Was tun in bedrohten Küstenregionen?

Klimawandel: Forscher plädieren erstmals für geordneten Rückzug aus gefährdeten Gebieten

Infolge des Klimawandels könnte für viele Küstengebiete lang- oder mittelfristig nur der Rückzug als Ausweg bleiben. Deshalb appellieren Wissenschaftler aktuell dafür, schon jetzt mit der Planung solcher Umsiedlungsmaßnahmen anzufangen – denn nur dann könne dies sozial und wirtschaftlich verträglich ablaufen. Schlussfolgerung: Statt ausschließlich in Küstenschutz zu investieren, sollten schon jetzt Strategien für einen geordneten Rückzug entwickelt werden, so die US-Forscher im Fachmagazin Science.

Wir müssen aufhören, unsere Beziehung zur Natur als Krieg zu sehen

Eine recht provokant wirkende Antwort liefern Anne Ronelle (A.R.) Siders von der Harvard University und ihre Kollegen: Ihrer Ansicht nach ist ein geordneter Rückzug auf lange Sicht die einzige sinnvolle Reaktion auf die Herausforderungen des Klimawandels. „Gegen den Ozean zu kämpfen ist vergebliche Mühe“, so Siders. „Der einzige Weg, gegen das Wasser zu gewinnen, ist, nicht dagegen anzukämpfen. Wir müssen aufhören, unsere Beziehung zur Natur als Krieg zu sehen.“

Einleitung des Science-Artikels “The case for strategic and managed climate retreat” (Das Argument für einen strategischen und kontrollierten Klimarückzug)

“Angesichts der globalen Erwärmung, des steigenden Meeresspiegels und der klimabedingten Extreme, die sie verstärken, stellt sich nicht mehr die Frage, ob einige Gemeinschaften sich zurückziehen werden – sondern warum, wo, wann und wie sie sich zurückziehen werden. In dem Maße, in dem der Rückzug bereits stattfindet, ist er typischerweise ad hoc und konzentriert sich auf die Risikominderung, isoliert von breiteren gesellschaftlichen Zielen. Er ist auch häufig ungerecht und ignoriert oft die zurückgelassenen Gemeinschaften oder die Aufnahme von Menschen, die sich zurückziehen.

Rückzug wurde weitgehend als letztes Mittel, als Anpassungsdefizit oder als einmalige Notfallmaßnahme angesehen; daher hat sich die Forschung kaum auf den Rückzug konzentriert, so dass die Praktizierenden wenig Anleitung erhalten. Eine so enge Konzeption des Rückzugs hat die Wahrnehmung der Entscheidungsträger hinsichtlich der verfügbaren Werkzeuge und der gesteigerten Innovation eingeschränkt. Wir schlagen eine Neukonzeption des Rückzugs als eine Reihe von Anpassungsmöglichkeiten vor, die sowohl strategisch als auch gemanagt sind. Die Strategie integriert den Rückzug in langfristige Entwicklungsziele und identifiziert, warum ein Rückzug stattfinden sollte und beeinflusst dabei, wo und wann. Das Management befasst sich mit der Art und Weise, wie der Rückzug durchgeführt wird. Durch die Neukonzeption des Rückzugs als eine Reihe von Instrumenten, die zur Erreichung gesellschaftlicher Ziele eingesetzt werden, erhalten Gemeinschaften und Nationen zusätzliche Anpassungsmöglichkeiten und eine bessere Chance, die Maßnahmen zu wählen, die ihren Gemeinschaften am ehesten zum Erfolg verhelfen.”

“Wir plädieren für eine Strategie, welche sozioökonomische Entwicklungen berücksichtigt – und für ein innovatives, evidenzbasiertes und kontextspezifisches Management. Dies sind keine radikalen Veränderungen in der Planung der Anpassungspraxis, die oft mit der Identifizierung der Ziele beginnt; die kontextspezifische Umsetzung ist zwar seit langem zentraler Grundsatz der Anpassung – aber sie wurde nicht auf den Rückzug angewendet.

Ein Rückzug ist schwer zu bewerkstelligen, und zwar aus vielen Gründen: kurzfristige wirtschaftliche Vorteile der Küstenentwicklung, subventionierte Versicherungsprämien und Kosten für die Wiederherstellung nach einer Katastrophe, falsch ausgerichtete Anreize zwischen Bewohnern, lokalen Beamten und nationalen Regierungen, unvollkommene Risikowahrnehmungen, Platzbindung und Präferenz für den Status quo. Eine Neukonzeption könnte einen strategischen, gemanagten Rückzug zu einer effizienten und gerechten Anpassungsmöglichkeit machen.”

Jetzt mit der Planung anfangen

Wie die Forscher betonen, werde ein solcher strategischer Rückzug nicht im nächsten Jahr und vermutlich auch nicht im nächsten Jahrzehnt nötig werden. Aber umso wichtiger sei es, die verbleibende Zeit für die Planung zu nutzen. „Wir werden neue Ansätze benötigen, um zukünftige Rückzüge in großem Maßstab, wie sie der Klimawandel mit sich bringen wird, zu bewältigen“, zitiert Chefredakteurin Nadja Podbregar vom Wissenschaftsportal Scinexx in einem Artikel unter dem alten Titel von Horst Eberhard Richter “Flüchten oder Standhalten” die Forscher: Sie appellierten daher an Regierungen, Kommunen und die Wissenschaft, schon jetzt an solchen Strategien zu arbeiten. „Die Geschichte des Rückzugs als Reaktion auf den Klimawandel hat gerade erst begonnen“, sage Co-Autorin Katharine Mach von der Stanford University. (Science, 2019; doi: 10.1126/science.aax8346)

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