Zukunft zirkulär gestalten und Rohstoffe sichern

„Modell Deutschland Circular Economy“

Mit dem am 27.06.2023 publizierten Modell entwickelten WWF Deutschland, Öko-Institut, Fraunhofer ISI und FU Berlin ein umfassendes Bild für zirkuläres Wirtschaften und zirkulären Konsum in Deutschland. Die Transformation der deutschen Gesellschaft zu einer Circular Economy hätte große positive Effekte auf den Klima-, Ressourcen- und Biodiversitätsschutz. Zudem würde die deutsche Wirtschaft erheblich an Versorgungssicherheit gewinnen und ihre Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen reduzieren. Dies zeigt die heute veröffentlichte Untersuchung „Modell Deutschland Circular Economy“. Sie bietet zusammen mit dem Politik-Blueprint eine wissenschaftliche Grundlage mit konkreten Maßnahmen, Instrumenten und Folgeabschätzungen.

Symbol Kreislaufwirtschaft – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft, für Solarify

„Unser Hunger nach Ressourcen scheint bisher unstillbar – und dies hat uns direkt in die zunehmende Dreifachkrise aus Erderhitzung, Artensterben und Umweltverschmutzung geführt“, sagt Rebecca Tauer, Programmleiterin Circular Economy beim WWF Deutschland. Beispielsweise hat Deutschland 2018 mit 16,4 Tonnen pro Kopf rund 13 Prozent mehr Rohstoffe verbraucht als der EU-Durchschnitt und die Rohstoffentnahme und -verarbeitung in Deutschland ist für 40 Prozent unserer Treibhausgasemissionen verantwortlich. „Die Circular Economy bringt uns aus dieser Sackgasse wieder heraus, indem sie unser lineares Wirtschaften aus ‚Take-Make-Waste‘ ablöst. Bisher fehlt jedoch ein konkretes und holistisches Zielbild für den Umbau der deutschen Wirtschaft zu einer echten Circular Economy.“

Circular Economy bringt echten Klima- und Biodiversitätsschutz

Der gesamtgesellschaftliche Nutzen einer Circular Economy ist deutlich höher als die damit einhergehenden sozio-ökonomischen Kosten der Transformation, zeigt die Studie. „Die zirkuläre Transformation könnte die Treibhausgasemissionen um bis zu 26 Prozent reduzieren und den Rohstoffkonsum um bis zu 27 Prozent bis zum Jahr 2045 senken”, sagt Siddharth Prakash, Projektleiter und Leiter Zirkuläres Wirtschaften & Globale Wertschöpfungsketten beim Öko-Institut. „Den Ressourcenverbrauch zu reduzieren und vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln ist zentral, um die planetaren Grenzen zukünftig einzuhalten. Mit dem ‚Modell Deutschland‘ liefern wir wichtige Impulse für die Politik, um eine zukunftsträchtige, nachhaltige und wettbewerbsfähige Wirtschaftsstruktur zu gestalten.“

„Unser Hunger nach Ressourcen scheint bisher unstillbar – und dies hat uns direkt in die zunehmende Dreifachkrise aus Erderhitzung, Artensterben und Umweltverschmutzung geführt. Die Circular Economy stärkt langfristig den Wirtschaftsstandort Deutschland und ist der tragende Baustein für das Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen.“ (Rebecca Tauer, Expertin für Circular Economy beim WWF Deutschland)

Allein mit fünf Maßnahmenbündeln lassen sich über alle untersuchten Sektoren hinweg schon fast 84 Prozent der Treibhausgasreduktion erzielen. „Geringere Wohn- und Bürofläche, weniger Individualverkehr, stärker pflanzenbasierte Ernährung, ressourceneffizientere Rechenzentren und geringerer Konsum von Textilien sind Ansätze, die eine große Wirkung erzielen“, sagt Prakash. „Diese Maßnahmen führen außerdem zu 30 Prozent weniger Landnutzung in den betrachteten Sektoren und tragen so zum Schutz der Biodiversität bei.“

Spürbar erhöhte Versorgungssicherheit durch Circular Economy  

Einige Rohstoffe sind für eine erfolgreiche Energie- und Mobilitätswende notwendig, verursachen aber hohe Umweltschäden und sind in Bezug auf Versorgungsrisiko und wirtschaftliche Bedeutung kritisch. „Im ‚Modell Deutschland‘ zeigt sich, dass der Rohstoffbedarf in Deutschland durch verringerten Verbrauch und vermehrtes Recycling bei vielen Rohstoffen entspannt werden kann“, sagt Antonia Loibl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI. „Bei beispielsweise Neodym, Kobalt und Kupfer könnte der angenommene Bedarf für das Jahr 2045 durch das ‚Modell Deutschland‘ zu mehr als 50 Prozent durch die entsprechenden zirkulären Maßnahmen gedeckt werden. Das Risiko von Versorgungsengpässn sinkt mit den Maßnahmen der Circular Economy.“

Den Wandel aktiv gestalten

„Damit die Vision, Leitprinzipien und Ziele einer Circular Economy umgesetzt werden können, braucht es Verbindlichkeit. Dafür ist eine Governance-Struktur für ein Ressourcenschutzgesetz, analog zum Klimaschutzgesetz, zentral“, sagt Klaus Jacob, Leiter der Forschungsgruppe Policy Assessment an der FU Berlin.

Die Instrumente zur Förderung von zirkulären Maßnahmen sind zwar in der Regel bekannt, müssen allerdings weiterentwickelt und viel ambitionierter gestaltet werden, damit die erwünschte ökologische Lenkungswirkung eintritt. Beispielsweise sollte die Steuer- und Finanzpolitik bessere Anreize für zirkuläres Wirtschaften liefern, die öffentliche Beschaffung verbindlich Umweltaspekte einplanen und Hersteller sowie Inverkehrbringer von Produkten eine größere Verantwortung für ihre Produkte übernehmen, so die Analyse.

Die Autorinnen und Autoren der Studie empfehlen für 2045 lediglich einen Pro-Kopf-Rohstoffkonsum von 7 Tonnen pro Jahr; zudem sollte der absolute Rohstoffkonsum auf rund 500 Millionen Tonnen gesenkt werden. Außerdem müsste die zirkuläre Materialnutzungsrate (Circular Material Use Rate) in Deutschland bis 2030 auf 25 Prozent erhöht werden.

„Deutschland muss mit der Circular Economy dringend aufholen und damit das schlummernde Potenzial für Klima- und Biodiversitätsschutz nutzen. Dafür sollte die Bundesregierung eine ambitionierte und konkrete nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie bis nächstes Jahr verabschieden“, fordert Rebecca Tauer vom WWF Deutschland. „Die Circular Economy stärkt langfristig den Wirtschaftsstandort Deutschland und ist der tragende Baustein für das Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen.“

Zusammenfassung aus der Broschüre „Modell Deutschland Circular Economy“

Der Welt-Rohstoffkonsum hat sich seit 1970 verdreifacht. Deutschland nimmt im Ländervergleich einen Spitzenplatz ein. Der übermäßige Verbrauch von Rohstoffen und Ressourcen unter Missachtung der planetaren Grenzen macht den Mammutanteil der Dreifachkrise aus Erderhitzung, Artensterben und Umweltverschmutzung aus. Zudem gibt es schwerwiegende soziale und menschenrechtliche Folgen im Zusammenhang mit dem Abbau von Rohstoffen. Insgesamt steht nicht weniger auf dem Spiel als die Zukunft unserer und nachfolgender Generationen – ökologisch, ökonomisch und gesamtgesellschaftlich. Die Ursache für den hohen Primär-Rohstoffverbrauch mit all seinen negativen Folgen liegt in unserem linearen Wirtschaftsmodell. Was es braucht, ist eine ganzheitliche Circular Economy (CE), in deren Umsetzung alle zirkulären Maßnahmen aktiv genutzt werden.

Die bisherigen deutschen Gesetze, politischen Programme und Strategien sind zu unverbindlich, untereinander inkongruent und insgesamt bei weitem nicht ambitioniert genug. Deutschland hängt dabei anderen europäischen Ländern stark hinterher. Erwartungen ruhen nun auf der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS), die aktuell in der Entwicklung ist. Um die dafür notwendige Transformation zu beschreiben, hat der WWF Deutschland das „Modell Deutschland Circular Economy“ (MDCE) gemeinsam mit Öko-Institut, Fraunhofer ISI und FU Berlin ausgearbeitet. Diese Broschüre verdichtet die Ergebnisse der zwei umfangreichen Studien (Modellierungsstudie und Politik-Blueprint).

Im Rahmen der Modellierung wurden die ökologischen und ökonomischen Folgen von CE-Maßnahmen für acht Sektoren (Hoch- und Tiefbau, Fahrzeuge und Batterien, Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sowie Haushaltsgeräte, Lebensmittel und Ernährung, Textilien, Verpackungen, Möbel sowie Beleuchtung) berechnet, deren Produkte mit hohen Umweltbelastungen verbunden sind und die entsprechend hohe Potenziale für die notwendige Transformation aufweisen. Die Analysen erfolgen im Hinblick auf die ökologischen Wirkungsfelder Treibhausgasemissionen (THG), Rohstoffkonsum (RMC), Gesamtmaterialverbrauch (TMC), Landnutzung und teilweise Biodiversität sowie die sozioökonomischen Indikatoren Bruttowertschöpfung, Versorgungssicherheit und Arbeitskräftebedarf.

Als erstes umfassendes CE-Modell, das je für Deutschland erarbeitet wurde, liefert das MDCE fundierte, wissenschaftliche Grundlagen, um quantifizierbare Ziele abzuleiten und Prioritäten festzulegen. Dazu werden vier Szenarien modelliert. Diese machen deutlich, welche Ergebnisse je nach qualitativer und quantitativer Ausprägung der umgesetzten Maßnahmen für das Zieljahr 2045 erreichbar sind. In der Auswahl der betrachteten CE-Maßnahmen wurde besonderes Augenmerk auf die Breite der R-Strategien und auf die höheren R-Strategien gelegt, welche Ressourceneinsatz vermeiden. Die dahinterliegende Logik ist einfach: Produkte, die nicht hergestellt oder die langfristig erhalten werden, reduzieren Ressourcen- und Energiebedarf.

Das Ergebnis des MDCE ist eindeutig: Der Übergang zu einer CE ist mit substanziell positiven ökologischen Wirkungen in allen untersuchten Wirkungsfeldern verbunden. Zudem gewinnen unser Land und unsere Wirtschaft erheblich an Versorgungssicherheit und reduzieren ihre Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen nachhaltig. Entscheidende sozioökonomische Vorteile ergeben sich, weil immense Folgekosten von Umweltzerstörung, Biodiversitätsverlust und Klimawandel eingedämmt werden. Nicht zuletzt bietet die notwendige (und mögliche) Transformation Deutschlands hin zu einer ganzheitlichen CE auch Chancen für mehr Lebensqualität und Gesundheit.

Der MDCE-Politik-Blueprint schließt an die Modellierungsstudie an, zeichnet den Weg der Transformation hin zu einer CE und beschreibt dabei verschiedene, sich gegenseitig stützende Kernelemente: (1) Vision und Leitprinzipien, (2) Ziele und Indikatoren, (3) Governance, (4) Politik-Instrumente zur Umsetzung von CE-Maßnahmen.

Zur Vision gehören fünf Handlungsstrategien, die zu den übergeordneten Umweltzielen wie Klima- und Biodiversitätsschutz beitragen sollen:

  1. Ressourcenströme verringern,
  2. Material substituieren,
  3. Ressourcenflüsse verlangsamen,
  4. Produktnutzungen intensivieren und
  5. Ressourcenkreisläufe schließen.

Das Vorhaben „Modell Deutschland Circular Economy“

Das „Modell Deutschland Circular Economy“ zeigt und bewertet eine umfassende Circular Economy bis 2045 für Deutschland, sowie die nötigen Politikinstrumente für ihre Umsetzung. Die Modellierungsstudie geht vom Status quo aus. Der Status quo bildet die deutsche Wirtschaft und die untersuchten Sektoren so ab, wie sie sich aktuell darstellen. Auf dieser Basis modelliert die Studie vier Szenarien mit dem Zieldatum 2045: Weiter-so, Technologie, Verhalten und das umfassende Modell einer Circular Economy. Jedes Szenario zeichnet sich durch eine unterschiedliche Quantität und Qualität umgesetzter Maßnahmen aus. Dabei liegt der Fokus darauf, zirkuläre Strategien zu betrachten, die schon am Anfang der Produktion und Nutzung ansetzen, nicht erst beim Abfall.

Der Politik-Blueprint schließt an die Modellierungsstudie an und zeichnet den Weg der Transformation hin zu einer umfassenden Circular Economy. Der Blueprint beschreibt dabei verschiedene sich gegenseitig stützende Kernelemente: Vision und Leitprinzipien, Ziele und Indikatoren, Governance, Politik-Instrumente zur Umsetzung von CE-Maßnahmen.

Zur Vision gehören fünf Handlungsstrategien, mit denen zu den übergeordneten Umweltzielen wie Klima- und Biodiversitätsschutz beigetragen werden soll: Verringerung von Ressourcenströmen, Materialsubstitution, Verlangsamung von Ressourcenflüssen, Nutzungsintensivierung von Produkten und Schließung von Ressourcenkreisläufen.

Für jeden Sektor werden spezifische Instrumente weiter konkretisiert und detailliert beschrieben. Außerdem wird auf die sektorspezifischen Charakteristika (z. B. Chancen und Herausforderungen) bei der Umsetzung von rahmensetzenden Instrumenten eingegangen sowie Möglichkeitsfenster aufgezeigt. Zu den untersuchten Sektoren zählen: Hoch- und Tiefbau, Fahrzeuge und Batterien, Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sowie Haushaltsgeräte, Lebensmittel und Ernährung, Textilien, Verpackungen, Möbel und Beleuchtung.

->Quellen: