Grenzen der Anpassung an Ozeanversauerung

Längstes Labor-Experiment mit Kalkalge Emiliania huxleyi

GEOMAR Logo In einem bislang einmaligen Evolutionsexperiment demonstrierten Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und des Thünen-Instituts für SeefischereiThünen logo, dass sich die wichtigste einzellige Kalkalge der Weltozeane, Emiliania huxleyi, nur begrenzt per Evolution an Ozeanversauerung anpassen kann.

Emiliania huxleyi-Zellen in einer Elektronenmikroskopischen Aufnahme - Foto © Kai Lohbeck, GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel[note Emiliania huxleyi-Zellen in einer elektronen-mikroskopischen Aufnahme Foto © Kai Lohbeck/GEOMAR]Dass die Anpassung per Evolution grundsätzlich möglich ist, hatten GEOMAR-Wissenschaftler bereits 2012 bewiesen. Jetzt, vier Jahre nach Start des Experiments, habe sich die Anpassung in den Wachstumsraten der Kalkalge allerdings nur wenig verbessert, heißt es in einer Pressemitteilung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel.

Lothar Schlüter, Dipl.Biol. - Foto © GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel„Das Anpassungspotential von Emiliania huxleyi ist doch geringer als ursprünglich vermutet. Auch nach vier Jahren Evolution kann die Kalkalge die Beeinträchtigungen des Wachstums durch Versauerung nicht komplett kompensieren“, erklärt Dr. Lothar Schlüter, Erstautor der Studie. Ihre Ergebnisse, die im Rahmen des Exzellenzclusters „The Future Ocean“ und des deutschen Forschungsverbunds BIOACID (Biological Impacts of Ocean Acidification) gewonnen wurden, stellen die Forscher jetzt im Fachmagazin Science Advances vor.

2100 Algen-Generationen

So habe sich die Wachstumsrate unter erhöhten Kohlendioxid-Konzentrationen auch nach vier Jahren nicht weiter nennenswert verbessern können. Die Kalkbildung sei sogar geringer als bei heutigen Zellen von Emiliania huxleyi. Die Studie zeige, dass die evolutiven Effekte im Phytoplankton komplexer seien, als bisher angenommen.

Kulturflaschen im Labor - Foto © Kai Lohbeck, GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel

[note Kulturflaschen im Labor – Foto © Kai Lohbeck, GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel]Basis der Untersuchung sei eine einzelne Zelle der Kalkalge aus dem Raunefjord in Norwegen gewesen. Da sich Emiliania huxleyi im Labor etwa einmal am Tag durch Teilung vermehre, hätten aus dem Isolat zahlreiche genetisch zunächst identische Kulturen gewonnen werden können. Für die Studie seien jeweils fünf Kulturen unter konstanter Temperatur und drei unterschiedlichen Konzentrationen an Kohlendioxid (CO2) gehalten worden: Einem Kontrollwert mit heutigen Verhältnissen, den Bedingungen, die nach den kritischsten Berechnungen des Weltklimarats gegen Ende dieses Jahrhunderts erreicht werden könnten, und dem höchstmöglichen Grad an Versauerung.

Nach vier Jahren, beziehungsweise 2100 Algen-Generationen später, hätten die Wissenschaftler festgestellt: Die Zellen angepasster Populationen würden sich zwar deutlich schneller als die nicht-angepassten teilen, wenn beide der Ozeanversauerung ausgesetzt gewesen seien. Aber ihre Fitness verbessere sich nur unwesentlich. Nach einem Jahr sei zunächst eine leichte Steigerung der Wachstumsraten relativ zu den Kontrollkulturen eintreten, später jedoch kaum noch – was im Gegensatz zu vielen anderen Evolutionsexperimenten stehe.

Emiliania huxleyi unter dem Lichtmikroskop - Foto © Kai Lohbeck, GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel

[note Emiliania huxleyi unter dem Lichtmikroskop – Foto © Kai Lohbeck, GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel]Einzellige Kalkalgen wie Emiliania huxleyi binden in ihren Kalkplättchen (Coccolithen) Kohlenstoff. Diese Kalkplättchen spielen als Ballast eine wichtige Rolle für den Kohlenstofftransport in den tiefen Ozean – und somit für die Fähigkeit der Weltmeere, Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufzunehmen und die Folgen des Klimawandels abzumildern.

Prof. Thorsten B. Reusch - Foto © GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel„Drei Jahre nach Beginn des Experiments ist die Produktion an Kalkplättchen in den an höhere CO2-Konzentrationen angepassten Kulturen, geringer als bei nicht-angepassten“ , berichtet Prof. Thorsten Reusch, Leiter der Marinen Ökologie und Koordinator der Studie. „Uns überraschte, dass dieser Effekt nicht gleich zu Beginn des Experiments eintrat – denn wenn die Ozeanversauerung die biologische Kalkbildung behindert, müsste diese direkt reduziert werden.“

Entgegen der 2012 publizierten Ergebnisse über die Beobachtungen im ersten Jahr des Experiments konstatieren die Forscher jetzt, dass Evolution die negativen Effekte auf die Kalkbildung der einzelnen Mikroalgen verstärkt.

Die langfristig an Ozeanversauerung angepassten Kulturen hätten ihre Fähigkeit zur Bildung von Kalkplättchen jedoch nicht grundsätzlich reduziert. Wenn diese wieder heutigen CO2-Konzentrationen ausgesetzt würden, wäre die Produktion wieder genauso hoch wie bei heutigen Kalkalgen. „Die Algen reduzieren die Kalzifizierung nur dann, wenn diese für sie aufwändiger ist – nämlich unter Ozeanversauerung“, betont Prof. Reusch. Zurzeit liefen weitere Untersuchungen, um die zellbiologischen Mechanismen zu verstehen, durch die ihre Kalkbildung reguliert werde. „Die evolutionäre Antwort von Phytoplankton-Organismen ist bei weitem komplexer als ursprünglich angenommen. Laborexperimente mit einzelnen Arten helfen uns, sie besser nachzuvollziehen. Nur mit diesem Wissen können wir abzuschätzen, wie der globale Wandel den Kohlenstoffkreislauf in Zukunft ändern wird.“

Future OceanFuture Ocean logo: Der Kieler Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ erforscht die Veränderungen der Ozeane in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit einem weltweit einmaligen Ansatz: Meeres-, Geo- und Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Mediziner, Mathematiker, Informatiker, Juristen sowie Gesellschafts- und Sozialwissenschaftler bündeln ihr Fachwissen in insgesamt elf multidisziplinären Forschergruppen. Ihre Forschungsergebnisse fließen ein in nachhaltige Nutzungskonzepte und Handlungsoptionen für ein weltweites Management der Ozeane. Das Forschernetzwerk wird getragen von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), dem GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) und der Muthesius Kunsthochschule (MKHS). Der Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ wird im Rahmen der Exzellenzinitiative von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Auftrag von Bund und Ländern gefördert.

BIOACIDBioacid logo in Kürze: Unter dem Dach von BIOACID (Biological Impacts of Ocean Acidification) untersuchen zehn Institute, wie marine Lebensgemeinschaften auf Ozeanversauerung reagieren und welche Konsequenzen dies für das Nahrungsnetz, die Stoff- und Energieumsätze im Meer sowie schließlich auch für Wirtschaft und Gesellschaft hat. Das Projekt begann 2009 und ging im Oktober 2015 in die dritte, finale Förderphase. BIOACID wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Koordination liegt beim GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Eine Liste der Mitglieds-Institutionen, Informationen zum wissenschaftlichen Programm und den BIOACID-Gremien sowie Fakten zur Ozeanversauerung sind auf der Website bioacid.de zu finden.

->Quelle und mehr:

  • Originalveröffentlichungen:
  1. –  Schlüter L, Lohbeck KT, Gröger JP, Riebesell U, Reusch TBH (2016) Long-term dynamics of adaptive evolution in a globally important phytoplankton species to ocean acidification. Science Advances 2016; 2:e1501660, doi 10.1126/sciadv.150166
  2. –  Lohbeck KT, Riebesell U, Reusch TBH (2012) Adaptive evolution of a key phytoplankton species to ocean acidification. Nature Geoscience 5:346-351, doi:10.1038/ngeo1441