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Start »Bibliothek»100 Prozent Grünstrom in jedem Fall billiger

100 Prozent Grünstrom in jedem Fall billiger

Veröffentlicht am14. Dezember 20127. Juli 2023Autorgh

Die amerikanische Quelle:
->Quelle: www.sciencedirect.com

Seiten: 1 2 3

KategorienBibliothek, News, Politik, WirtschaftSchlagworteErneuerbare Energien

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Verwandte Themen

  • Wird die Energiewende kleingeredet? Die Studie, die kaum jemand kennt

    Eine Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums zeigt: Erneuerbare könnten Kommunen-Einnahmen bis 2033 verdoppeln. Eine Pressemitteilung des Ministeriums dazu gab es nicht. Wenn Deutschlands Kommunen ihre Ausbauziele für Wind- und Solarenergie erreichen, könnte sich der Teil der Wertschöpfung, der tatsächlich in den Regionen bleibt, bis 2033 mehr als verdoppeln – von 5,5 auf 12,4 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist Geld, das nicht abwandert, sondern als Gewerbesteuer, Pacht und lokale Aufträge vor Ort ankommt. Hinter diesen Milliarden stehen konkrete Arbeitsplätze – Monteure, Planerinnen und Wartungsfirmen –, die nicht in einer Konzernzentrale, sondern in der Gemeinde nebenan entstehen. Besonders für strukturschwache ländliche Räume ist das kein Nebeneffekt, sondern ein entscheidender Faktor: In Regionen mit geringer industrieller Präsenz kann ein Windpark zur Einkommensquelle des kommunalen Haushalts werden. Rund 45 Prozent der Betreibergewinne fließen an externe Investoren ab – an Fonds und Konzerne ohne Bindung an die Region. Das Geld wird vor Ort erzeugt, aber andernorts verbucht. Genau hier setzen die Forscher an: Bürgerenergiegesellschaften, kommunale Beteiligungen und eine Förderung, die auf regionale Wertschöpfung abzielt, könnten mehr der Gewinne vor Ort halten. „Finanzielle Beteiligungsmodelle, Bürgerenergiegesellschaften und kommunale Investitionen könnten dafür sorgen, dass mehr Wertschöpfung vor Ort bleibt”, sagt Steven Salecki, Forscher am IÖW. Es sind politische Stellschrauben, keine Naturgesetze. Bekannt wurde die Studie allerdings weniger wegen ihrer Zahlen als wegen des Umgangs mit ihr: So warf das Portal t-online dem Ministerium vor, die Untersuchung „verschwinden“ zu lassen: Sie war schon Ende Februar fertiggestellt, wurde aber erst Mitte April hochgeladen. Und trotz des bemerkenswerten Ergebnisses ohne Pressemitteilung und ohne ein Wort der Ministerin. Das IÖW selbst trat dem schärfsten Teil des Vorwurfs entgegen. Denn die Ergebnisse seien 2025 bereits zweimal auf Fachtagungen präsentiert worden. Doch was bleibt, ist das, was sich nicht wegrelativieren lässt: das Schweigen zur Energiewende. Eine Pressemitteilung des Bundesministeriums zur eigenen Studie gab es nicht, eine Einordnung durch das Haus ebenso wenig. Für Ministerin Katherina Reiche (CDU) steht der konsequente Ausbau der erneuerbaren Energien nicht an erster Stelle – eine Untersuchung, die genau diesem Ausbau Einnahmen, Jobs und Wachstum zuschreibt, scheint nicht interessant für die Bundesministerin zu sein. Damit verschiebt sich die eigentliche Frage. Nicht die Frage, ob die Studie unterdrückt wurde – das war sie nach Lage der Dinge nicht. Sondern warum ein Haus, das Wertschöpfung im ländlichen Raum in Aussicht stellt, die entsprechenden Werkzeuge weder laut kommuniziert noch beherzt in die Hand nimmt. Die Zahlen liegen vor. Das legt den Eindruck nahe, es fehle der Wille. Quellen: IÖW: Ausbau erneuerbarer Energien: Wertschöpfung in den Regionen könnte sich bis 2033 verdoppeln IÖW: Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien BMWE: Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien top agrar: „Verschwiegene Energiewende-Studie“: Forscher stellen einige Fakten klar t-online: Wirtschaftswachstum: „Reiche lässt Studie zu Wind und Solar verschwinden“



