Österreichs Stromerzeugung bald CO2-frei?

Die Alpenrepublik will Europas Wasserstoff-Land Nummer Eins werden – Scharfe Kritik

Österreich will seinen Strom schon 2030 komplett aus Erneuerbaren Quellen beziehen. Bis 2045 soll die Alpenrepublik völlig CO2-neutral werden – so will es jedenfalls die  ÖVP. Damit das gelingt, setzt “Altkanzler” Sebastian Kurz voll auf Wasserstoff, vor allem Wasserstoffautos. Dank der zahlreichen Wasserkraftwerke beträgt der Anteil der Erneuerbaren zwar bereits 75 Prozent. Doch neue Pumpspeicherkraftwerke sind politisch kaum durchsetzbar. Österreich braucht aber neue Speicher für den grünen Strom. Scharfe Kritik am Kurz-Vorschlag kommt von den Medien.

Das Magazin Kontrast sieht den Vorstoß kritisch: “Ex-Kanzler Kurz will Wasserstoff-Autos fördern. Doch das ist weder neu noch richtig. Denn Wasserstoff wird derzeit hauptsächlich aus Erdöl-Energie gewonnen. Profitieren würde in Österreich hauptsächlich der Mineralölkonzern OMV (so der Wiener Standard) – und nicht das Klima. Deren Aufsichtsratsvorsitzender ist der ÖVP-Großspender Wolfgang C. Berndt. Bis 2025 solle es flächendeckend in ganz Österreich Wasserstoff-Tankstellen geben, findet die ÖVP. Woher der Wasserstoff dafür kommt, sagen sie nicht. Derzeit jedenfalls betreibt nur die OMV in Österreich solche Tankstellen. Und die stellt den Wasserstoff mittels Erdgas her. Deswegen bekommt man beim Kauf eines Wasserstoff-Autos, anders als für E-Autos, auch keine Umweltförderung. Denn gut für das Klima ist ein Wasserstoff-Auto nicht. Aber gut für das Geschäft der OMV. Und bei der OMV wurde erst im Mai 2019 ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender eingesetzt. Der 76-Jährige ehemalige Procter&Gamble-Manager Wolfgang Berndt. Seine Bestellung wurde kritisch kommentiert, denn er ist einer der Großspender der ÖVP. Konkret spendete er 25.000 Euro an die Junge ÖVP im Kurz-Wahlkampf.”

Mittels Elektrolyse und mit Erneuerbarem Strom kann aus Wasser Wasserstoff erzeugt werden, der bei Bedarf in Strom umgewandelt und ins Netz eingespeist werden kann. Wasserstoff kann auch direkt eingesetzt werden, zum Beispiel als Treibstoff in der Mobilität und Rohstoff in der Chemie. Es entstehen klimaneutrale Brennstoffe (Designer Fuels, synthetische Treibstoffe – siehe solarify.eu/alternative-kraftstoffe-synthetische-treibstoffe-desinger-fuels-e-fuels), die leicht speicherbar sind – allerdings (noch) mit hohen Effizienzverlusten.

500 Mio. Förderung

Kurz will Unternehmen, die an Wasserstoffantrieben forschen, mit zusätzlich einer halben Milliarde Euro in den kommenden zehn Jahren fördern – falls er wieder Bundeskanzler werden sollte. Einer CO2-Steuer will er nicht, denn das gehe auf Kosten des ländlichen Raums und der Pendler. Mit den 500 Millionen Euro aus der Forschungsförderung sollen zudem Wissenschaftler nach Österreich geholt werden. Dazu soll in Österreich ein Wasserstoffzentrum aufgebaut werden. Geht es nach den ÖVP-Plänen, soll der Klimaschutz – wie bereits der Umweltschutz allgemein – als Staatsziel in der Bundesverfassung verankert werden.

Bis 2025 soll Österreich ein flächendeckendes Netz von Wasserstoff-Tankstellen haben. Und die Industrie zieht mit: Drei der größten Konzerne wollen gemeinsam die Alpenrepublik zum Wasserstoff-Pionier Europas machen. Der Stromerzeuger Verbund AG, das Öl- und Gasunternehmen OMV und der Stahlkonzern Voestalpine wollen das Thema vorantreiben – mit mehreren Projekten und zwar so schnell wie möglich. Ein erstes Pilotprojekt soll schon zum Jahresende starten.

Österreichs Wasserstoff ist nicht grün

In den großen Maßstab hat es die Technologie bislang nicht geschafft. Und grün ist der österreichische Wasserstoff noch lange nicht, denn er ist gegenwärtig ähnlich wie in Deutschland fast ausschließlich Nebenprodukt der Erdgasindustrie und hat daher keinen besonders guten CO2-Fußabdruck.

Branchenprimus Verbund will das jetzt ändern. Ein Pilotprojekt mit der Zillertal-Bahn ist in Vorbereitung. Die Schmalspurbahn in Tirol soll künftig energieautonom mit Wasserstoff betrieben werden. Der große Vorteil von Wasserstoff: Er kann dezentral erzeugt werden. Verbund srebt dafür eine immer engere Verzahnung mit der österreichischen Industrie, etwa mit OMV und Voestalpine, an. In der Wiener Raffinerie Schwechat wollen Verbund und OMV darum eine elektrolytische Wasserstofferzeugung für die Petrochemie errichten. Ziel sei es, die CO2-Emmission zu senken.

Wiener Standard: “Ziemlicher Unsinn”

Ebenfalls äußerst kritisch reagiert der Wiener Standard: “Die OMV erzeugt den Wasserstoff für die Tankstellen nicht aus regenerativen Quellen, Solarstrom und Wasser, sondern gewinnt ihn über die Dampfreformation aus Erdgas – also einem fossilen Energieträger. Unter diesen Vorzeichen ist die Annahme, dass Wasserstoff die Lösung für unsere Umweltprobleme des Individualverkehrs sein könnte, ein ziemlicher Unsinn. Eine Abkehr von fossilen Energieträgern ist es derzeit jedenfalls nicht. Darum bekommt man für Wasserstoffautos in Österreich anders als für E-Autos keine Umweltförderung, denn für deren Erhalt muss der Einsatz von Strom aus 100 Prozent Erneuerbaren Energieträgern nachgewiesen werden. Der Strom, der die Brennstoffzelle verlässt, schafft dieses Kriterium derzeit jedenfalls nicht. Gehen wir davon aus, dass Sebastian Kurz das alles weiß. Dann ist es doch seltsam, die Wasserstoffthematik derartig hoch auf seine neue Umweltagenda zu heften. Auf der Liste der Parteispenden aus dem Jahr 2017 befand sich auch der Name des Procter&Gamble-Managers Wolfgang Berndt. Er spendete damals 25.000 Euro an die Junge ÖVP. Berndt wurde im Mai 2019 zum Aufsichtsratsvorsitzenden der OMV… Würde Österreich tatsächlich zur Wasserstoffnation Nummer eins aufsteigen, gäbe es also eine Reihe von Gewinnern. Wer dabei auf der Strecke bleiben würde, ist in diesem Szenario die Umwelt.”

->Quellen: