Deutsche Umwelthilfe sieht aufgrund „alarmierender Abgaswerte“ klare Indizien für Abschalteinrichtungen

Die DUH präsentierte am 05.12.2017 gemeinsam mit ZDF-WISO durchgeführte aktuelle Abgasmessungen, unter anderem des Emissions-Kontroll-Instituts (EKI) der Deutschen Umwelthilfe (DUH): Diese legen den Verdacht auf Abschalteinrichtungen bei einem Unternehmen nahe, das sich in der bisherigen öffentlichen Diskussion als „sauber“ dargestellt hat – BMW. BMW weist das zurück.

In den vergangenen Monaten hat die DUH in Zusammenarbeit mit dem ZDF-Verbrauchermagazin WISO, anderen Prüfinstitutionen und einem Software-Experten im EKI die Abgasemissionen eines BMW 320d untersucht. Ergebnis: Die Stickoxid-Emissionen sind auf der Straße im Gegensatz zum Rollenprüfstand bis zu 7,2-fach höher.

Am 27.9.2017 hatte der BMW-Vorstandsvorsitzende Harald Krüger noch vollmundig erklärt: „Wir haben an den Fahrzeugen nicht manipuliert. Wir haben Diesel, die sind sauber. Und die sind die besten dieser Welt. Es gibt kein Defeat Device bei der BMW Group.“

Dass Diesel-Pkw von BMW im realen Betrieb auf der Straße die Abgasgrenzwerte von 80 mg NOx/km in vielen Fällen nicht einhalten, belegen Messungen des Verkehrsministeriums von April 2016 sowie Straßenmessungen der DUH in ihrem Emissions-Kontroll-Institut (EKI). Messungen der DUH gemeinsam mit dem ZDF-Wirtschafts- und -Verbrauchermagazins WISO haben nun ergeben, dass ein BMW 320d (Erstzulassung 2016) der Abgasnorm Euro 6 die Abgasrückführung unter bestimmten Bedingungen abschaltet. Nachmessungen beim TÜV Nord haben das bestätigt.

Ab 2.000 Umdrehungen pro Minute reduziert die (verschlüsselte) elektronische Motorsteuerung nach den DUH/ZDF-Recherchen die Abgasrückführung, und ab 3.500 Umdrehungen wird sie komplett abgeschaltet, die Stickoxid-Emissionen steigen stark an. Lag der gemessene BMW 320d im Labor beim Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) deutlich unter dem NOx-Grenzwert von 80 mg/km, stiegen die Emissionen auf der Straße  deutlich über den Grenzwert an – bis zu 7,2 mal so viel. (Testbericht: BMW 320d )

DUH-Verkehrsexperte Axel Friedrich sieht eine (laut Europäischer Verordnung EGV 715/2007 grundsätzlich verbotene) Abschalteinrichtung als Ursache: „Wir haben festgestellt, dass nicht nur die Drehzahl, sondern auch das Drehmoment, also die Last, dafür entscheidend ist, ob die Abgasrückführung ein- oder ausgeschaltet ist. Wenn sie ausgeschaltet ist, steigen die Emissionen an Stickoxiden drastisch an. Und das ist nach meiner Einschätzung von der europäischen Richtlinie nicht gedeckt.“ Abschalteinrichtungen können nur ausnahmsweise genehmigt werden.

DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch dazu: „Die vorliegenden Messergebnisse sind sehr klare Indizien dafür, dass hier unzulässige Abschalteinrichtungen in der Motorsteuersoftware vorhanden sind. Diese müssen komplett entfernt werden. Das Fahrzeug muss in allen normalen Betriebssituationen eine voll funktionstüchtige Abgasreinigung haben. Wir werden heute den zuständigen Behörden unsere Untersuchungsergebnisse übergeben und fordern eine Überprüfung und gegebenenfalls Entzug der Typgenehmigung und einen amtlichen Rückruf für alle Fahrzeuge, die über eine illegale Abschalteinrichtung verfügen.“ BMW lehnte ein WISO-Interview ab, antwortete lediglich per Mail.

BMW schriftlich gegenüber dem ZDF: „Grundsätzlich gilt, dass BMW-Fahrzeuge den jeweils gültigen Vorschriften entsprechen und nicht manipuliert sind… das heißt, dass unsere Abgas-Systeme sowohl auf dem Prüfstand wie auch in der Praxis aktiv sind. Die für die Abgasbehandlung erforderlichen Emissionskontrollsysteme decken in ihrer Wirksamkeit die typische Kundenfahrweise vollumfänglich ab. Sie wurden im Rahmen der Typprüfung in ihrer Funktionsweise korrekt beschrieben und von den zuständigen Behörden genehmigt.“

Völlig maulfaul dagegen gab sich das Kraftfahrtbundesamt: Die Aufsichtsbehörde hüllte sich auf die WISO-Anfragen, ob BMW bei der Typzulassung Abschalteinrichtungen angemeldet, und welche das KBA dem BMW-Konzern genehmigt habe, in beredtes Schweigen.

Der Berliner Tagesspiegel in seinem täglichen Checkpoint: „In Bayern drehen Sie gerade nicht nur politisch am Rad. Denn der Dieselskandal weitet sich offenbar auf BMW aus: Demnach stoßen auch neue Fahrzeuge der Autobayern bis zu sieben Mal mehr Stickoxide auf der Straße aus als im Labortest. Das ergaben Studien der Deutschen Umwelthilfe, die dem Tagesspiegel und dem ZDF exklusiv vorliegen. Für die Prüfer deutet das auf den Einbau illegaler Abschalteinrichtungen in der Abgasreinigung hin. Als ähnliche Vorwürfe gegen VW, Audi und Daimler bekannt wurden, hatte BMW-Vorstandschef Harald Krüger noch Gas gegeben. Vielleicht sollte sich Krüger jetzt fest anschnallen. Sonst wird er aus der Kurve getragen wie Horst Seehofer.“

Folgt: Die Messergebnisse der DUH im Ganzen: Vier Diesel stoßen mehr als 1 Gramm NOx aus

Die Messergebnisse der DUH im Ganzen: Vier Diesel stoßen mehr als 1 Gramm NOx aus

Erste Messergebnisse des Emissions-Kontroll-Instituts gab die DUH laut der folgenden Medienmitteilung schon Anfang September 2016 bekannt. In Berlin stellte sie ihre bisher umfangreichste Abgasuntersuchung im realen Straßenbetrieb von 36 Diesel- sowie drei Benzin- bzw. Benzinhybridfahrzeugen der Abgasstufe Euro 6 vor. Obwohl die Messungen zwischen Mai und September 2016 bei überwiegend sommerlichen Temperaturen erfolgten, überschreiten 33 der 36 Dieselfahrzeugen den Stickoxid-Grenzwert von 80 mg/km um das bis zu 9,2-fache.

Neueste Wintermessungen zeigen noch deutlich höhere Grenzwertüberschreitungen: Bei Außentemperaturen unter +17 Grad Celsius emittierten vier Fahrzeuge mehr als 1.000 mg NOx/km und die neueste Abgasnorm Euro 6 wird um mehr als das 17-fache überschritten. Die Tatsache, dass eine geringe Anzahl an Fahrzeugen den Grenzwert unterschreiten, zeigt die grundsätzliche Machbarkeit einer wirksamen Abgasreinigung.

Welche Autos verpesten unsere Straßen am meisten?

Handlungsbedarf für bessere Luft

Alle Ergebnisse von Messungen Dritter sowie eigene Messungen dokumentiert die DUH umfassend, veröffentlicht sie auf ihrer Webseite und leitet sie an die entsprechenden Institutionen und Behörden auf nationaler und internationaler Ebene weiter. Die Messungen der Umgebungsluft werden durch umfassende Informationen über Messbedingungen sowie Charakteristik und Nutzung des Messortes und seiner Umgebung ergänzt. Dadurch soll es ermöglicht werden, an vergleichbaren Standorten auf vergleichbare potenzielle Belastungen hinzuweisen. Es sind aussagekräftige Momentaufnahmen, die die aktuelle Situation vor Ort abbilden und den Handlungsbedarf für eine Verbesserung der Luftqualität verdeutlichen. In einer umfassenden und wirksamen Luftreinhalteplanung müssen diese durch Langzeitmessungen von Feinstaub und anderen Schadstoffen ergänzt werden.

Die DUH: „Zum Schutz des Klimas und der Gesundheit behalten wir uns vor, mit Verweis auf diese Messungen Einsicht in die entsprechenden Umweltinformationen einzufordern und gegebenenfalls weitere rechtliche Schritte, wie z.B. einen Antrag auf Entzug der Typgenehmigung bei Fahrzeugen, einzuleiten und politisch Einfluss zu nehmen.“

Hintergrund und Ergebnisse

Testberichte einzelner Fahrzeuge

->Quellen und mehr: