“Unabhängiger, kritischer Journalismus mehr denn je unverzichtbar”

Deutsche Umwelthilfe verleiht UmweltMedienpreis 2019

Zum 24. Mal verlieh die Deutsche Umwelthilfe (DUH) am 13.11.2019 im Meistersaal in Berlin ihren UmweltMedienpreis. Die Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation ehrt damit Journalisten für herausragende Leistungen und die wirkungsvolle Präsentation von Natur- und Umweltthemen in den Medien. In einer Zeit, in der unsere Kommunikationskanäle geflutet würden von Klick-getriebenen Belanglosigkeiten und gezielten Desinformationskampagnen, sei unabhängiger, kritischer Journalismus mehr denn je unverzichtbar für eine funktionierende Demokratie. Der DUH-Vorsitzende Harald Kächele hielt die Begrüßungsrede; Solarify dokumentiert sie.

In der Kategorie Print zeichnet die Jury Malte Kreutzfeldt (taz) für kompetenten Journalismus mit Haltung aus. Sein thematischer Schwerpunkt liegt im hochkomplexen Feld der Energiewende, zuletzt wurde seine Arbeit zum Diesel-Abgasskandal prominent wahrgenommen. Die DUH in ihrer Medienmitteilung: “Nüchtern und präzise vermittelt er Zusammenhänge und schreibt auf einem klar umweltverbundenen Wertefundament.”

“Auch die Preisträgerin der Kategorie Hörfunk, Frauke Reyer erklärt Sachverhalte verständlich. Im Sinne eines konstruktiven Journalismus lenkt sie gerne den Blick auf Lösungsansätze und die großen Zusammenhänge. Als freie Autorin beim WDR und dem Kinderradiokanal KiRaKa des WDR verschafft sie schon seit 2006 Umweltthemen ein Gehör und leistet dort wichtige Grundlagenarbeit: Denn am Ende erziehen Kinder immer auch ihre Eltern.”

Birte Meier, Astrid Randerath, Christian Esser und Ilka Brecht zeichnete die Jury in der Kategorie Fernsehen für die investigative Frontal21-Reportage „Retouren für den Müll – Schrottplatz Amazon“ aus. Der Beitrag sei ein herausragendes Beispiel für die aufwändige, akribische Recherchearbeit, die das ZDF-Politmagazin auszeichne und die nicht nur eine breite gesellschaftliche Debatte, sondern auch eine gesetzgeberische Initiative angestoßen habe.

Mit dem UmweltMedienpreis in der Kategorie Online hat YouTuber Rezo noch im Frühjahr wohl selbst am wenigsten gerechnet. In seiner fast einstündigen Abrechnung mit der CDU habe er sich nicht nur ausführlich und sachkundig an deren Klimapolitik abgearbeitet. “Ihm gelang auch, womit zahlreiche Medien noch immer hadern: Er hat dem hochkomplexen und immer drängenderen Thema Klimaschutz ein neues, bis dato weitgehend unerreichtes Millionenpublikum erschlossen.”

Kächele: “1. Kommunikation, 2. Kommunikation und 3. Kommunikation”

“Ich weiß ja nicht wie es Ihnen geht. Ich zumindest bin gerade sehr beeindruckt und geradezu begeistert von dem Wirken der neuen Jugendbewegung, die sich aktuell um die Friday for Future Aktivitäten formiert. Klug, hochprofessionell und vor allem FAKTENBASIERT werden unserer Generation die Leviten gelesen. (Leviten: 26. Kapitel des 3. Buches Mose, häufig als Grundlage für christliche Strafpredigten eingesetzt). Diese Strafpredigt haben wir uns redlich verdient. Und ehrlich gesagt, habe ich da lange drauf gewartet. Ich muss aber leider auch feststellen, dass doch nicht alle in unserer Gesellschaft offenbar meine Begeisterung teilen.

Es gibt ja gerade eine große Debatte, in der das Wirken der Jugendbewegung grundsätzlich in Frage gestellt wird. Und was tut man, wenn die Faktenlage so eindeutig gegen einen spricht? Man stellt die demokratische Legitimation des Gegenübers in Frage. Das hilft bekanntlich immer. Es gibt gerade unzählige Diskussionsbeiträge im Wesentlichen von älteren Herren vorgetragen, die genau das tun. Und das ärgert mich maßlos. Schauen wir uns die gängige Argumentation einmal näher an: Exemplarisch möchte ich das hier mit Verlautbarungen von Andreas Rödder tun. Her Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und ist unter anderem auf dem jährigen evangelischen Kirchentag in Dortmund aufgetreten und hat seine Sicht der Dinge in mehreren Interviews seitdem wiederholt. Prof. Rödder vertritt die Ansicht, dass der „moralische Absolutheitsanspruch“ der Klimabewegung zutiefst undemokratisch wäre. Er kritisiert den „uneingeschränkten Deutungsanspruch“ der aus Befunden von objektiven wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeleitet wird. Stattdessen weist er darauf hin, dass – ich zitiere – „Demokratie aber immer aus dem Wettbewerb von unterschiedlichen Meinungen!!! besteht“. Beim Klimawandel handelt es sich nach dieser Lesart also mithin um Meinung – und nicht um eine Tatsache.

Auf Wikipedia kann man die Sache dann noch vertiefen. Laut Wikipedia lautet einer seiner zentralen Gedankenansätze gemäß eines Zitates von Lord Salisbury: „Es geht darum, den Wandel zu verzögern, bis er harmlos geworden ist.“ Ist das nicht grandios? Den Wandel zu verzögern, bis er harmlos geworden ist!

Ich bin zutiefst beeindruckt, mit welcher Offenheit und Bereitwilligkeit uns hochgebildete Menschen daran teilhaben lassen, wie wenig sie verstanden haben. Je länger wir dabei verharren, nur das vermeintlich Machbare zu tun (wie gerade eben beim Klimapaket der Bundesregierung auf geradezu klägliche Weise vorexerziert) und nicht das Notwendige, desto drastischer werden die Anpassungsreaktionen ausfallen müssen, um dennoch unsere Klimaziele zu erreichen. Jedes verlorene Jahr macht den Anpassungsdruck der auf der Gesellschaft lastet, größer. Ob sich unsere Demokratie dann als so robust erweist, das auszuhalten, wage ich zu bezweifeln. Die Therapie „den Wandel verzögern, bis er harmlos geworden ist“ ist exakt das Gegenteil dessen, was gefragt ist. Wir kommen nicht darum herum, physikalische und biologische Gesetze zu respektieren. Wir können sie nicht einfach wegdiskutieren. Danach beginnt der demokratische Aushandlungsprozess, wie wir das Ganze ins Werk setzen wollen.

Leider ist es nun aber so, dass in der Sache nichts gewonnen ist, wenn wir einander in mehr oder weniger klugen Beiträgen unser Befremden über die jeweilig andere Position bescheinigen. So ermüdend es sein mag: Demokratien leben davon, dass wir tatsächlich in den Diskurs mit Menschen einsteigen, die eine andere Meinung vertreten. Es bleibt uns also nichts anders übrig, uns weiterhin der Debatte zu stellen – so anstrengend sie auch sein mag. Da Intellektuelle wie Prof. Rödder ja keine Einzelmeinung vertreten sondern eher den konservativen Mainstream ganzer Generationen, liegt da noch ein schönes Stück Überzeugungsarbeit vor uns.

Dazu braucht man ein dickes Fell, große und bisweilen geradezu übermenschlich anmutende Toleranz und einen langen Atem. Da die Faktenlage so eindeutig für die Anliegen der Klimabewegung spricht, wird der Erfolg, die notwendige demokratische Mehrheiten zu schaffen, meines Erachtens dann im Wesentlichen von drei Dingen abhängen: 1. Kommunikation, 2. Kommunikation und 3. Kommunikation

Womit ich bei Ihnen, liebe Preisträgerinnen und Preisträger wäre. Ihrer Zunft kommt für mein Dafürhalten in den kommenden Jahren eine überragende Bedeutung zu. Was zu kommunizieren ist, das wissen wir seit langem. Es wird im Wesentlichen daran hängen, wie wir es schaffen, die anderen mit den Informationen zu erreichen und sie von der Notwendigkeit der Schritte zu überzeugen, die zu tun sind. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass die aktuelle Situation in den Redaktionen dieser enormen Bedeutung Ihres Berufsstandes geradezu Hohn spricht. Das ändert nichts daran, dass Sie immer wichtiger werden – gerade auch, wenn wir den Wandel auf demokratische Art und Weise über die Bühne bekommen wollen.

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger: Ich danke Ihnen im Namen der DUH und allen Anwesenden aus vollem Herzen für das Geleistete. Der Dank gilt auch für all jene Kollegen, die heute nicht ausgezeichnet werden. Blieben Sie hartnäckig, blieben Sie standhaft und versorgen Sie uns mit Fakten. Diese demokratische Gesellschaft braucht Sie mehr denn je!”

->Quellen: