Biosprit von unrentablen Äckern

Industriepflanzen könnten auf 65 Mio ha unproduktivem Ackerland angebaut werden

Ein europäisches Projekt unter führender Beteiligung der Universität Hohenheim (Fachgebiet Nachwachsende Rohstoffe, Bioökonomie) erforscht, wie unrentable Äcker mit Bio-Rohstoffen nachhaltig und wertschöpfend genutzt werden können. Rund 65 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Flächen in Europa sind für die konventionelle Landwirtschaft kaum oder gar nicht nutzbar. Dieses enorme Potenzial soll das europäische Forschungsprojekt MAGIC erschließen, in dem sich Forschende aus zwölf Ländern mit der Frage beschäftigen, wie Landwirte diese sogenannten marginalen Nutzflächen mit wenig Aufwand mit dem Anbau von Industriepflanzen wirtschaftlich rentabel nutzen können. Bremsender Widerspruch kommt vom Berliner MCC.

Industriepflanzen wie der Riesen-Chinaschilf (Miscanthus-Gras), eine der drei ertragreichsten Energiepflanzen, machen wenig produktive Standorte rentabel: Im EU-Projekt MAGIC untersuchen die Universität Hohenheim und ihre Partner, wie unrentable Flächen nachhaltig und wertschöpfend genutzt werden können – Foto © HamsterdancerEig. Werk, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

Die Uni Hohenheim ist eine von 26 Kooperationspartnerinnen in dem von der EU mit rund sechs Millionen Euro geförderten Bioökonomie-Vorhaben. Das Projekt gehört mit fast 400.000 Euro Fördergeld in Hohenheim zu den Schwergewichten der Forschung.

Rund 65 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche, eine Fläche etwas größer als Frankreich, wurden in Europa aufgegeben, weil der Anbau von Nahrungsmittelpflanzen nicht mehr rentabel war. Ungünstige Bedingungen wie niedrige Temperaturen, Trockenheit oder übermäßige Nässe, Bodenprobleme oder auch steile Hanglagen machten die Bewirtschaftung dieser Flächen für die Landwirte uninteressant.

Das EU-Projekt „Marginal lands for Growing Industrial Crops: Turning a burden into an opportunity“, kurz MAGIC, soll hier Abhilfe schaffen. Seit mehr als drei Jahren beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zwölf europäischen Ländern mit der Frage, wie diese Flächen durch den Anbau von so genannten Industriepflanzen zugleich wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig genutzt werden können.

Industriepflanzen liefern nicht nur reichlich erneuerbare Biomasse zur Energieerzeugung, sondern auch für die Produktion biobasierter Rohstoffe. Diese sind wiederum Ausgangsmaterial für die Herstellung von modernen, hochwertigen Materialien, wie beispielsweise biobasierte Kunststoffe oder Verbundmaterialien, Schmierstoffe, Chemikalien und Pharmazeutika.

Nachhaltige Biomasseproduktion auf marginalen Flächen für eine wachsende Bioökonomie

Den Grundgedanken von MAGIC erklärt die Leiterin des Fachgebietes Nachwachsende Rohstoffe in der Bioökonomie an der Universität Hohenheim Prof. Iris Lewandowski: „MAGIC ist ein breit angelegtes Projekt, mit dem wir europaweit Landwirten Möglichkeiten zum Anbau von Industriepflanzen aufzeigen wollen und ihnen Entscheidungshilfe geben möchten: Angefangen bei der Kartierung von Flächen über Züchtung und Auswahl geeigneter Pflanzen bis hin zur Entwicklung von Anbau- und Ernteverfahren. Nicht zuletzt wollen wir auch Handlungsempfehlungen für Politiker erstellen, um diese Form der landwirtschaftlichen Nutzung zu unterstützen.“

So können durch den Anbau von Industriepflanzen einerseits marginale landwirtschaftliche Nutzflächen dazu genutzt werden, wertvolle Rohstoffe für Produkte mit einer hohen Wertschöpfung sowie für die Erzeugung von Bioenergie zu liefern, wobei zudem keine Konkurrenz zur der Nahrungsmittelproduktion entstehe. Andererseits werde auch die Einkommensgrundlage der Landwirte verbessert. „Indem stillgelegte Flächen wieder nutzbar gemacht und damit aufgewertet sowie neue Märkte für die Biomasse erschlossen werden, verbessert sich auch das Einkommen der Anbauer“, fährt Prof. Dr. Lewandowski fort.

Verlust an Biodiversität, Bodenerosion und Freisetzung von Treibhausgasen verringern

Ihr Mitarbeiter und seit 2018 Leiter des Hohenheimer Arbeitspaketes Moritz von Cossel ergänzt: „Zudem trägt der Anbau von Industriepflanzen durch seine extensive Bewirtschaftungsweise dazu bei, den Verlust an Biodiversität, die Bodenerosion und die Freisetzung von Treibhausgasen zu verringern. Das Großgras Miscanthus beispielsweise wächst bis zu 20 Jahre lang auf derselben Fläche, ohne dass der Landwirt den Boden bearbeiten muss. Und da es im Frühjahr geerntet wird, verhindert es nicht nur, dass bei heftigen Herbststürmen wertvoller Boden abgetragen wird, sondern trägt auch dazu bei, dass die Bodenfruchtbarkeit gefördert werden kann.“

Nachhaltigkeit spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewertung aller Maßnahmen. Denn der Nutzen des Anbaus von Industriepflanzen hängt sehr stark davon ab, ob es zu einer potenziellen Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion kommen kann, ob Biodiversität und andere Ökosystemleistungen beeinträchtigt werden und welche Industriepflanzen und Bewirtschaftungsmethoden eingesetzt werden sollen.

Pflanze und Standort müssen zusammen passen

Ausgangspunkt für die MAGIC-Forschenden war die Frage, welche Pflanzen unter welchen Bedingungen für den Anbau auf marginalen landwirtschaftlichen Nutzflächen geeignet sind. „Obwohl Industriepflanzen meist eine andere Robustheit zum Beispiel gegenüber sandigen oder versalzten Flächen mitbringen als Nahrungspflanzen, sind auch sie nicht für alle Marginalstandorte geeignet“, erklärt von Cossel. Deswegen wurden zunächst europaweit marginale landwirtschaftliche Nutzflächen erfasst und kartiert, auf denen Industriepflanzen, sozial-ökologisch und nachhaltigen Kriterien folgend, angebaut werden könnten. Zudem wählten die Wissenschaftler insgesamt 20 ein- und mehrjährige Pflanzenarten für weitere Anbauversuche aus – darunter auch wiederentdeckte alte Kulturarten wie Leindotter oder Färberdistel.

Dabei seien viele Pflanzen mehrfach nutzbar. So werde beispielsweise aus den Samen des Nutzhanfs Öl gewonnen, während aus den Stängeln Fasern erzeugt würden: „Angefangen beim Pflanzkübel über kleine Parzellen bis hin zu ganzen Feldern testen wir europaweit, wie sich die Pflanzen unter marginalen Wachstumsbedingungen entwickeln“.

MCC: Klima-Plantagen machen die Welt nicht nachhaltiger

Schnell wachsende Pflanzen anbauen, verfeuern und das CO2 abscheiden und speichern? Ein Beitrag für die Fachzeitschrift Global Change Biology Bioenergy zeigte am 15.02.2021 die Grenzen dieser Idee. Weltweit wird eine halbe Million Quadratkilometer mit Bioenergie-Pflanzen bewirtschaftet. Jedes zweite wissenschaftliche Zukunftsszenario, das die Temperaturziele des Weltklimaabkommens von Paris berücksichtigt, enthält ein krasses Element: Im Jahr 2100 sind mindestens sechs Millionen Quadratkilometer, 17-mal Deutschland, mit Klima-Plantagen bedeckt. Besonders schnell wachsende Pflanzen ziehen CO2 aus der Atmosphäre, werden in Biokraftwerken verfeuert – und dabei wird das Treibhausgas abgeschieden und gespeichert. „Bioenergy with Carbon Caputure and Storage“ lautet der Fachbegriff. Doch diese Größenordnung ist unrealistisch und irreführend, warnt ein Autorenteam unter Führung des Berliner Klimaforschungsinstituts MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change). „Solche Rechnungen helfen der Wissenschaft beim Verständnis von Zusammenhängen – doch Politik und Öffentlichkeit dürfen sie nicht als irgendwie wünschenswert missverstehen“, sagt Felix Creutzig, Leiter der MCC-Arbeitsgruppe Landnutzung, Infrastruktur und Transport und Leitautor des Beitrags. „Unter den gegenwärtigen Umständen sollte die Fläche für den Anbau von Bioenergie-Pflanzen, weltweit rund 500.000 Quadratkilometer, überhaupt nicht erhöht werden.“ Creutzig ist an führender Stelle auch selbst damit befasst, Klimaforschung für Entscheidungsprozesse aufzubereiten: Als „Koordinierender Leitautor“ ist er im für 2021 oder 2022 erwarteten Sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC federführend für das Kapitel über Nachfrage, Dienstleistungen und soziale Aspekte des Klimaschutzes.

Spezielle Bewirtschaftungs- und Ernteverfahren

Die MAGIC-Forschenden interessiert noch, welche Bewirtschaftungsmethoden einerseits mit dem geringsten Aufwand für den Landwirt als auch mit dem kleinsten Eingriff in das Ökosystem verbunden sind. Dabei zeigte sich, dass vor allem die zum Standort passende Auswahl der Industriepflanzen ein entscheidender Faktor ist. Denn alle anderen notwendigen Maßnahmen, wie Bodenbearbeitung, Düngung, Unkrautbekämpfung, Bewässerung usw., hängen sehr stark davon ab, wie die Pflanze an den jeweiligen Standort angepasst ist. Ebenso muss die Ernte-Technologie auf die jeweilige Pflanzenart zugeschnitten sein. Für die Ernte von Industriepflanzen kommen oft andere Ernteverfahren zum Einsatz als für Nahrungspflanzen. „Oftmals verfügen Landwirte nicht über das notwendige Wissen, wie und wann sie die Pflanzen anbauen und ernten müssen, und verzichten deswegen ganz auf den Anbau“, erklärt von Cossel.

 Alle Erkenntnisse aus den Kartierungsarbeiten fließen in eine auf der Projekt-Website öffentlich zugängliche Datenbank ein. Besucher können sich so über den Status von marginalen Landflächen in ihrer Region informieren. Sie können aber auch dabei helfen, die Qualität der Karte zu verbessern.

Ergänzend gibt es auf der Website eine weitere Datenbank mit Informationen zu den 20 wichtigsten Industriepflanzen, die auf Marginalstandorten angebaut werden können. In Faktenblättern sind alle wesentlichen Informationen zu der jeweiligen Nutzpflanze zusammengefasst, angefangen bei ihren Boden- und Klimapräferenzen, über die Bodenvorbereitung und Aussaat, Wasser- und Düngebedarf, Krankheiten und Schädlingen, bis hin zu Erträgen und Verwendungszwecken sowie Besonderheiten zu Ernteverfahren und Lagerung.

Ein zusätzliches Entscheidungssystem gibt einen schnellen und anschaulichen Überblick über die geeignetsten Industriepflanzen für die gegebenen klimatischen und geologischen Standortbedingungen und soll Landwirten bei der Entwicklung nachhaltiger Industriepflanzenanbausysteme auf marginalen landwirtschaftlichen Nutzflächen helfen.

->Quellen und weitere Informationen: