Mit dem Elektroauto in die Sackgasse

Warum E-Mobilität den Klimawandel beschleunigt – Buch von Winfried Wolf

Der Alt-Linke Winfried Wolf hat sich das Elektro-Auto vorgenommen: “Elektroautos sind keine Lösung des Problems. Sie sind vielmehr Teil des Problems.” Die Elektromobilität wird laut Wolf aus einer ganzen Rehe von Gründen in die nächste Sackgasse führen. Das Echo auf sein Buch “Mit dem Elektroauto in die Sackgasse – warum E-Mobilität den Klimawandel beschleunigt”, erschienen im Promedia-Verlag Wien, fällt allerdings sehr divers aus.

Erstens habe ein ein Elektro-Pkw einen größeren ökologischen Fußabdruck als bisher gesehen: Ein Elektro-Pkw emittiere im Lebenszyklus nur maximal 25 Prozent weniger CO2 als ein Verbrenner. Aber schon bei der Produktion werde viel mehr CO2 emittiert als bei einem normalen Pkw, vor allem durch die Batterieproduktion. Zweitens wegen des Strom-Mix, der noch lange einen fossilen Anteil haben werde. Drittens – so Wolf am 25.03.2019 in einer Rede bei Fridays for Future in Düsseldorf – weil mehr als die Hälfte der Elektro-Pkw Zweit- und Drittwagen seien – sie steigerten die Pkw-Dichte in den Städten; machten die zerstörerische Blechlawine gerade da, wo sie besonders schädigend ist, nämlich in den Stadtzentren, nochmals größer. Schließlich, “weil wir mit Elektro-Pkw die Abhängigkeit von Öl ersetzen durch eine neue Abhängigkeit von anderen knappen Ressourcen – so von Kobalt, Kupfer und Lithium. Es gibt dann anstelle von Ölkriegen Kobalt-Kriege, Kupfer-Kriege um Lithium-Kriege”. Letztendlich verlangsame die für die E-Mobilität nötige zusätzliche Menge an Elektrizität die dringend notwendige Verringerung von Kohlestrom – und werde weltweit die Atomstromerzeugung wieder hochfahren lassen. So verdreifache China, das stark auf E-Mobilität setzte, aktuell die Zahl der Atomkraftwerke auf 100.

Die Argumentation, es stünden viele Jobs auf dem Spiel, nennt Wolf ein Totschlagargument. Es gebe in Deutschland zwar derzeit 820.000 Jobs in der Autoindustrie, doch es sei die Autoindustrie selbst, die diese Jobs zerstörte – durch Automatisierung, Umstellung auf Elektro-Auto-Produktion und Auslagerung nach Osteuropa und Asien. Allein bei den deutschen Werken von VW, Opel und Ford stehe in den kommenden fünf Jahren ein Job-Abbau von 55.000 Arbeitsplätzen an. Schließlich würden mit der Verkehrswende neue Jobs geschaffen – auch in der Autoindustrie, und zwar dann, wenn es eine Konversion, einen Umbau dieser Industrie gibt. Neue Jobs, um Eisenbahnwagen, Loks und Fahrräder herzustellen und um dafür die Infrastruktur zu aktualisieren.

Wolf wörtlich: “Wir wollen nicht etwas weniger Plastik. Wir wollen nicht etwas mehr Elektroautos. Diese Bewegung Fridays for Future will All days for Future. Wir wollen keine kleinen Brötchen. Wir wollen die ganze Bäckerei. Eine Gewerkschaft, die angesichts der Bedrohung auf diesem Planeten ihren Namen verdient, heißt DGB, heißt: Die Ganze Bäckerei.”

Wolf skizziert einen Ausweg aus einer jahrzehntelang dominierenden Verkehrspolitik, nämlich eine sozial und ökologisch verträgliche Wirtschaftsentwicklung, deren Elemente Nachhaltigkeit, Klimaverträglichkeit, Umweltfreundlichkeit und Stadtqualität von zentraler Bedeutung für eine menschengerechte Lebensweise sind. Er plädiert dafür, dem fortschreitenden Individualverkehr ein alternatives Verkehrskonzept entgegenzustellen. Seine zentrale Prämisse dafür ist die Schaffung einer Verkehrsorganisation, die sich abwendet von der Dominanz von Diesel-, Benzin- und Elektroautos. (isw-muenchen.de/e-mobilitaet-und-zukunftsperspektive)

Winfried Wolf, geboren 1949 in Horb am Neckar, studierte Politikwissenschaften in Freiburg und Berlin und promovierte in Hannover. Von 1994 bis 2002 war er Mitglied des deutschen Bundestags. Er ist Chefredakteur von Lunapark21 – Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac. Wolf engagiert sich im Bündnis Bahn für Alle, das gegen die Privatisierung der Bahn kämpft. Seit Mitte der 1990er Jahre war er aktiv im Widerstand gegen Stuttgart21.

Kritisches bis vernichtendes Echo

Die Leserreaktionen fallen nahezu durchweg negativ aus. Wolf habe schlecht recherchiert, erfinde oder verwende alte Zahlen. Ein Kritiker (Christian Haberl auf Amazon), der allerdings nicht allein ist: Wolf sitze wie viele Elektroautogegner einem Denkfehler auf: Kein Mensch behaupte, Elektroautos seien völlig klimaneutral. Sie seien nur umweltfreundlicher als Verbrenner. Wolf verstricke sich immer wieder in Widersprüche. An einer Stelle behaupte er, Elektroautos würden hauptsächlich in der Stadt verwendet, an anderen, sie seien ein Privileg der ländlichen Häuslebesitzer. Die Auswahl der Studien sei zudem sehr willkürlich. An einer Stelle des Buches gibt der Autor sogar zu, dass die Experten zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Er nutze gar die sogenannte “Schwedenstudie”, eine immer wieder falsch zitierte, missverstandene und z.T. auch inhaltlich falsche Studie [“The Life Cycle Energy Consumption and Greenhouse Gas Emissions from Lithium-Ion Batteries” des IVL (Swedish Environmental Research Institute) ein (siehe solarify.eu/e-autos-unterm-strich-doch-klimasuender? und: solarify.eu/verkehrswende-dickes-brett)]. Auch die Behauptung “E-Mobility heißt mehr Kohlestrom” treffe weder in der Praxis noch in der Einschätzung von Experten der Elektrizitätswirtschaft zu. So würden Elektroladestationen und Elektroautos nur gefördert, wenn man die Verwendung 100% Erneuerbarer Energien nachweisen könne. Selbst wenn alle 45 Millionen Autos in Deutschland elektrisch fahren würden, bräuchte man nur 15-20% mehr Strom.

->Quellen: