Sonnenstrom aus der Wüste – Tolle Idee! Was wurde daraus?

Kritische Würdigung eines etwas merkwürdigen DLF-Berichts

“Vielversprechender Beginn, enttäuschende Entwicklung”: Frank Grotelüschen hat für den Deutschlandfunk recherchiert, warum die ursprünglich gute Idee des Desertec-Konzepts “zunächst” an ihrer Umsetzung scheiterte. Desertec sollte die besten Solar- und Windstandorte und die besten Technologien der Welt zusammenbringen und Strom aus den Wüstenstaaten nach Europa exportieren. Doch der Bericht des DLF-Autors ist – wie so viele – einseitig und schlecht recherchiert.

In den 2000er-Jahren entwickelte der Teilchenphysiker Gerhard Knies einen schlüssig klingenden Plan: Da in der Sahara die Sonne viel stärker scheint als bei uns, funktionieren Solarkraftwerke dort deutlich effizienter. Den Strom, den die Wüstenstaaten nicht selber brauchen, könnten sie über Hochspannungs-Gleichstromleitungen (HGÜ) nach Europa exportieren.

Grotelüschen hat offenbar nur eine einzige Quelle kontaktiert: Desertec-Vorstand Andreas Huber – dessen Desertec Foundation verließ im Streit um die Verwertung der Marke aber als erste das Konsortium (siehe: solarify.eu/desertec-foundation-kuendigt-der-dii-gmbh); Huber wird jedenfalls neben dem verstorbenen Ideengeber Gerhard Knies als einziger zitiert. Weder hat der Autor offensichtlich mit Paul van Son (siehe hier ausführlich: solarify.eu/desertecdii-ee-auf-dem-vormarsch-in-mena) gesprochen, seit 2009 Leiter der Desertec Industrial Initiative (heute Dii Desertenergy), noch hat er eine der abgesprungenen Firmen befragt, auch nicht neu hinzugekommene Unternehmen. So hat die Dii nie von 400 Milliarden Investitionen gesprochen (das war eine Hochrechnung der Medien). Sehr früh wurde die Idee von Gerhard Knies (CSP plus HGÜ) um Wind und Photovoltaik erweitert. Nie sollte ein Finanzierungskonzept erarbeitet werden – “Paving the way” hieß das Dii-Motto. Nie sollte es eine SPC (“Special Purpose Company) geben, die ein Pilotprojekt hätte finanzieren sollen – vom Anstoßen eines “Referenzprojekts” war stets die Rede.

In Wirklichkeit waren das radikale Absinken der Solarstrompreise (PV, nicht CSP) in Europa, die Wirren das arabischen Frühlings (von Grotelüschen angedeutet), Rivalitäten der Konsortiumsteilnehmer sowie interne Konflikte innerhalb der Dii für die problematische Entwicklung verantwortlich.

Immerhin endet Grotelüschens Bericht relativ gnädig, wenn er Huber sagen lässt: “Ganz ohne Wirkung scheint Desertec aber nicht gewesen zu sein: In Nordafrika sind mittlerweile gigantische Solarkraftwerke entstanden oder werden gerade gebaut. Pläne, ihren Strom auch nach Europa zu exportieren, gibt es derzeit aber nicht. Andreas Huber: „Wenn man sieht, wie die nordafrikanischen Länder jetzt auf erneuerbare Energien setzen, dann glaube ich schon, dass das in irgendeiner Form auf Desertec zurückzuführen ist. Es ist etwas, was die Menschen inspiriert hat.“ Enttäuschende Entwicklung?

Ein tieferer Einblick in die Geschichte und den Verlauf der Dii GmbH ist dem am 17.01.2019 im oekom-Verlag erschienen Buch “Energiewende in der Wüste: Die Vision ist bereits Realität” von von Paul van Son und Thomas Isenburg zu entnehmen. Aus dem Verlagstext: “Darin beschreiben die Autoren detailliert die Entwicklung des vergangenen Jahrzehnts. Wind- und Sonnenenergieanlagen prägen immer stärker die Energieversorgung in der Region. Heute hat Europa noch Stromüberkapazitäten und MENA noch Engpässe. Deshalb ist noch nicht von Stromimporten die Rede, eher Stromexporten. Das Bild wird sich in den kommenden Jahrzehnten zweifellos ändern. Die MENA-Region wird dann große Mengen emissionsfreien Strom (grüne Elektronen) und emissionsfreie Gase oder Flüssigkeiten (grüne Moleküle) wie zum Beispiel Wasserstoff aus den Wüsten an Europa liefern können. In Anbetracht des bereits sehr kostengünstigen zu produzierenden erneuerbaren Stromes in der MENA-Region ist ein Zukunftsbild ohne emissionsfreie Energie aus den Wüsten kaum noch realistisch.”

Anmerkung: Der Verfasser dieser kritischen Wertung, Gerhard Hofmann, war von 2009 bis 2012 Senior Advisor der Desertec Industrial Initiative. Im  November wird die Dii übrigens ihre 10. Jahreskonferenz in Berlin abhalten.

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