Grüner Wasserstoff fließt erstmals durch deutsches Pipeline-Netz

Zum ersten Mal fließt grüner Wasserstoff durch eine der deutschen Wasserstoffpipelines. Deutschlands Wasserstoffwirtschaft hat ihren ersten durchgehenden Betriebstag. Noch ist es ein Anlauf, kein Regelbetrieb.

Bart Willemsen, RWE NLHelmut Kramer, RWE

Inbetriebnahme in Lingen: Von hier fließt grüner Wasserstoff 120 Kilometer weit bis zum Chemiepark Marl. Foto: Bart Willemsen, RWE NL, Helmut Kramer, RWE

Seit dem 4. August fließt zum ersten Mal grüner Wasserstoff durch eine Leitung des deutschen Wasserstoffnetzes. Er stammt aus Lingen im Emsland, wo RWE zwei Elektrolyseure betreibt, und legt eine Strecke von rund 120 Kilometern bis zum Chemiepark Marl zurück. Dort wird er von der Industrie abgenommen. Erstmals arbeiten Erzeugung, Transport und Verbrauch im realen Betrieb zusammen.
Das Netz soll die Erzeuger an der Küste mit den Industriezentren im Westen und Süden verbinden und in den kommenden Jahren bundesweit ausgebaut werden. Damit ist nun erst der erste Abschnitt in den Betrieb gegangen.

Der Wasserstoff ist grün, weil er per Elektrolyse aus erneuerbarem Strom, hauptsächlich aus Offshore-Windkraft, entsteht. In der Anlage wird Wasser mit Strom in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Das Produkt ist zertifiziert erneuerbar und erfüllt die EU-Vorgaben für Wasserstoff ohne fossilen Ursprung. In der Chemie kann er grauen Wasserstoff ersetzen, der bislang aus Erdgas gewonnen wird. „Dass zertifiziert erneuerbarer Wasserstoff aus Lingen über Leitungen Marl erreicht, zeigt: Das Zusammenspiel von Elektrolyse, Transportinfrastruktur und Abnahme funktioniert“, sagt Nikolaus Valerius, Vorstandschef von RWE Generation.
Für die chemische Industrie ist Wasserstoff kein Nischenprodukt, sondern ein Grundbaustein. Aus ihm entstehen Ammoniak für Düngemittel, Methanol und Vorprodukte für Kunststoffe. Bislang stammt dieser Wasserstoff fast vollständig aus Erdgas, gewonnen in einem Verfahren, das große Mengen CO2 freisetzt. Ein Chemiepark wie in Marl verbraucht ihn Tag für Tag in großem Maßstab. Genau dort setzt die Lieferung aus Lingen an: Sie ersetzt einen Teil des grauen Wasserstoffs durch grünen, an einer Stelle, an der sich Emissionen sonst nur schwer vermeiden lassen.

Noch ist es ein Anlauf, kein Regelbetrieb. RWE fährt die beiden Anlagen mit je 100 Megawatt schrittweise hoch. Bis Ende 2026 sollen 200 Megawatt erreicht werden, die volle Leistung von 300 Megawatt ist für 2027 geplant. Parallel dazu entsteht der Puffer für das System: RWE Gas Storage West will noch dieses Jahr damit beginnen, Europas ersten kommerziellen Untergrundspeicher mit Wasserstoff zu befüllen.

300 Megawatt Wasserstoff-Kapazität sind ein Anfang. Der deutsche Wasserstoff-Hochlauf hinkt damit noch seinen eigenen Zielen hinterher. Viele angekündigte Projekte verzögern sich oder stehen still. Der Energiebedarf allein der Chemieindustrie übersteigt das, was eine einzelne Verbindung liefern kann, bei Weitem. Die eigentliche Frage ist, ob genug grüner Strom und genug Elektrolyse-Kapazität folgen, um das Kernnetz wirklich zu füllen.

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