Kraftstoffen müssten komplexe Wertschöpfungsketten von der Erzeugung über die Logistik bis zur Anwendung entwickelt werden, so die neue Wirtschaftsweise. Und: Die Bundesregierung sollte solche Zukunftstechnologien konsequent und vorausschauend fördern. „Viele deutsche Firmen sind exzellent aufgestellt, um die Schlüsselkomponenten einer zukünftigen Wasserstoffwirtschaft zu produzieren.“

Veronika Grimm ist Wirtschaftswissenschaftlerin und seit 2008 Inhaberin des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie ist zudem Vorsitzende der Wissenschaftlichen Leitung des Energie Campus Nürnberg (EnCN), Vorständin des Zentrum Wasserstoff.Bayern (H2.B) und Direktorin des Laboratory for Experimental Research Nuremberg (LERN). Im April 2020 wurde sie als sogenannte Wirtschaftsweise in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen. Sie ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, in der Expertenkommission zum Monitoringprozess „Energie der Zukunft“ am BMWi, im Zukunftskreis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, im Sachverständigenrat für Verbraucherfragen sowie im Energy Steering Panel des European Academies Science Advisory Council (EASAC).

„Die Pandemie könnte der Anstoß sein für eine Energiepreisreform, die neue Geschäftsmodelle ermöglicht“, hofft Grimm. Denn die energiepolitischen Rahmenbedingungen spielten eine große Rolle, damit klimafreundliche Technologien und Produkte rentabler würden als die fossilen Energieträger. Mit einem CO2-Preis könne beispielsweise die EEG-Umlage abgeschafft und die Stromsteuer gesenkt werden.

Entscheidend – so Grimm – ist der Infrastrukturausbau mit Wasserstoffnetzen und -tankstellen, Ladestationen sowie flächendeckenden IT-Netzen für die Digitalisierung. Die Bundesregierung müsse sich im Rahmen ihrer EU-Ratspäsidentschaft darum bemühen, dass alle Initiativen im Bündnis in die gleiche Richtung gingen. Grimm sieht “gute Gründe, die Wasserstoffwirtschaft voranzutreiben“, denn ohne speicherbare stoffliche Energieträger werde Europa bis 2050 nicht klimaneutral werden können.

Schrittweise Lockerung des Shutdowns

„Diese Pandemie wird uns über lange Monate begleiten. Mittelfristig ist es wichtig, Gesundheitsschutz und wirtschaftliche Aktivitäten zu verbinden. Und das ist ein nicht ganz einfaches Unterfangen“, sagt die Professorin vom Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Man müsse Wege finden, die Ausbreitung der Pandemie zu beschränken, obwohl man bestimmte Aktivitäten wieder zulasse, so die Wissenschaftlerin.

„Ich glaube man kann Gesundheitsschutz und wirtschaftliche Aktivitäten verbinden“, sagt Grimm. Eine viel diskutierte Möglichkeit sei zum Beispiel die Nutzung von künstlicher Intelligenz bei der Pandemiebekämpfung. Die Nutzung von Tracking-Apps zur Identifikation von möglichen Kontakten seien hier genauso ein Baustein wie eine verstärkte Digitalisierung und Vernetzung im Gesundheitswesen. Bevor das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder anlaufen könne, sei es aber wichtig, dass genug Schutzkleidung und ausreichend Testkapazitäten vorhanden sind, um eine größere Kontrolle über das Infektionsgeschehen bei mehr sozialer Interaktion zu haben. Die Öffnung soll dabei schrittweise erfolgen. Besonders wichtig für Wirtschaft und Gesellschaft sind für Grimm Bildungseinrichtungen. Die Ökonomin gibt zu bedenken, dass man differenzieren muss, welche Aktivitäten digital fortgeführt werden können, und welche Institutionen auf Grund großer Wichtigkeit auch wieder physisch die Türen öffnen dürfen: „Da ist die Bildung eigentlich an vorderster Front.“

Aber auch nach der Öffnung wird der Shutdown seine Spuren hinterlassen und die Gesellschaft nachhaltig verändern. Die Wirtschaftswissenschaftlerin prognostiziert, dass die aktuell erlebte neue Lebenswirklichkeit Gewöhnungseffekte haben wird. Grimm ist überzeugt, dass „wir in ganz, ganz vielen Bereichen nicht mehr so agieren werden, wie wir bisher agiert haben.“ Viele Tätigkeiten würden digitaler und dadurch womöglich Ressourcen frei werden, Dinge noch besser und zielgerichteter zu tun.

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