Balance zwischen CO2-Emissionen und Abholzung finden

Holz als Energieträger umstritten

Im Grund seien sich Umweltschützer und Energiekonzerne einig: Energie aus Holz-Biomasse ist wichtig zur Einsparung von CO2-Emissionen. “Das Holz sollte aber nur aus Resten und Industrieabfällen stammen”, schreibt Samuel White am 29.01.2018 auf EURACTIV. “Wenn die EU ihre Klima- und Energieziele erreichen will, müssen die Gesetzgeber eine Balance zwischen der wirtschaftlichen Optimierung der Forstwirtschaft und dem Waldschutz zur Kohlenstoffbindung finden.”

Wälder bieten als Europas größte Kohlendioxidsenken beste Möglichkeiten, CO2 aus der Atmosphäre zu filtern, damit die EU ihre im Pariser Klimaabkommen definierten Ziele (Emissionsabsenkung bis 2030 um 40 Prozent gegenüber  1990) einhalten kann.

Die europäischen Waldgebiete, fünf Prozent der Wälder der Erde, haben sich in den vergangenen 60 Jahren auf mehr als 155 Millionen Hektar kontinuierlich vergrößert, so viel wie Frankreich, Deutschland, Polen und Großbritannien zusammen. Insgesamt sind rund 40 Prozent der Landfläche der EU mit Wald bedeckt. Ungefähr 60 Prozent der EU-Wälder sind in Privatbesitz, der Rest wird von öffentlichen Stellen verwaltet. Die Wälder der EU können derzeit zehn Prozent der jährlichen CO2-Emissionen von 4,45 Milliarden Tonnen speichern.

Gleichzeitig macht Biomasse aus den Wäldern um die 70 Prozent aller Bioenergie aus, die ihrerseits einen Anteil von 61 Prozent an der in der EU verbrauchten Erneuerbaren Energie hat. „Die große Aufgabe, die gemeistert werden muss, ist ein Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen hin zu allen Arten von Erneuerbaren Energien, darunter Bioenergie,” sagte Jean-Marc Jossart, Generalsekretär der European Biomass Association (AEBIOM) gegenüber EURACTIV.

Balance finden

Um die Balance zwischen CO2-Speicherung der Wälder einerseits und den ökonomischen und energetischen Potenzialen der Forstwirtschaft andererseits zu finden, machte die Europäische Kommission 2016 einen Vorschlag für eine Verordnung zu Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft (LULUCF). Hier wurden zum ersten Mal in einem Gesetzesvorschlag sowohl die CO2-Speicherung als auch der Verlust solcher Einsparungspotenziale aufgrund von Abholzung zusammengefasst. In der LULUCF-Verordnung wird festgelegt, dass die Emissionen aufgrund der Forstwirtschaft nicht die Menge der Speicherungen übersteigen dürfen. Im Dezember hatten sich die EU-Verhandler auf eine Flexibilitätsklausel geeinigt. Nach dieser dürfen Länder, die ihre CO2-Limits überschreiten, CO2-Abbauwerte aus der Forstwirtschaft eintauschen.

Der LULUCF-Berichterstatter des EU-Parlaments Norbert Lins begrüßte den Vorschlag und unterstrich: „Es hängt alles von der richtigen Balance ab.“ Er erklärte weiter: „Ich möchte keine Wälder in der Vitrine. Wälder müssen nachhaltig und aktiv bewirtschaftet werden, damit sie sowohl Holz für unsere Bioenergie liefern als auch den Klimawandel abfedern können.“ Da Treibhausgasemissionen in der Industrie zwar drastisch reduziert werden müssen, aber nicht komplett gestoppt werden können, sei es umso wichtiger, dass in der Forstwirtschaft mehr Emissionen gespeichert als ausgestoßen würden, so Lins. In dieser Hinsicht seien „die tollen Leistungen in der Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft wesentlich und absolut positiv.“

Ist Holz-Biomasse ein klimafreundlicher Treibstoff?

Umweltaktivisten bemängeln allerdings, die LULUCF-Verordnung erlaube weiterhin die Nutzung von Holz als Quelle für die Erzeugung von Heizenergie und Strom. Die Frage, ob Holz zur Energiegewinnung verbrannt werden sollte, kam kürzlich bei einer Abstimmung im Europaparlament über die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EER) erneut auf: Am 17.01.2018einigten sich die Parlamentarier auf ein Ziel von 35 Prozent Anteil Erneuerbarer Energien am Gesamtstrommix bis 2030 – eine deutliche Steigerung gegenüber den vorgeschlagenen 27 Prozent der Kommission. Das Parlament begründete seine Entscheidung mit den fallenden Kosten für Erneuerbare Energien. Außerdem wurde darauf verwiesen, dass der Anteil der Erneuerbaren in der Union im Jahr 2020 bereits rund 20 Prozent betragen werde.

Grünen-MEP Bas Eikhout erläuterte, dass Biomasse aus den Wäldern die größte Quelle für Erneuerbare Energie sei. Es müssten aber strikte Nachhaltigkeitskriterien eingehalten werden, um sicherzustellen, dass die EER keine Anreize für unnachaltige Forstwirtschaft bietet. Es müsse das Prinzip gelten: „Wir verbrennen keine ganzen Bäume.“ Die Produzenten müssten beweisen, dass ihr Biomasse-Brennholz kein sogenanntes Rundholz ist – also hochqualitatives Holz aus Baumstämmen – sondern aus forstwirtschaftlichen Rückständen  wie Ästen und Baumspitzen oder Industrieabfällen wie Sägespäne stammt.

Komplexe Gleichung

Im Vergleich zu fossilen Brennstoffen gilt das Verbrennen von Holz als umweltfreundlicher, da die Auswirkungen über den Lebenszeitraum eines Baumes neutral sind, sprich: Durch das Verbrennen werden nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen, als der Baum vorher absorbiert hat. Darüber hinaus können für jeden gefällten Baum neue gepflanzt werden. In Wirklichkeit ist die Gleichung aber nicht so simpel, warnt Professor Jean-Pascal van Ypersele vom Earth and Life Institute der Katholischen Universität Löwen in Belgien und früherer IBCC-Vize:

Traditionell werde das Verbrennen von Holzabfällen und forstwirtschaftlichen Rückständen als gutes Mittel zur Verminderung von CO2-Emissionen gesehen, „wenn aber Bäume – die offensichtlich etwas anderes sind als Holzrückstände – mit dem Vorsatz gefällt werden, das Holz zu verbrennen, dann stehen die Zeichen auf mehr Kohlestoff in der Atmosphäre, für Jahrzehnte oder Jahrhunderte,” sagte er während eines Treffens mit Klimaforschern am 09.01.2018 in Brüssel. Seiner Ansicht nach gefährdet der Trend, mehr Holz zu verbrennen, das Erreichen der Pariser EU-Klimaziele. Darüber hinaus könnte eine solche Politik auch zu weiterer Abholzung in anderen Ländern wie den USA führen, von wo Biomasse importiert werden müsste.

Aus Sicht des Biomasse-Industrieverbands AEBIOM basieren diese Aussagen über die Nutzung von Holzbiomasse als Quelle für Erneuerbare Energie allerdings auf einem Missverständnis über den Markt für Forstprodukte. Der europäische Bioenergiesektor habe gemeinsam mit anderen Holzindustrien Wege gefunden, wie Reste mit niedrigem Materialwert (Sägespäne, Sägeholzreste, Holz von geringer Qualität, Äste, Baumspitzen usw.) sinnvoll genutzt werden können. Diese seien sonst reine Abfallprodukte gewesen. Ein AEBIOM-Vertreter unterstrich: „Wir verbrennen keine kompletten Bäume.“ Abgesehen von Umweltbedenken habe es aber auch keinen wirtschaftlichen Sinn, hochqualitatives Holz zu verbrennen, erklärt die Organisation. Der Marktwert von Rundholz sei sehr viel höher als der von Holz, das für die Energieerzeugung genutzt werde. Darüber hinaus stammen „laut Daten von Eurostat 95 Prozent der in der EU verbrauchten Biomasse aus lokaler Produktion“, weil der Transport über größere Distanzen zu aufwendig wäre, so der AEBIOM-Vertreter gegenüber EURACTIV. Aus Sicht von Generalsekretär Jossart ist klar: „In vielen Sektoren ist Bioenergie eine der wenigen technisch verfügbaren Optionen, um die Energiewende zu vollziehen.“

->Quelle: euractiv.de/co2-emissionen-und-abholzung-die-balance-finden