  • NKWS-Aktionsprogramm: Online-Plattform ja, Markt nein

    Wenn Wirtschaft und Umweltschützer dasselbe vermissen, fehlt etwas Grundsätzliches. Die Reaktionen auf das Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) fallen quer durch alle Lager gleich aus: vom Industrieverband bis zum WWF lautet der Befund „zu unambitioniert“. 500 Milliarden für Verteidigung. Für die Kreislaufwirtschaft: 0,5 Milliarden. Am 3. Juni hat das Bundeskabinett das lange verzögerte Aktionsprogramm beschlossen. Das eine verbindliche Instrument  wurde jedoch vorher herausgestrichen. Im Herbst startet eine Umsetzungsplattform, das Förderprogramm „Zukunft Kreislaufwirtschaft“ folgt Ende 2026. Eine Digitalisierungsinitiative soll digitale Produktpässe und Datenräume voranbringen. Das erklärte Ziel lautet, 25 Prozent des Bedarfs an kritischen Rohstoffen bis 2030 durch Recycling zu decken und den Ressourcenverbrauch von derzeit 16 Tonnen pro Kopf langfristig auf 6 bis 8 Tonnen zu senken. „Kreislaufwirtschaft macht unsere Wirtschaft unabhängiger“, sagt Umweltminister Schneider. Doch genau hier klafft die Lücke. Das eine Instrument, das tatsächlich Nachfrage geschaffen hätte – ein Vorrang für recyceltes Material in der öffentlichen Beschaffung – wurde in der Ressortabstimmung aus dem Entwurf gestrichen. Geblieben ist eine freiwillige Empfehlung, die der Staat über die Aufsichtsräte seiner Betriebe einwirken lassen will. Auch ein Klagerecht fiel weg. Damit verzichtet der größte Einzelnachfrager des Landes auf seinen stärksten Hebel – und das nicht aus Geldmangel: Der zweimonatige Tankrabatt 2026 kostet mit 1,6 Milliarden Euro fast dreimal so viel wie das gesamte NKWS-Programm. Vom Industrieverband bis zur Umweltorganisation lautet das Urteil: hört sich gut an, dürfte aber kaum etwas bewirken. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nennt das Programm „zu unambitioniert“, es setze „kaum neue wirtschaftspolitische Impulse“. Der Umweltverband WWF kommt zum selben Schluss: Das Programm setze zu einseitig aufs Recycling, dabei hätten Vermeidung und Reparatur noch größere Wirkung – „ohne verbindliche Ziele und einen klaren Rahmen verpuffen die Maßnahmen“. Was beide eint, bringt der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft auf den Punkt: Es fehlten „politische Rahmenbedingungen, in denen zirkuläre Produkte fair konkurrieren können“. Hinter der Kritik steht eine Branche unter Druck. Seit 2021 sind Umsatz und Aufträge der Recyclingwirtschaft um mehr als 20 Prozent gesunken. Trotz riesiger Materialströme laufen die Anlagen nur zu gut 75 Prozent. Das ist unterhalb der Schwelle, ab der sich der Betrieb rechnet. Die Entsorgerverbände BDE und bvse begrüßen zwar den „Schwung in die Umsetzung“, warnen aber beide, dass ohne bindende Rezyklatquoten und einen Genehmigungsturbo Recyclingkapazitäten in Deutschland „unwiederbringlich verloren gehen“. Dabei läge hier eine doppelte Chance, die das Programm übersieht. Wer Rohstoffe im Land behält, macht sich unabhängig von Importen. Dazu kommt, dass Deutschland die Maschinen baut, mit denen auch anderswo recycelt wird. Umwelttechnik „Made in Germany“ ging 2025 für 14,5 Milliarden Euro in den Export, fast zwei Drittel davon in die EU. Je wertvoller Sekundärrohstoffe werden, desto größer der Markt für Sortier- und Recyclinganlagen, in Europa und darüber hinaus. Ein verbindlicher Heimatmarkt wäre damit auch zukunftsorientierte Industriepolitik: ein Leitmarkt, an dem die eigene Exportbranche ihre Technik zeigt, bevor andere nachziehen. Ende 2026 legt die EU-Kommission den Circular Economy Act vor. Voraussichtlich mit verbindlichen Quoten für Sekundärrohstoffe. Kommen sie, muss man in Berlin ohnehin nachsteuern. Deutschland könnte die Weiche früher stellen und sich einen Vorsprung sichern.   Quellen: Bundesumweltministerium: Bundesregierung beschließt Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie BDI: Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS): Aktionsprogramm zu unambitioniert WWF: Mehr Recycling reicht nicht TÜV-Verband: NKWS-Aktionsprogramm endlich beschlossen – jetzt Kreislaufwirtschaft konsequent umsetzen bvse: Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie bleibt hinter den Erwartungen zurück Recycling Magazin: Europa gewinnt für Umwelttechnik an Bedeutung Deutscher Bundestag: Bundestag beschließt Tank­rabatt und freiwillige Entlastungsprämie  



  • Solarmodul-Recycling gegen den Schredder

    Kreislaufwirtschaft für Solarmodule? Das ist im Aufbau: Die erste industrielle Recyclinglinie des Landes schafft 14.000 Tonnen im Jahr. Bis 2030 werden in Deutschland jährlich rund 400.000 Tonnen Altmodule erwartet. Wenn ein Solarmodul nach Jahrzehnten vom Dach genommen wird, landet es  oft im Schredder. Dabei gehen die wertvollen Bestandteile wie Silber, Silizium und ein Großteil des Glases verloren. Das Magdeburger Unternehmen Solar Materials will das ändern und gibt an, 98 Prozent des Modulgewichts zurückzugewinnen. Und: ohne den Einsatz von Chemikalien. Das 2021 gegründete Start-up betreibt seit April 2025 die erste industrielle Recyclinglinie für Photovoltaikmodule in Deutschland. Zuvor hatte das Unternehmen eine Pilotanlage mit einer Jahreskapazität von 3.000 Tonnen in Betrieb. In diesem Jahr erhöhte es die Kapazität auf 14.000 Tonnen und kündigte weitere Ausbauschritte sowie neue Standorte in Italien und Großbritannien an. Anstatt das Modul wie üblich zu zerkleinern, zerlegt eine robotergestützte Linie es schrittweise. Zunächst wird der Aluminiumrahmen abgenommen, dann wird die Glasscheibe gelöst, die rund zwei Drittel des Gewichts ausmacht. Übrig bleibt der Zellverbund, aus dem sich Silizium, Silber und Kupfer trennen lassen. Damit die Maschine weiß, wie sie ein bestimmtes Modul behandeln muss, gleicht sie dessen Barcode mit einer Datenbank des Fraunhofer-Centers für Silizium-Photovoltaik ab. Der Prozess wird automatisch angepasst. Die Bilanz fällt laut Unternehmen deutlich aus: Gegenüber der Gewinnung aus Primärrohstoffen spart das Verfahren bis zu 95 Prozent Energie und senkt den CO2-Ausstoß um bis zu 80 Prozent. Geschäftsführer Dr. Jan-Philipp Mai begründet den Ansatz auch geopolitisch: Jede Tonne, die in Europa recycelt wird, hält wertvolle Materialien auf dem Kontinent – Rohstoffe, die sonst importiert werden müssten. Das Vorhaben wird unter anderem von der landeseigenen IBG Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt sowie privaten Kapitalgebern finanziert. Mehr als 6,5 Millionen Euro flossen als Förderung, darunter Unterstützung aus dem EIC-Accelerator der EU. Dass zurückgewonnene Rohstoffe industriell weiterverwendet werden können, zeigt nicht nur der chinesische Hersteller Trina Solar, der sie bereits im industriellen Maßstab in neuen Modulen einsetzt. Auch das aufbereitete Solarglas von Solar Materials selbst findet Abnehmer: Der deutsche Glasrecycler Reiling übernimmt die Scherben direkt in seine Produktion. Die Frage der Größenordnung bleibt. Den bis 2030 allein in Deutschland erwarteten 400.000 Tonnen Altmodulen steht eine Anlage mit einer Kapazität von 14.000 Tonnen gegenüber. Global rechnet die Branche mit acht Millionen Tonnen pro Jahr. Der modulare Aufbau der Technik soll schnelles Wachstum ermöglichen. Die Massen ausgedienter Module, die in den kommenden Jahren anfallen, lassen als sinnvolle Alternative zum Schredder nur eines: Kreislaufwirtschaft für Solarmodule.   Quellen: AGC-Glass: AGC Glass Europe and SOLAR MATERIALS announce a strategic partnership to advance on PV flat glass circularity solar materials: Solarpaneel Recycling-Revolutionfür wirklich grüne Energie KFW Gründer: Silber statt Schrott bvse: Solar Materials und Reiling schließen gemeinsam Kreislauf für Solarglas



  • Problem Abendlücke: Indiens Solar reicht bis 18 Uhr

    Indiens Solarausbau läuft schneller als geplant, doch das Netz hat ein Problem, das mehr Solarpaneele allein lösen können: Mittags produziert die Sonne im Überfluss, am Abend fehlt der Strom genau dann, wenn die Nachfrage steigt. Was fehlt, sind vor allem Speicher. Dieses Strukturproblem ist auch Deutschland bekannt Indiens Stromnetz hat an diesem Wochenende einen Rekord gebrochen, den niemand feiern wollte. Bei 45,3 Grad in Neu-Delhi forderten Haushalte und Industrie 270 Gigawatt, mehr als je zuvor. Bereits Ende April wurde mit über 250 Gigawatt ein alter Rekord aus dem Vorjahr überboten. Der Sommer kam diesmal Wochen früher als gewohnt und wurde durch das warme Wasser des El Niño, das den Subkontinent überdurchschnittlich aufheizt, begünstigt. Doch die Rekordnachfrage allein war nicht das Problem. Das Problem zeigt sich im Tagesverlauf. Mittags, wenn die Sonne hochsteht, liefert Indien Solarstrom im Überfluss. In den sonnigsten Stunden deckt er rund ein Viertel des nationalen Bedarfs. Im Jahr 2025 waren es 9,4 Prozent des gesamten Verbrauchs, und der Zubau beschleunigte sich: Allein im Jahr 2025 kamen 37,5 Gigawatt hinzu, was einem Plus von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Doch um 20 Uhr ist die Sonne weg und Klimaanlagen und Geräte laufen weiter. Die Stromnachfrage fällt erst zwischen 18 und 22 Uhr, genau dann, wenn Millionen Klimaanlagen gegen die Hitze des Tages anlaufen und es in der Tropennacht nicht abkühlt. Solarstrom wird in diesem Moment nicht mehr geliefert. Einspringen müssen Kohle- und Wasserkraftwerke. Doch Kohlekraftwerke brauchen Stunden zum Hochfahren und reagieren träge, wenn die Last innerhalb weniger Minuten steil ansteigt. Ein Kraftwerk, das mittags zurückgefahren wurde, weil der Solarstrom es überflüssig gemacht hat, steht abends nicht auf Knopfdruck wieder bereit. Das Ergebnis war ein Defizit von 2,57 Gigawatt am Abend, wie der nationale Netzregulator Grid India bekannt gab. In Chennai fiel der Strom deshalb für fast eine Stunde aus. Auch in anderen Regionen wie Noida, Neu-Delhi und Odisha kam es zu Stromausfällen. Die Regierung rief die Verbraucher dazu auf, Strom „weise und sparsam” zu nutzen. Die Lücke verursacht Kosten: Die Central Electricity Authority beziffert das Ungleichgewicht zwischen Mittagsüberschuss und Abendknappheit auf rund 12.000 Crore Rupien im Jahr, umgerechnet etwa 1,3 Milliarden Euro. Was fehlt, sind Batteriespeicher, die den Mittagsüberschuss in den Abend tragen könnten. Bisher hat Indien weniger als eine Gigawattstunde davon am Netz, praktisch nichts. Doch die Pipeline füllt sich: 92 Gigawattstunden sind im Bau oder in Planung und das Ziel liegt bei 346 Gigawattstunden bis 2033. In den letzten zwölf Monaten wurden 69 neue Ausschreibungen gestartet, was einem Anstieg von 35 Prozent gegenüber 2024 entspricht. Eine erste Auktion für Solarstrom mit sechsstündiger Speicherdauer erzielte Anfang 2026 einen Preis von 3,12 Rupien je Kilowattstunde und ist damit erstmals mit konventionellem Strom konkurrenzfähig. Das Potenzial ist groß. Laut einer Analyse von IEEFA und Ember könnte Solar plus Speicher 90 Prozent der indischen Stromnachfrage decken, und zwar mit 930 Gigawatt Solar und 2.560 Gigawattstunden Batteriekapazität. Der Engpass liegt jedoch nicht in der Technik oder im Preis, sondern im Tempo. Disha Aggarwal vom Thinktank CEEW mahnt, Indien müsse die Inbetriebnahme der Speicher dringend beschleunigen. Bei 45 Grad Celsius tagsüber und 35 Grad Celsius nachts ist eine Klimaanlage keine Komfortfrage. Fällt der Strom für eine Stunde aus, steigt die Innentemperatur auf Werte, die für ältere Menschen und Kranke lebensbedrohlich werden. Millionen waren in der Nacht des 23. Mai in Chennai, Noida und Odisha betroffen – in Stunden, in denen keine natürliche Abkühlung eintrat. Batteriespeicher sind die technische Antwort. Doch ihr Ausbau dauert Jahre, und die Hitzewellen werden nicht warten. Quellen: reuters: India battles power cuts as heatwave boosts electricity demand to record IEEFA Viability of standalone battery energy storage tariffs IEEFA: India’s battery storage boom: Getting the execution right



  • Warum Aluminium gelingt, was Plastik nicht schafft

    Eine Aluminiumdose, einmal im Pfandautomaten verschwunden, ist nach etwa 60 Tagen wieder im Regal. Der Weg durch Sortieranlagen, Schreddertrommeln und Schmelzöfen mit Materialverlust von praktisch null. Die Kreislaufwirtschaft funktioniert in Europa. So gut, allerdings nur bei Aluminium. Mit rund 580.000 Tonnen Aluminium aus Getränkedosen, die 2023 in Europa wieder eingeschmolzen wurden, wurde ein neuer Rekordwert erreicht. Die Recyclingquote stieg auf 76,3 Prozent. Bemerkenswert ist dabei weniger die Zahl selbst als das Verhältnis: Während der Dosenverbrauch im selben Jahr um vier Prozent wuchs, stieg das Recyclingvolumen um sieben Prozent. Hinter der Quote steht ein einfacher Mechanismus. Aluminium verliert beim Schmelzen seine Eigenschaften nicht. Eine alte Dose lässt sich endlos zu einer neuen Dose verarbeiten, ohne dass das Material an Qualität verliert. Die Branche nennt diesen Prozess „can-to-can loop”. Während Kunststoff bei jedem Durchgang an Reinheit einbüßt und früher oder später zu Parkbänken oder Folien downcycled wird, bleibt Aluminium immer Aluminium. Das spart pro Tonne rund 14.000 Kilowattstunden Energie gegenüber der Primärproduktion von Bauxit aus Minen, also etwa 95 Prozent. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch nicht in der Chemie, sondern im Preis. Aluminiumschrott hat einen so hohen Marktwert, dass sich das Sammeln auch ohne staatliche Förderung lohnt. Wo zusätzlich ein Pfandsystem hinzukommt, schießen die Quoten in die Höhe: So sprang Malta innerhalb eines Jahres von 50 auf 80 Prozent und die Slowakei von 58 auf 91 Prozent. In Deutschland, wo seit über zwei Jahrzehnten Pfand erhoben wird, liegt die Quote sogar bei 99 Prozent. Die Dose ist faktisch kein Abfall mehr, sondern eine Münze. Wie die dahinterstehende Infrastruktur aussieht, lässt sich an einem Standort bei Hannover beobachten. Emirates Global Aluminium investiert dort 145 Millionen Euro in eine Anlage, die Schrott sortiert, einschmilzt. Diese Schritte, die früher an verschiedenen Orten stattfanden, werden zusammengelegt. Ähnliche Konzepte verfolgen Novelis und Speira, die zusammen den deutschen Markt für recycelte Dosen bedienen. Bis 2030 will die Branche die hundert Prozent erreichen – den vollständig geschlossenen Kreislauf. Das ist realistisch, weil die ökonomischen Anreize stimmen. Hier liegt die unbequeme Wahrheit. Aluminium wird nicht deshalb recycelt, weil es die Politik so will, sondern weil der Rohstoff teuer genug ist, um Menschen, Maschinen und Logistik dafür in Bewegung zu setzen. Kunststoff ist zwar billig in der Herstellung, aber technisch komplex in der Sortierung und nach wenigen Durchläufen entwertet. Obwohl es ein großes Kreislauf-Potenzial gibt, wird die tatsächliche Kreislauf-Quote Plastik wahrscheinlich bei 14 Prozent stehen bleiben, egal wie viele Recyclingziele Brüssel beschließt. Die Frage ist also nicht, warum Aluminium funktioniert, sondern was bei den anderen Materialien fehlt, dass kein Stoffkreislauf zustande kommt.   Quellen: Aluminium Journal: „Ein Vorzeigebetrieb für zukünftige Industrieprojekte“ EGA Leichtmetall: Aluminum Innovation Made in Germany eurostat: 2025 Packaging waste statistics   



  • Deutschland verfehlt Klimaziel 2030

    Wenn Deutschland sein Klimaziel 2030 verfehlt, kostet das nicht nur Glaubwürdigkeit. Es kostet bares Geld. Schätzungen rechnen mit bis zu 30 Milliarden Euro. Das Umweltbundesamt kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland beim CO2-Ausstoß knapp noch im erlaubten Rahmen liegt. Der unabhängige Expertenrat für Klimafragen sieht das jedoch anders: Er berechnet, dass Deutschland sein gesetzlich festgelegtes Emissionsbudget für die Jahre 2021 bis 2030 um 60 bis 100 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente überschreitet. Beide Bewertungen beziehen sich auf denselben Emissionshaushalt – unterscheiden sich aber um etwa 95 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Der Streit dreht sich nicht um Klimadaten, sondern um die Wirkung von Politik. Das Klimaschutzprogramm 2026 der Bundesregierung umfasst 67 Maßnahmen und ein Budget von acht Milliarden Euro: Förderung für Elektroautos, Anreize zur Gebäudesanierung und den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien. Der Expertenrat hält die Wirkung jedoch für zu optimistisch berechnet. Kritisch fällt vor allem ins Gewicht, dass noch gar nicht beschlossene Gesetze, wie etwa eine geplante Gebäudesanierungspflicht, bereits als gesicherte Einsparung verbucht werden. Ratschefin Barbara Schlomann sagt: „Die tatsächliche Minderungswirkung dürfte deutlich geringer ausfallen als von der Bundesregierung angenommen.” Der Energiesektor liegt im Plan – Kohleausstieg und Erneuerbaren-Zubau wirken. Verkehr und Gebäude hingegen liefern nicht. Der Gebäudesektor lag 2025 bei 103 Millionen Tonnen – und stieg um 3,4 Prozent. Auch der Verkehr legte zu. Beide Sektoren gehen in die falsche Richtung. Hinzu kommt ein blinder Fleck: Wälder und Moore, die laut Klimaschutzgesetz CO2 binden sollen, sind seit 2018 selbst zur Quelle geworden. Die EU verlangt, dass der Gebäudebereich und der Verkehr ihre Emissionen bis 2030 gegenüber 2005 halbieren. Verfehlt Deutschland dieses Ziel, muss es Emissionsrechte von anderen Mitgliedstaaten kaufen. Kostenschätzungen bewegen sich dabei im Milliardenbereich. Ältere Rechnungen gehen von 7,5 bis 30 Milliarden Euro aus. Ab 2027 verschärft der neue Emissionshandel die Lage, da er Gebäude und Verkehr direkt erfasst und CO2 für Heizen und Tanken einpreist. Bundesumweltminister Carsten Schneider nimmt die Warnung des Expertenrats nach eigenem Bekunden ernst, bezeichnet die Lücke jedoch als „handhabbar” und verweist auf geopolitische Störungen am Energiemarkt. Er will erneuerbare Energien „mit Vollgas” ausbauen und die strittigen Posten in den Haushaltsverhandlungen klären. Der Expertenrat fordert jedoch mehr: die Rückkehr eines Klimakabinetts, eine belastbare technische Strategie für CO2-Entnahme und eine soziale Abfederung der kommenden Kosten.   Quellen: Expertenrat für Klimafragen: Prüfbericht zur Berechnung der deutschen Treibhausgasemissionen für das Jahr 2025 und zu den Projektionsdaten 2026 BMUKN: Bundesumweltminister Carsten Schneider zur Vorstellung des Gutachtens des Expertenrats für Klimafragen



  • Golfstrom schwächt sich stärker ab als bisher angenommen

    Eine neue Studie korrigiert die Golfstrom-Prognose nach unten: 51 Prozent Abschwächung bis 2100. Das ist drastischer düsterer als bisher angenommen. Was bedeutet das für Europa? Die Klimamodelle haben den Golfstrom um 60 Prozent zu optimistisch eingeschätzt. Eine neue Studie, die in Science Advances veröffentlicht wurde, aktualisiert die Prognose zur Entwicklung des Golfstroms. Die Entwicklung ist schlechter als bisher gedacht. In der Wissenschaft wird sie als die Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) bezeichnet. Man kann sich den Golfstrom wie eine gigantische Förderpumpe vorstellen: An der Oberfläche wird  warmes Tropenwasser nach Norden geschoben und in der Tiefe fließt kaltes Wasser zurück nach Süden. So liegt London ähnlich nördlich wie Moskau, wo der Boden monatelang gefroren ist. Sie wird von einem feinen Gleichgewicht aus Temperatur und Salzgehalt angetrieben. Wenn zu viel Süßwasser ins Nordmeer schmilzt, gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken. Genau das passiert gerade. Das Schmelzwasser aus Grönland hat sich seit den 1990er-Jahren mehr als vervierfacht. Für seine Studie verband das französische Forscherteam um Valentin Portmann echte Messdaten mit den großen internationalen Klimamodellen, an denen Forschungsgruppen weltweit zusammenarbeiten. So konnte das Team die Bandbreite der Prognose stark eingrenzen. Bisher waren die Schätzungen unsicher und es gab verschiedene Entwicklungs-Vorhersagen. Nun konnte die Studie mit großer Sicherheit die drastische Verlangsamung des Golfstroms feststellen. Die Aussage wird damit nicht nur verlässlicher, sondern auch düsterer. Den größten Teil der bisherigen Abweichung erklären die Autoren mit falsch berechneten Salzgehalten im Südatlantik und Temperaturfehlern im Nordatlantik. „Die Kombination aus Beobachtungen und Klimamodellen deutet auf eine 60 Prozent stärkere Abschwächung hin, als die Modelle allein nahelegen“, schreiben die Forscher. Wie nah ein möglicher Kipppunkt liegt, zeigt eine zweite Arbeit. Ein Kipppunkt ist die Schwelle, ab der sich der Prozess von selbst weitertreibt und nicht mehr zu stoppen ist. Sybren Drijfhout vom niederländischen Wetterdienst und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben ausgerechnet: Bei hohen Emissionen könnte diese Schwelle schon Mitte des Jahrhunderts erreicht sein. Zwischen dem Kipppunkt und dem vollständigen Zusammenbruch lägen dann, je nach Modell, 50 bis 100 Jahre. Rahmstorf schätzt die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses auf über 50 Prozent. Was danach käme, lässt sich grob umreißen: trockene Sommer und eisige Winter in Nordwesteuropa, ein um 20 bis 30 Zentimeter höherer Meeresspiegel an der US-Ostküste sowie verschobene Regenzeiten in den Tropen. Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2024 formuliert es nüchtern: Gegen so einen schnellen Temperatursturz gibt es noch keine realistischen Anpassungsmaßnahmen. Für die Energiewende ist das mehr als eine ferne Klimafrage. Stromnetze, Kraftwerksstandorte und Wärmeplanung werden für ein Klima ausgelegt, das als grob stabil gilt. Verschiebt sich das Klima schneller als gedacht, steigen  die Kosten für Anpassungen. Heikel ist der zweite Befund: Der sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC, auf dem viele Klimaschutzziele basieren, stützt sich auf eben jene Modelle, die die Abschwächung nach den neuen Erkenntnissen zu niedrig ansetzen. Wer mit zu optimistischen Zahlen plant, plant womöglich zu knapp. Die einzige Stellschraube bleibt dieselbe wie zuvor, nur drängt sie jetzt mehr: weniger Emissionen, schneller.   Quellen: Science Advances: Observational constraints project a ~50% AMOC weakening by the end of this century Potsdam-Institut für Klimaforschung: Möglicher Zusammenbruch der atlantischen Umwälzzirkulation nach 2100 bei hohem Emissionspfad The Guardian: Critical Atlantic current significantly more likely to collapse than thought



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