Solartinte aus Stuttgart: ein Start-up mit 600 Konkurrenten

Eine zähflüssige, schwarze Lösung. Nach dem Auftragen der Tropfen auf Glas  ist eine Solarzelle fertig. Kein steriles Labor, keine 1000 Grad erforderlich. Diese Tinte will ein Stuttgarter Start-up nun verkaufen.

Umweltfreundlich gefertigte und hocheffiziente Perowskit-Solarmodule: Das Institut für Photovoltaik hat sie in Außentestständen erprobt.Bild: Universität Stuttgart/ipv/Weiwei Zuo

Umweltfreundlich gefertigte und hocheffiziente Perowskit-Solarmodule: Das Institut für Photovoltaik hat sie in Außentestständen erprobt. Bild: Universität Stuttgart/ipv/Weiwei Zuo

600 zu 1. So sieht das Kräfteverhältnis laut Perosol aus. Rund 600 in China, eine in Deutschland. Sie sitzt in Stuttgart und ist erst wenige Monate alt. Gegründet wurde die GmbH 2025 als Ausgründung der Universität Stuttgart. Hinter dem Unternehmen stehen Dr. Claudiu Mortan als Geschäftsführer und Prof. Dr. Michael Saliba, der das Institut für Photovoltaik leitet. Ihr erstes Produkt ist keine Solarzelle, sondern ein Vorprodukt: eine getrocknete Perowskit-Tinte, gemischt aus Vorläuferchemikalien nach einer eigenen Rezeptur. „Wir haben so eine Coca-Cola-Rezeptur entwickelt“, sagt Mortan. Verkauft wird ab April oder Mai 2026, zunächst an Forschungseinrichtungen.
Der Reiz der Technologie liegt in der Einfachheit der Herstellung. Silizium-Solarzellen verlangen Reinraumbedingungen und Temperaturen jenseits von 1000 Grad. Perowskit-Schichten dagegen können gedruckt werden, beschichtet und im Roll-to-Roll-Verfahren mit einer Walze gefertigt werden. Das Ergebnis ist leicht und biegsam – es lässt sich auf Fassaden kleben, in Dachfolien integrieren, und auf Oberflächen aufbringen, die kein herkömmliches Solarmodul tragen könnte. Perosol erreicht mit seinen Schichten einen Wirkungsgrad von 25 Prozent. Das entspricht dem Niveau heutiger Solar-Module, aber produziert ohne Reinraum und ohne 1000 Grad.

Die Schwachstelle ist die Haltbarkeit. UV-Strahlung, Feuchtigkeit und Temperaturwechsel zerlegen die Perowskit-Kristallstruktur schon nach ein paar Monaten. Genau hier setzt eine Arbeit aus Salibas Institut an, im Februar 2026 in Nature Energy erschienen. Die Forschenden bauten lichtschaltbare Moleküle an die Perowskit-Schicht. Nach 600 Temperaturzyklen zwischen minus 40 und plus 85 Grad sowie UV-Belastung bei 65 Grad lag die Leistung immer noch über 95 Prozent. Von der typischen Lebensdauer kommerzieller Siliziummodule ist die Technik noch entfernt. Es ist aber ein Schritt, der die Perowskit-Technik Richtung Praxistauglichkeit bringt.

Eine Pilotanlage ist mit dem Zentrum für Sonnen- und Wasserstoffforschung in Stuttgart geplant. Für eine industrielle Linie rechnet Perosol mit rund 30 Millionen Euro Investitionsbedarf. Massenmarktreife der ersten Perowskit-Module erwartet die Branche zwischen 2028 und 2030. Dass Deutschland in diesem Rennen überhaupt noch einen Teilnehmer hat, ist vor diesem Hintergrund bemerkenswert. Rund 600 chinesische Unternehmen arbeiten an Perowskit-Technologien, viele mit staatlicher Rückendeckung und industrieller Infrastruktur.

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