Wenig Eis: Polarstern überraschend schnell am Nordpol

MOSAiC-Expedition erreicht Nordpol: Forschungseisbrecher überquert auf finalem Expeditionsabschnitt nördlichsten Punkt der Erde

Am 19.08.2020 um 12:45 Uhr erreichte der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern den Nordpol. Dabei hat das Schiff eine Route nördlich Grönlands genommen – durch ein Seegebiet, das in der Vergangenheit von dichter Bedeckung mit teilweise mehrjährigem Eis geprägt war. Die Reise von der nördlichen Framstraße bis zum Pol hat lediglich sechs Tage gedauert. „Es war ein unglaublich schneller Ritt“, sagte Expeditionsleiter Markus Rex. Die Freude der Forscher über diesen Höhepunkt ihrer einjährigen Expedition ist allerdings getrübt, zeigt ihre Reise doch, wie stark das Meereis in der Arktis zurückgeht. Berichte vom Alfred Wegener-Institut und dem Wiener Standard.

Denn in diesem Jahr zeigten Satellitenaufnahmen, dass die Eisbedeckung bis jenseits von 87 °Nord überraschend locker war. So entschieden MOSAiC-Expeditionsleiter Prof. Markus Rex und Polarstern-Kapitän Thomas Wunderlich, von der Position der letzten Versorgung in der nördlichen Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen direkt nach Norden zu fahren. „Wir sind größtenteils im offenen Wasser bis 87 ° 30 ’ Nord gelangt, oft mit Wasserflächen bis zum Horizont“, beschreibt Prof. Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung die Situation. „Wir waren uns aufgrund der Satellitenbilder zunächst nicht sicher, ob die lockere Eisbedeckung auf Winde und Strömungen zurückzuführen ist und hatten die Befürchtung, ein Wetterwechsel könnte das Eis wieder zusammenschieben. Das hätte bedeutet, dass wir wie in einer zugeschnappten Mausefalle im Eis eingeschlossen gewesen wären“, berichtet der MOSAiC-Expeditionsleiter, der den Nordpol bereits im Jahr 2000 schon einmal mit einem Forschungsflugzeug erreicht hatte. Vor Ort stellte sich jedoch heraus, dass das Meereis tatsächlich großflächig geschmolzen ist, und nicht nur von Wind auseinandergeschoben wurde. Dies ist ein weiteres besonderes Phänomen, dass während MOSAIC beobachtet und erforscht werden konnte, nach dem im Juli schon stark beschleunigte Eisschmelzraten im sibirischen Sektor auftraten.

Für die letzte Phase von MOSAiC nehmen die Expeditionsteilnehmenden die Gefrierphase in den Fokus. Es ist das letzte Puzzlestück, welches ihnen in der Beobachtung des gesamten Jahreszyklus des Eises der Arktis noch fehlt. Nachdem die MOSAiC-Scholle im Juli wie erwartet nahe der Eiskante in der Framstraße auseinandergebrochen ist, sind sie für diese letzte Phase weit nach Norden vorgestoßen, wo die Gefrierphase bald beginnen wird.

„Ich bin sehr erstaunt, wie weich und leicht durchfahrbar das Eis dieses Jahr bis 88 °Nord angetaut ist und dementsprechend weich und löchrig“, berichtet Kapitän Thomas Wunderlich. „Sogar nördlich von 88 °Nord sind wir meist mit 5-7 Knoten unterwegs, das habe ich soweit im Norden noch nicht erlebt“, sagt der Polarstern-Kapitän. „Die Situation ist für diese Region historisch. Normalerweise hält man sich aus der Region nördlich von Grönland besser fern, weil hier das dickere und ältere Eis liegt und kaum ein Durchkommen ist. Jetzt finden wir hier erstmals ausgedehnte Flächen offenen Wassers fast bis zum Pol vor“, ordnet Thomas Wunderlich ein.

Die Festlegung der Route erfolgte auf Basis von Eiskarten und war so ausgewählt, dass sie den schnellsten Zugang zur Zielregion des abschließenden MOSAiC-Abschnitts im Zentrum der Transpolardrift erlaubt. Eventuell wird die Polarstern vom Pol aus der Transpolardrift noch etwas aufwärts (also vom Pol aus in Richtung Sibirien) folgen, bis sie etwa 87 ° Nord erreicht. „Je nach Eisbedingungen, werden wir jedoch auch bereits im Bereich des Nordpols nach einer geeigneten Scholle suchen, um die Arbeit auf dem Eis möglichst frühzeitig zu beginnen“, erläutert Rex. Im Fokus der Forschenden stehen der Beginn des Frierens und die frühe Phase der Eisbildung. Diese Prozesse sollen an einer Eisscholle studiert werden, die der ursprünglichen MOSAiC-Scholle möglichst ähnlich ist.

„Wir waren uns aufgrund der Satellitenbilder zunächst nicht sicher, ob die lockere Eisbedeckung auf Winde und Strömungen zurückzuführen ist und hatten die Befürchtung, ein Wetterwechsel könnte das Eis wieder zusammenschieben. Das hätte bedeutet, dass wir wie in einer zugeschnappten Mausefalle im Eis eingeschlossen gewesen wären“, sagt Rex. Vor Ort stellte sich jedoch heraus, dass das Meereis tatsächlich großflächig geschmolzen war und nicht nur von Wind auseinandergeschoben worden war.

Das arktische Eis erreicht gewöhnlich im März seine größte und im September seine geringste Ausdehnung. Im September 2012 war mit 3,4 Millionen Quadratkilometern die bisher kleinste Eisfläche seit 1979 beobachtet worden, im September 2019 die zweitgeringste Ausdehnung. Ob die Negativ-Rekorde in diesem Jahr noch einmal getoppt werden, werde sich im September zeigen, so Rex.

Das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) hatte bereits im Juli mitgeteilt, dass die arktische Meereisausdehnung so gering ist, wie es seit Beginn der Satellitenmessungen für den Monat Juli noch nie beobachtet wurde. „Es ist erschreckend zu sehen, wie dünn das Meereis ist und wie schnell es schmilzt. Es muss dringend etwas passieren. Die Arktis kann nicht lange warten“, sagt Rex.

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