Plastikatlas: Raus aus der Plastikkrise

BUND und Böll: “Umsteuern auf allen Ebenen, jetzt!”

Die Welt versinkt im Plastik. Plastik im Boden, im Wasser, in der Luft. Wir essen Plastik, tragen Plastik als Kleidung am Körper und cremen uns mit Mikroplastik in Kosmetik das Gesicht. Der am 06.06.2019 veröffentlichte „Plastikatlas“ der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) umreißt das Ausmaß der Plastikkrise und verdeutlicht: Die tatsächlichen Gründe für die Verschmutzung unserer Umwelt mit Plastik sind nicht ein Problem der Entsorgung oder der Verbraucher. Hauptursache sind insbesondere international agierende Unternehmen, die ihren Verantwortlichkeiten nicht nachkommen und stattdessen sogar eine Ausweitung der Plastikproduktion planen.

BUND und Heinrich-Böll-Stiftung fordern von der Politik wirksame Maßnahmen zur weltweiten Lösung der Plastikkrise, die vor allem auf eine Reduktion von Produktion und Konsum von Plastik setzen. Neben Gesetzen zum Endverbrauch müssten jetzt insbesondere die Hersteller und die petrochemische Industrie als Hauptverursacher in die Pflicht genommen werden.

Eine repräsentative Forsa-Umfrage zeigt, dass deutsche Verbraucher die Hersteller von Plastikartikeln klar in der Verantwortung sehen: 83 Prozent der Befragten sind dafür, Abgaben auf Plastikprodukte zu erheben, die von den Herstellern getragen werden. 86 Prozent der Befragten befürworten eine stärkere Beteiligung von Unternehmen an den Kosten für Reinigungsmaßnahmen in Folge der Umweltverschmutzung durch Plastik. Und sogar 92 Prozent sprechen sich für ein Verbot von Plastikmüllexporten in Länder mit unzureichenden Umwelt- und Sozialstandards aus.

„Alle Welt redet über Plastik. Das ist gut so. Doch wir haben ein unvollständiges und verzerrtes Bild davon, wer und was die globale Plastikkrise verursacht und wie wir sie anpacken müssten. Verbote von Strohhalmen, Einwegbechern und Tüten sind ein erster Schritt, sie werden jedoch eine der größten Umweltkrisen, die den ganzen Planeten erfasst, nicht beenden“, sagt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. „Wenigen ist bewusst, dass Kunststoffe ursprünglich ein Abfallprodukt der petrochemischen Industrie waren. Bis heute sind ExxonMobil, BASF, Eni, INEOS, und Dow die größten Plastikproduzenten weltweit. Sie beherrschen mit insgesamt fast 420 Milliarden Euro Umsatz den globalen Markt und planen, die Produktion in den nächsten Jahren weiter auszubauen – nicht zuletzt als Alternativstrategie, falls Energie- und Mobilitäts-Wende an Tempo gewinnen. Die massenhafte Verfügbarkeit der billigen Plastikrohstoffe Erdöl und Erdgas ist zugleich der Grund dafür, dass faktisch kaum recycelt wird und eine echte Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffindustrie nicht in Gang kommt. Hier muss jede Strategie zur Überwindung der Plastikkrise ansetzen: Die Politik muss die großen Plastik- und Konsumgüterkonzerne in die Verantwortung nehmen“, fordert Unmüßig.

„Plastik ist ein globales Problem, das uns alle angeht“, erklärt Hubert Weiger, BUND-Vorsitzender, mit Blick auf das Ausmaß der Plastikkrise. „Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, schaffen wir Gesundheits- und Umweltprobleme mit bislang unabsehbaren Folgen für uns und die nachfolgenden Generationen. Wir rufen die nationalen Regierungen und die internationale Staatengemeinschaft auf, aktiv zu werden und dem Plastikwahn einen Riegel vorzuschieben. Der BUND fordert einen Dreiklang für eine Plastikwende: Verbote von Schadstoffen und Mikroplastik sowie die Bekämpfung von Plastikmüll.“

Deutschland ist einer der größten Standorte für Kunstoffproduzenten und Kunstoffverarbeiter in Europa. Verglichen mit seiner Größe trägt Deutschland damit eine beträchtliche Verantwortung für die weltweite Plastikverschmutzung.

Die Wiederverwertung von Müll sei global und in Deutschland Wunschdenken. Über 60 Prozent des in Deutschland gesammelten Verpackungsmülls würden verbrannt. Weiger weiter: „Lange haben wir uns in Deutschland als Recyclingweltmeister gerühmt, doch die Realität sieht anders aus: Nur knapp 38 Prozent unseres Plastikmülls werden tatsächlich dem Recycling zugeführt. Und der Skandal dabei ist: Plastik gilt bereits als recycelt, wenn es ins Ausland exportiert wird. Nach dem Prinzip ‚Aus dem Augen aus dem Sinn‘ exportieren wir und andere Industriestaaten unseren Plastikabfall in Drittländer und verlagern das Problem somit nur räumlich. Wir sollten Vorreiter sein, statt unsere Verantwortung abzuschieben.“  Vor Ort, zum Beispiel in den Ländern Asiens, habe diese Wegwerfmentalität des Westens erschreckende ökologische, soziale und gesundheitliche Auswirkungen. Weiger: „Die notwendige Infrastruktur zur Bewältigung unserer Müllberge gibt es in diesen Ländern nicht. Der Müll wird häufig unkontrolliert verbrannt oder landet auf Deponien und in der Umwelt. Viele Menschen fristen ihr Leben unter erbärmlichen Umständen und wir leben und konsumieren weiter sorglos Plastikprodukte.“

Die globale Plastikflut wachse exponentiell und unkontrolliert. Seit Beginn der Plastikproduktion Mitte des 20. Jahrhunderts seien rund 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoffe produziert worden – davon mit 44 Prozent beinahe die Hälfte erst seit dem Jahr 2000. Das entspreche mehr als einer Tonne Plastik pro Kopf der heutigen Erdbevölkerung. Jedoch gebe es regional sehr große Unterschiede: In den USA fielen zum Beispiel im Jahr fünf Mal mehr Müll pro Kopf an als in Indien, so Weiger. „Die Industrienationen zelebrieren einen verschwenderischen und ressourcenfressenden Lebensstil und sind damit kein Vorbild.“

Barbara Unmüßig sagt: „Plastikartikel benötigen teilweise hunderte von Jahren, um sich zu zersetzen. Und auch dann bleibt es als Gift in der Umwelt. Der größte Teil des Plastiks, etwa 40 Prozent, steckt in Verpackungen und ist damit in der Regel fast unmittelbar Abfall. Dieser ist vor allem als Meeresmüll inzwischen als Problem erkannt. Doch die tatsächlichen Ausmaße der Plastikkrise gehen viel weiter: Die industrielle Landwirtschaft nutzt ebenfalls gigantische Mengen an Kunststoff. Die Verschmutzung von Böden und Binnengewässern ist je nach Umgebung zwischen vier- und 23-mal so hoch wie im Meer. Zudem heizt Plastik die Klimakrise an: Von der Produktion bis zur Entsorgung entstehen im Laufe des Lebenszyklus von Plastik gewaltige Mengen an Treibhausgasen, die das Erreichen der weltweiten Klimaziele gefährden. Hinzu kommen die gesundheitlichen Risiken, die vor allem durch Mikroplastik und giftige Zusatzstoffe in den Kunststoffen bestehen. Hier sind vor allem Frauen, Kinder und Neugeborene enormen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt“, so Unmüßig.

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