Studie: Erdgas klimaschädlicher als Kohle

Zweifel an EU-Aussagen über Klimavorteile durch Vorzeige-Energieprojekt

Der umstrittene Southern Gas Corridor, Vorzeige-Energieprojekt der EU, könnte genauso emissionsintensiv sein wie Kohlekraftwerke oder sogar noch mehr, wie – einer Medienmitteilung folgend – eine neue Studie  zeigt.

Bis Mitte Februar könnte der Trans Adriatic Pipeline (TAP), einem wichtigen Abschnitt des südlichen Gaskorridors, von der Europäischen Investitionsbank EIB ein Rekord-Darlehen in Höhe von 1,5 Mrd EUR an öffentlichen Geldern gewährt werden.

TAP, der westliche Teil des 3.500 Kilometer langen südlichen Gaskorridors, soll jährlich mindestens 10 Milliarden Kubikmeter aserbaidschanisches Gas in die EU bringen. Weitere 6 Mrd. Kubikmeter sollen über die Trans-Anatolian-Pipeline, das Herzstück des südlichen Gaskorridors, in die Türkei transportiert werden. Ab 2026 soll der südliche Gaskorridor bis zu 31 Mrd. Kubikmeter aserbaidschanisches Gas pro Jahr liefern¹.

Beamte der Europäischen Kommission und der europäischen Finanzinstitutionen haben gelegentlich argumentiert, dass der südliche Gaskorridor der EU tatsächlich helfen würde, ihre Klimaziele zu erreichen. Im Januar 2017 gab Miguel Arias Cañete, Kommissar für Klimaschutz und Energie, jedoch zu, dass die Kommission keine Klimabilanz für das derzeit größte Projekt der EU im Bereich der fossilen Brennstoffe erstellt habe. Keine der öffentlichen Banken, die Teile des südlichen Gaskorridors finanzieren wollen oder bereits finanziert haben, hat eine Klimabewertung des Projekts veröffentlicht.

ODG-Studie Gas-Kohle – Titel

Die neue Studie, die vom CEE Bankwatch Network (einer der zehn führenden Umwelt-Nichtregierungsorganisationen in der EU) in Auftrag gegeben und von Forschern der Observatori del Deute en la Globalització (Schuldenbeobachtungsstelle der Globalisierung) und der Polytechnischen Universität Kataloniens durchgeführt wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass in mehr als der Hälfte von neun untersuchten Szenarien die Höhe der flüchtigen Methan-Emissionen, Hauptbestandteil von Erdgas und außergewöhnlich starkes Treibhausgas, die Klimabilanz des südlichen Gaskorridors mit der von Kohlekraftwerken vergleichbar oder sogar schlechter ist.

Der World Energy Outlook 2017 der Internationalen Energieagentur definiert eine Schwelle von drei Prozent der flüchtigen Emissionen, oberhalb derer die Emissionsintensität von Erdgasprojekten diejenige von Kohle, die weithin als der schmutzigste fossile Brennstoff gilt, übertrifft. In fünf der von den Studien-Autoren betrachteten Szenarien würde der Anteil der unbeabsichtigten Freisetzungen von Methan bei der Gewinnung und Übertragung zwischen 2,44 % und 5,95 % liegen und damit das Risiko erhöhen, den Klimawandel zu verschärfen und nicht abzumildern. Darüber hinaus zeigt die Studie, dass die jährlichen Emissionen der ersten Stufe des südlichen Gaskorridors allein die Gesamtemissionen Bulgariens im Jahr 2015 übersteigen oder sogar mit denen Rumäniens in diesem Jahr gleichziehen würden.

Am 06.02.2018 soll der Verwaltungsrat der Europäischen Investitionsbank über ein Darlehen von 1,5 Mrd EUR für das TAP-Projekt entscheiden. Bislang hat die Bank ihre Klimafolgenabschätzung für den Southern Gas Corridor oder auch nur für das TAP-Projekt noch nicht veröffentlicht.

Anna Roggenbuck, EIB-Referentin bei CEE Bankwatch Network: „Solange Europa das Projekt Southern Gas Corridor weiterverfolgt, lassen die Ergebnisse dieser Studie ernsthafte Zweifel an der Entschlossenheit der EU aufkommen, die Klimakrise als Vertragspartei des Pariser Abkommens anzugehen.“

Josep Nualart Corpas vom Observatori del Deute en la Globalització und Leitautor der Studie: „Kohlegrenzwerte müssen als unzulässige Grenze für Methanlecks betrachtet werden, die entlang der Gasversorgungskette entstehen. Da dieser fossile Brennstoff hauptsächlich als Energieressource genutzt wird, müssen kohlenstoffarme Alternativen wie Energieeffizienz und erneuerbare Energien evaluiert werden.

¹ Siehe die Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung (nichttechnische Zusammenfassung) für das Trans-Anatolian-Pipeline-Projekt (PDF, S. 7): ebrd.com/Satellite/Content/Download/Document

->Quellen: