280 Millionen könnten obdachlos werden

IPCC Sonderbericht über die Ozeane und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima

Die Ozeane – bisher kaum oder eher im Urlaub wahrgenommen – leiden besonders unter dem Klimawandel: Ihr Wasserspiegel steigt; sie werden warm und sauer, mit weitreichenden Folgen für ihr (und unser) komplexes Ökosystem. Auf Basis von mehr als 7.000 ausgewerteten wissenschaftlichen Studien über die Veränderungen der Ozeane warnt der am 25.09.2019 in Monaco vorgestellte IPCC Sonderbericht samt Kurzfassung für Politik-Entscheider, die eigentlich lebensspendenden Ozeane stünden davor, globales Leid zu entfesseln: Bis zu 280 Millionen Menschen könnten infolge des steigenden Meeresspiegels ihre Heimat verlieren. Jährliche Flutschäden sollen sich dem Bericht zufolge mindestens verhundertfachen. Von 2050 an würden tief liegende Städte und kleine Inselstaaten jährlich von extremen Fluten betroffen sein. Durch schwindende Gletscher droht in vielen Regionen erst zu viel, dann zu wenig Schmelzwasser.

Auch die globalen Strömungen in den Ozeanen könnten sich verändern. So sind viele Forscher besorgt, dass der starke Zustrom von geschmolzenem Süßwasser den Golfstrom schwächen könnte. Erste Anzeichen scheinen darauf hinzudeuten, aber noch sind viele Fragen offen, so dass der IPCC kaum ein finales Urteil fällen dürfte. Der Entwurf sagt jedoch laut AFP eine Verdopplung der Häufigkeit extremer El-Niño-Ereignisse voraus, wenn sich die Erde um zwei Grad erwärmt.

Der IPCC Sonderbericht über die Ozeane und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima (engl. „IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate“, SROCC) des Weltklimarates (IPCC) der Vereinten Nationen wurde am 25.09.2019 in Monaco vorgestellt. Der Bericht fasst den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu den Ozeanen und der Kryosphäre in einem sich ändernden Klima zusammen. Er umfasst die Themen Hochgebirgsregionen; Polargebiete; Meeresspiegelanstieg und Änderungen in den Weltmeeren sowie extreme und abrupte Veränderungen. Er beschäftigt sich auch mit den Folgen und Risiken für tief liegende Inseln, Küsten und Gemeinden, für marine Ökosysteme und abhängige Gemeinschaften sowie mit Risikomanagement und Anpassung.

Hauptpunkte des SROCC

  • Bis zu 280 Millionen Menschen könnten langfristig aufgrund des steigenden Meeresspiegels ihre Heimat verlieren.
  • Jährliche Flutschäden werden sich verhundertfachen. Von 2050 an würden tief liegende Städte und kleine Inselstaaten jährlich von extremen Fluten betroffen sein.
  • Durch schwindende Gletscher droht in vielen Regionen erst zu viel, dann zu wenig Schmelzwasser.
  • Auch die globalen Strömungen in den Ozeanen könnten sich verändern. So sind viele Forscher besorgt, dass der starke Zustrom von geschmolzenem Süßwasser den Golfstrom schwächen könnte.
  • Der Bericht sagt eine Verdopplung der Häufigkeit extremer El-Niño-Ereignisse voraus, wenn sich die Erde um zwei Grad erwärmt. Das globale Wetterphänomen wird ausgelöst durch schwache Passatwinde, die wiederum dazu führen, dass sich das Wasser vor Perus Küste erwärmt. Oft kommt es zu Überschwemmungen an der Westküste Nord- und Südamerikas, zu Trockenheit und Hitze in Südostasien und zu einem Massensterben von Meerestieren und Korallen.

Das Eintreten von sogenannten Kipp-Punkten, wie zum Beispiel Instabilitäten von Eisschilden der Antarktis, der Zusammenbruch der atlantischen Zirkulation (der Golfstrom ist Teil davon) oder massive Freisetzung von Treibhausgasen aus tauendem Permafrost, würde zu dramatischen und meist irreversiblen Folgen führen. Es besteht nach wie vor eine hohe Unsicherheit im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit und die Temperaturschwellen dieser Prozesse; es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass einzelne Kipp-Punkte bereits bei 1,5 Grad bis 2 Grad Celsius Temperaturanstieg gegenüber dem vorindustriellen Niveau noch in diesem Jahrhundert erreicht werden könnten – Grafik © Schellnhuber, 1996, Lenton et. al. (2008)

Der Bericht ist auch ein Appell an die Weltgemeinschaft, effektivere Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen, bevor gravierende Klimafolgen oder gar den Klimawandel zusätzlich beschleunigende “Kipp-Punkte” überschritten werden. Die Risiken für Mensch und Natur werden mit zunehmender Erwärmung deutlich ansteigen. Der in Monaco einstimmig von den IPCC-Mitgliedsstaaten angenommene Bericht wurde am gleichen Tag im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin von Bundesumweltministerin Svenja Schulze und von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek vorgestellt.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze: “Der Weltklimarat belegt, dass die Folgen des Klimawandels bereits heute für Mensch und Natur nachweisbar und spürbar sind: Hochwasser und Sturmfluten nehmen zu, tropische Stürme werden zerstörerischer. Der neue IPCC-Bericht zeigt ebenso eindringlich, was passieren würde, wenn die Staatengemeinschaft das Pariser Klimaschutzabkommen nicht umsetzt. Es wäre eine Welt, die wir nicht mehr wiedererkennen würden. Der Meeresspiegel könnte meterhoch steigen, die Gletscher schmelzen und die Permafrostböden auftauen und große Mengen CO2 zusätzlich freisetzen. Einige Inselstaaten und Küstenregionen, die heute Heimat für einen großen Teil der Weltbevölkerung sind, würden von Überschwemmungen bedroht oder unbewohnbar werden. Die Weltgemeinschaft muss deutlich beim Klimaschutz nachlegen, sonst werden zukünftige Generationen extremen und zum Teil unumkehrbaren Klimafolgen ausgesetzt.”

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek: “Der neue Sonderbericht des IPCC führt uns deutlich vor Augen, wie sehr unsere Meere und Eisgebiete durch den Klimawandel unter Druck geraten. Klar ist, dass wir nur mit technologischen und sozialen Innovationen unsere ambitionierten Klimaziele erreichen werden. Je stärker wir hier auf Erkenntnisse aus der Forschung setzen können, desto mehr bleiben unserer Gesellschaft und auch der Wirtschaft Handlungsspielräume erhalten. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) trägt daher nicht nur zum Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung wichtige Ansätze in der CO2-Einsparung bei. Es wird auch seine Forschung zur Veränderung der Meere und Eisgebiete weiter ausbauen. Die in der letzten Woche gestartete Arktis-Expedition der Polarstern zeigt, wie wir dies angehen: wissenschaftsbasiert in enger internationaler Zusammenarbeit.”

Der Sonderbericht liefert Belege – so eine Medienmitteilung von BMBF und BMU – für dramatische Veränderungen in allen Weltmeeren: Erwärmung und Versauerung nehmen zu, der Sauerstoffgehalt in den Ozeanen geht zurück.

  • Global zeigt sich ein erheblicher Rückgang der Eismassen: Gletscher und polare Eisschilde verlieren an Masse, Schneebedeckung und Permafrost gehen zurück. Bei weiterer Erwärmung würden bislang noch seltene Extremereignisse wie Sturmfluten und starke tropische Wirbelstürme intensiver und häufiger.
  • Laut IPCC steigt der Meeresspiegel immer schneller – ohne effektiven Klimaschutz im globalen Mittel bis Ende dieses Jahrhunderts – im Vergleich zu 2000 um 61 bis 110 cm. Diese Werte sind größer als beim vorigen IPCC-Sachstandsbericht von 2013, weil neue Erkenntnisse auf einen größeren Beitrag von Schmelzwasser aus dem Antarktischen Eisschild hinweisen. Der Meeresspiegel wird noch über Jahrhunderte weiter ansteigen, bei einem Szenario ohne effektiven Klimaschutz möglicherweise um mehrere Meter.
  • Der Ozean und die Eisgebiete spielen eine Schlüsselrolle im globalen Klimasystem: Der Ozean puffert die Erwärmung der Atmosphäre ab, indem er etwa 30 Prozent der anthropogenen CO2-Emissionen und etwa 90 Prozent der zusätzlichen Energie durch den Treibhauseffekt aufnimmt. Die Reflexion einfallender Sonnenstrahlung an Eis- und Schneeflächen mindert die globale Erwärmung. Globale Meeresströmungen transportieren wie riesige Umwälzpumpen Wärme und Süßwasser und beeinflussen so die regionalen Klimabedingungen.
  • Durch die globale Erwärmung verschieben sich Klimazonen zu Land und in den Ozeanen weiter und nicht immer können Arten und Ökosysteme mitwandern. Der Klimawandel wird zunehmend auch die Fischerei beeinträchtigen, insbesondere in den Tropen. Wegen der schwindenden Gebirgsgletscher ist regional mit einem Mangel an Frischwasser zu rechnen. Die Folgen für Infrastruktur, Ernährungssicherheit, Küstenschutz und Tourismus werden vermutlich gravierend sein. Schon ab Mitte des Jahrhunderts könnten die mit ungebremsten Treibhausgas-Emissionen verbundenen Veränderungen der Meere und Eisgebiete die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen und Gesellschaften teilweise überschreiten.
  • Eine deutliche Verringerung dieser Risiken im Rahmen einer klimaresilienten und nachhaltigen Entwicklung ist nur möglich bei einer sofortigen und koordinierten Umsetzung von konsequenten Klimaschutzmaßnahmen, die in Verbindung mit Initiativen zur Anpassung an voraussichtlich nicht mehr zu vermeidende Folgen des Klimawandels stehen müssen.

Brad Plumer in der New York Times

Ein Bericht der Vereinten Nationen bedroht alles, von der Fähigkeit, Meeresfrüchte zu ernten, bis hin zum Wohlergehen von Hunderten von Millionen Menschen, die an den Küsten leben. Steigende Temperaturen tragen in vielen Regionen zu einem Rückgang der Fischpopulationen bei. Darüber hinaus drohen wärmere Meeresgewässer, wenn sie mit einem steigenden Meeresspiegel kombiniert werden, mit immer mächtigeren tropischen Wirbelstürmen und Überschwemmungen, so der Bericht, die Küstenregionen weiter zu gefährden und ein Phänomen zu verschlimmern, das bereits zu Stürmen wie dem Hurrikan Harvey beigetragen hat, der Houston vor zwei Jahren verwüstete.”

“Die Ozeane senden uns so viele Warnsignale, dass wir die Emissionen unter Kontrolle bringen müssen”, sagte Hans-Otto Pörtner, Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut in Deutschland und Hauptautor des Berichts. “Die Ökosysteme verändern sich, die Nahrungsnetze verändern sich, die Fischbestände verändern sich, und diese Turbulenzen betreffen die Menschen.”

Plumer weiter: “Seit Jahrzehnten dienen die Ozeane als entscheidender Puffer gegen die globale Erwärmung, indem sie etwa ein Viertel des Kohlendioxids, das der Mensch aus Kraftwerken, Fabriken und Autos emittiert, aufsaugen und mehr als 90 Prozent der überschüssigen Wärme absorbieren, die von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen auf der Erde eingeschlossen wird. Ohne diesen Schutz würde sich das Land viel schneller erwärmen. Aber die Ozeane selbst werden dadurch heißer und weniger sauerstoffreich, so der Bericht. Wenn der Mensch immer mehr Treibhausgase in die Atmosphäre pumpt, werden die Risiken für die menschliche Ernährungssicherheit und die Küstengemeinden stark zunehmen, zumal die marinen Ökosysteme bereits durch plastische Verschmutzung, nicht nachhaltige Fischereipraktiken und andere vom Menschen verursachte Belastungen bedroht sind.”

Mehr als 7.000 Studien ausgewertet

Der Bericht, der von mehr als 100 internationalen Experten verfasst wurde und auf mehr als 7.000 Studien basiert, stellt den bisher umfangreichsten Überblick über die Auswirkungen des Klimawandels auf Ozeane, Eisschilde, Bergschnee und Permafrost dar. Veränderungen tief im Ozean oder hoch in den Bergen sind nicht immer so auffällig wie einige der anderen Merkmale der globalen Erwärmung, wie Hitzewellen an Land oder Waldbrände und Dürren. Aber der Bericht macht deutlich, dass das, was in diesen abgelegenen Regionen geschieht, Auswirkungen auf die ganze Welt haben wird.

Das schwimmende Meereis im Arktischen Ozean sinkt mit Raten, die “wahrscheinlich seit mindestens 1.000 Jahren beispiellos sind”, so der Bericht. Der Bericht warnt davor, dass dramatischere Veränderungen bevorstehen könnten. Wenn die Emissionen fossiler Brennstoffe zum Beispiel weiter rasant steigen, könnte die maximale Menge von Fischen im Meer, die nachhaltig gefangen werden können, bis zum Ende des Jahrhunderts auf ein Viertel sinken. Das hätte weitreichende Auswirkungen auf die globale Ernährungssicherheit: Fisch und Meeresfrüchte liefern etwa 17 Prozent des tierischen Proteins der Welt, und Millionen von Menschen weltweit sind für ihren Lebensunterhalt von der Fischerei abhängig. Der Bericht empfiehlt zwar, dass die Nationen der Welt die Treibhausgasemissionen drastisch reduzieren, um die Schwere der meisten dieser Bedrohungen zu verringern, weist aber auch darauf hin, dass die Länder sich an viele Veränderungen anpassen müssen, die inzwischen unvermeidlich geworden sind.

Um mit diesen Problemen fertig zu werden, müssen Küstenstädte teure Seemauern bauen und viele Menschen müssen sich wahrscheinlich von niedrig gelegenen Gebieten entfernen, so der Bericht. Die Fischereimanager müssen gegen nicht nachhaltige Fangmethoden vorgehen, um den Zusammenbruch der Fischbestände zu verhindern. Die Nationen könnten auch Schutzgebiete des Ozeans erweitern, um den marinen Ökosystemen zu helfen, widerstandsfähig gegen Veränderungen zu bleiben. Der Bericht macht aber auch deutlich, dass bei weiter steigenden Treibhausgasemissionen viele dieser Anpassungsmaßnahmen ihre Wirksamkeit verlieren könnten. Im schlimmsten Emissionsszenario des Berichts, in dem sich die Treibhausgase das ganze Jahrhundert über ungehindert in der Atmosphäre ansammeln, könnte der Meeresspiegel Hunderte von Jahren lang unerbittlich ansteigen und bis 2300 möglicherweise fünf Meter oder höher erreichen, so der Bericht.”

Autorenschaft und Vorbereitung

Diese Struktur und die thematischen Schwerpunkte des SROCC wurden bei der 45. IPCC-Plenarsitzung in Guadalajara, Mexiko (28.–31. März 2017) festgelegt. Die Struktur beruht auf einem Entwurf, der bei einem Expertentreffen (scoping meeting) im Dezember 2016 erarbeitet worden war.

Die ausgewählten Experten übernahmen die Rolle der koordinierenden Hauptautoren und Hauptautoren – die jedes einzelne Kapitel entwerfen – und der Review-Editoren, die sicherstellen, dass Kommentare von Experten und Regierungen bei der Erstellung des Berichts angemessen berücksichtigt werden. Die Teams arbeiteten gemeinsam an der Erstellung des Sonderberichts, der einschließlich der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger (Summary for Policymakers, SPM) am 25. 09.2019 in Monaco bei einer Pressekonferenz vorgestellt wurde.

Insgesamt waren am Bericht etwa 100 Autoren beteiligt, die ca. 7.000 Forschungsarbeiten ausgewertet haben. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der Auswertung wissenschaftlicher Literatur, die seit dem fünften Sachstandsbericht (2013/2014) veröffentlicht worden ist.

->Quellen: