Erdüberlastungstag 2020 mehr als drei Wochen später

Aber kein Trost

Vom 1. Januar bis zum 22. August 2020 hat die Menschheit der Natur so viel abverlangt, wie die Erde im ganzen Jahr erneuern kann. Das zeigen Berechnungen des Global Footprint Networks und der York University. Die Corona-Lockdowns haben den ökologischen Fußabdruck der Menschheit um fast 10 Prozent schrumpfen lassen. Aber wir verbrauchen immer noch zu viele ökologische Ressourcen: wir leben so, als wäre unsere Erde 60 Prozent größer oder als ob wir 1,6 Erden zur Verfügung hätten.

COVID-19 hat den ökologischen Fußabdruck der Menschheit zwar geringfügig schrumpfen lassen. 2019 fiel der Earth Overshoot Day bereits auf den 29.Juli. Im Lichte der Pandemie scheint es möglich, den Ressourcenverbrauch innerhalb kurzer Zeit zu senken. Aber echte Nachhaltigkeit, die das Wohlergehen aller auf dieser Erde auch langfristig ermöglicht, kann nur durch Design erreicht werden, nicht durch Desaster. Die Herausforderung, unsere Wirtschaft wieder anzukurbeln, bietet Ländern eine einzigartige Chance, die Zukunft so zu gestalten, wie wir sie uns wünschen.

Späterer Earth-Overshoot-Day eröffnet Wege für eine Zukunft innerhalb der Möglichkeiten unseres Planeten

Auch haben sich öffentliche Gesundheit und wirtschaftliche Erholung weltweit als vorherrschende Anliegen herauskristallisiert. Damit sind Entscheidungsträger aufgerufen, Initiativen zu stärken, die es uns allen erlauben, innerhalb der ökologischen Möglichkeiten des Planeten zu leben.

“Das diesjährige plötzliche Schrumpfen des ökologischen Fußabdrucks darf nicht mit Fortschritt verwechselt werden”, sagte Laurel Hanscom, CEO von Global Footprint Network. “Wir sind gegen erzwungene Reduzierungen, die Leid verursachen.”

Halbierung der CO2-Emissionen: 115 Tage später

Es gibt viele Lösungswege, die gemeinschaftlich oder individuell angegangen werden können. Wir beeinflussen die Zukunft maßgeblich dadurch, wie wir die Nahrungsmittel produzieren, wie wir uns fortbewegen, wie wir uns mit Energie versorgen, wie viele Kinder wir haben und wie viel Land wir für wilde Tiere schützen. Halbierten wir zum Beispiel die CO2 Emissionen, so würde sich das Earth-Overshoot-Datum um 115 Tage verschieben.

Halbierung der Lebensmittelabfälle: 13 Tage später

Unser Nahrungssystem beansprucht heute bereits mehr als die Hälfte der Biokapazität unseres Planeten. Daher spielt es eine Rolle, was und wie wir essen. Nahrungsweisen, die weniger CO2-intensiv sind und die biologische Vielfalt schonen, und gleichzeitig auch gesünder sind, verdienen besondere Aufmerksamkeit. Das zeigen auch die gemeinsamen Forschungsarbeiten des Global Footprint Networks und des Barilla Center for Food and Nutrition. Ein Halbieren der Lebensmittelabfälle vom Hof zum Teller würde den Earth-Overshoot-Day um 13 Tage verschieben.

Da wir uns auf eine Welt vorbereiten müssen, die zunehmend vom Klimawandel und von Ressourcenbeschränkungen geprägt ist, beschreibt Overshootday.org, was jede und jeder Einzelne tun kann. Der Footprint-Rechner zum Beispiel hilft allen, ihre eigene Situation zu überprüfen. Außerdem werden existierende Initiativen und Projekte von Unternehmen, Regierungen, Gemeinden und Einzelpersonen, die Nachhaltigkeit effektiv fördern, auf der interaktiven #MoveTheDate Lösungskarte vorgestellt.

In Anerkennung der verschobenen COP26-Klimakonferenz der UNO in Schottland lancierten die schottische Umweltschutzbehörde (SEPA), die Universität Glasgow und das Global Footprint Network am 20.08.2020 den Earth-Overshoot-Day in Glasgow. Die SEPA selbst hat das “One-Planet-Prosperity”-Konzept zur eigenen Doktrin gemacht. Die live übertragene Veranstaltung bringt führende Persönlichkeiten aus dem privaten und dem öffentlichen Sektor in Schottland, Großbritannien und der ganzen Welt zusammen.

Für Unternehmen wird es zu einer zentralen Geschäftsstrategie, Lösungen zu finden, die es der Menschheit ermöglichen, innerhalb der ökologischen Möglichkeiten unseres endlichen Planeten zu gedeihen. Die Wohlstandsdimension können wir mit dem Human-Development-Index (HDI) der Vereinten Nationen abschätzen. Ob wir auf dem Planeten ausreichend Platz haben, misst der ökologische Fußabdruck. Wie das angewendet werden kann, zeigt das neue E-Book von Schneider Electric und Global Footprint Network.

Die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen, aber auch von Ländern und Städten, hängt von einem sorgfältigen Umgang mit ökologischen Ressourcen ab. So sank Australiens Biokapazität während seiner massiven Waldbrände im Jahr 2019 auf fast die Hälfte. Damit ist Australien zum ersten Mal in seiner Geschichte von einem Biokapazitätsdefizit gekennzeichnet. Im Gegensatz dazu zeigt Schottland mit seiner aggressiven Dekarbonisierungsstrategie und seiner beachtlichen Biokapazität, dass es möglicherweise bald sein Biokapazitätsdefizit zu schließen vermag.


Link zum Video: youtube.com/watch?v=mHzkNepI6OE&feature=youtu.be&utm_campaign

Der globale Overshoot begann in den frühen 1970er-Jahren. Heute entspricht die kumulative ökologische Schuld 18 Erdenjahren. Mit anderen Worten: Es würde 18 Jahre der gesamten Regeneration unseres Planeten brauchen, um die Schäden der Übernutzung der natürlichen Ressourcen wieder auszugleichen, vorausgesetzt die Übernutzung wäre vollständig reversibel. Lösungen existieren, die es möglich machen, innerhalb der ökologischen Kapazitäten unseres Planeten zu leben. Das Gegenteil ist langfristig gesehen per Definition unmöglich. Wenn wir den Earth-Overshoot-Day jedes Jahr um 5 Tage nach hinten verschieben (#MoveTheDate), würde die Menschheit schon vor 2050 weniger als die ganze Erde nutzen.

Über den ökologischen Fußabdruck

Der ökologische Fußabdruck ist die umfassendste Bilanzierungsmetrik für biologische Ressourcen, die es gibt. Er summiert alle Ansprüche der Menschen an biologisch produktive Flächen: Nahrung, Holz, Fasern, Absorption von CO2 und die Fläche für Straßen und Städte. Gegenwärtig machen die CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brenn- und Treibstoffe 57 Prozent des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit aus.

Zum Earth Overshoot Day / Erdüberlastungstag 2020

  • Das spätere Datum des Earth-Overshoot-Day 2020 reflektiert die 9,3-prozentige Reduktion des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit zwischen dem 1. Januar bis zum Earth-Overshoot-Day im Vergleich zum gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Das ist eine direkte Folge der Corona-Lockdowns in den meisten Ländern der Welt. Die gewichtigsten Faktoren, die diese Reduktion des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit bestimmten, waren der Rückgang des Holzschlags und der CO2-Emissionen, was zu einer Verringerung des Fußabdrucks für Waldprodukte (8%) und des Carbon-Footprints (14,5%) führten.
  • Die Menschheit verbraucht derzeit 60% mehr Ressourcen als durch die Natur regenerierbar sind – oder so viel, als ob wir auf 1,6 Planeten oder eben einer 60 Prozent größeren Erde leben würden. Vom Earth-Overshoot-Day bis zum Ende des Jahres wächst das ökologische Defizit der Menschheit, das in den meisten Jahren seit dem ökologischen Overshoot der Welt in den frühen 1970er-Jahren zugenommen hat. Dies geht aus den National Footprint & Biocapacity Accounts (NFA) hervor, was auf UN-Datensätzen basiert (mit 15.000 Datenpunkten pro Land und Jahr).
  • Der Earth-Overshoot-Day wird unter Verwendung der „National Footprint and Biocapacity Accounts“ berechnet, die jetzt von der York University in Toronto gepflegt und aktualisiert und von der neuen Footprint Data Foundation verwaltet werden.

Zu Global Footprint Network

Global Footprint Network, der Organisator des Earth-Overshoot-Days, ist eine internationale Nachhaltigkeitsorganisation, die alle unterstützt, innerhalb der Möglichkeiten der Erde zu leben und auf den Klimawandel zu reagieren. Seit 2003 arbeiten wir mit mehr als 50 Ländern, 30 Städten und 70 globalen Partnerorganisationen zusammen, und liefert wissenschaftliche Erkenntnisse, als Basis für wirkungsvolle Entscheidungen in Politik und Wirtschaft. Gemeinsam bauen wir eine Zukunft, in der wir alle innerhalb der Grenzen unseres einen Planeten gedeihen können. www.footprintnetwork.org

BUND: Warnsignale hören – Ressourcenwende einleiten

Anlässlich des Earth Overshoot Day mahnt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zu einer radikalen Kehrtwende in der Art, wie wir wirtschaften und leben. Olaf Bandt, BUND-Vorsitzender: „Die Warnsignale blinken rot: Unsere Erde ist bis zum Anschlag überlastet. Dabei geht es um nichts weniger als unsere Existenzgrundlage. Wir müssen endlich die Grenzen des Planeten einhalten.“ Mit Blick darauf, dass der diesjährige Erdüberlastungstag drei Wochen später liegt als 2019, warnt der BUND-Vorsitzende vor Optimismus: „Es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Der Tag liegt immer noch viel zu früh im Jahr. Und keinesfalls dürfen wir jetzt zum Normalbetrieb zurückkehren, sonst rückt der Erdüberlastungstag schon im nächsten Jahr wieder weit nach vorn im Kalender.“

Im Vergleich zu den Auswirkungen der Corona-Krise werden die Folgen der Klimakrise, des Artensterbens und der Rohstoffkrise um ein Vielfaches drastischer sein. Bandt weiter: „Die von Menschen gemachten Krisen haben die Welt an einen Abgrund geführt. Wie ein Bumerang kommen die Folgen unserer Art zu wirtschaften und zu leben auf uns zurück. Statt weiter auf Wirtschaftswachstum auf Kosten von Mensch und Umwelt zu setzen, muss die Bundesregierung endlich die sozial-ökologische Transformation unserer Wirtschaft zu ihrer Handlungsmaxime machen.“ Constantin Kuhn aus dem Vorstand der BUNDjugend ergänzt: „Wenn wir jetzt nicht ambitioniert umsteuern, wird sich weltweit auch die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vergrößern, die Abfallmengen weiter zunehmen und es wird sehr teuer, diese Krisen abzuwenden – alles auf dem Rücken unserer und zukünftiger Generationen.” In Deutschland überziehen Industrie und Bevölkerung ihr Ressourcen-Budget vor allem mit der Folge eines viel zu hohen CO2-Ausstoßes. Essenziell sind daher der Ausstieg aus der Kohle vor 2030 und eine Wende in der Verkehrs-, Ressourcen- und Agrarpolitik.

Über 90 Prozent der des Biodiversitätsverlustes sind auf die Gewinnung und Verarbeitung von Materialien, Brennstoffen und Lebensmitteln zurückzuführen. „Ob nun Moore entwässert werden, um die Flächen für die industrielle Landwirtschaft zu nutzen, Biotope zerstört werden, um Autobahnen oder Industriegebiete zu bauen oder der Regenwald im Amazonas abgeholzt wird, um Eisenerz oder Bauxit für die deutsche Autoindustrie zu gewinnen: Jeder Ressourcenverbrauch bedeutet am Ende einen Verlust von Lebensräumen“, so der BUND-Vorsitzende. „Die Regierung muss handeln, damit brütend heiße Sommer, ausgetrocknete Seen und sterbende Wälder nicht zur neuen, katastrophalen Normalität werden.“

->Quellen:

Zusätzliche Ressourcen