Reiseführer durch die sozioökonomische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Gastbeitrag von Franz Baumann

Karl Polanyis 1944 erschienener Klassiker Die große Transformation wird wiederentdeckt, weil sich herumspricht, dass ein schwacher Staat und eine marktradikale, nur auf oberflächliche Effizienz setzende Wirtschaft keine krisenfeste Formel ist – sondern ein ideologisches Konstrukt, in welchem Wissenschaftsfeindlichkeit ein verlässlicher Gradmesser von Regierungsinkompetenz ist, wie unser Gastautor in New York aus nächster Nähe beobachten kann. Das eben erschienene Buch Zukunftsfähiges Wirtschaften von Andreas Novy, Richard Bärnthaler und Veronika Heimerl ist eine von Polanyi inspirierte Einführung in die zentralen Fragen der Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Ökonomie unter dem Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit. „Zukunftsfähiges Wirtschaften“ bettet heutige Herausforderungen in historische Zusammenhänge ein.

Die Coronakrise hat die Klimakrise momentan verdrängt (bislang sind in New York City 22.384 Coronatote zu beklagen, in Hong Kong sieben, obwohl vergleichbar in Größe und Bevölkerungsdichte), obwohl beide Kehrseiten einer Medaille sind – der Reaktion der Natur auf ihre anthropogene Beschädigung. Nach der Bewältigung des Virus zum früheren Zustand zurückzukehren, wäre unverantwortlich, weil es dringlich ist, die Beschädigung der Natur zu reduzieren.

Die Zeichen stehen auf Sturm. Der Mai 2020 war der wärmste je gemessene. Vor drei Jahrzehnten wäre es theoretisch möglich gewesen, die Erderhitzung zu stoppen. Heute nicht mehr. Jetzt geht es bestenfalls um Verlangsamung und Anpassung an eine heißere, trockenere, stürmischere, kränkere und konfliktgeladenere Welt. Die erforderlichen Anstrengungen werden gewaltig sein, die Kosten beträchtlich und die Auseinandersetzungen gallig. Nichts zu tun, oder nicht genug, wäre teurer und bitterer.

Die Bundesregierung hat mit 130 Milliarden Euro das größte Konjunkturpaket der deutschen Geschichte auf den Weg gebracht. Ein guter Anfang, obwohl noch offen ist, was das für die langfristige Zukunftssicherung des Landes – und der Welt – bedeutet. Wird die überholte, umweltzerstörende Wirtschaft für ein paar Jahre gerettet – oder wird sie nachhaltig umgebaut? Diese Frage ist keine theoretische, weil über den morgigen Handlungsspielraum heute entschieden wird. Ist die Zeit erst einmal vertrödelt, haben moderate Maßnahmen keine moderaten Auswirkungen, sondern radikal gefährliche. Selbst in der Krise, vielleicht besonders in der Krise, muss über den Tag hinaus gedacht werden.

Das eben erschienene Buch der Wiener Wissenschaftler Novy, Bärnthaler und Heimerl ist eine nützliche Einführung in die zentralen Fragen der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft unter dem Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit, also der Befriedigung gegenwärtiger Bedürfnisse nicht auf Kosten der Natur und künftiger Generationen. Eine Stärke des Buches ist die Einbettung heutiger Herausforderungen in historische Zusammenhänge.

Wirtschaft als Selbstzweck?

Teil 1, „Multiperspektivität in Wissenschaft und Wirtschaft“, zeichnet die Industrialisierungsgeschichte Europas nach, also die Evolution von der Armutsgesellschaft des 19. zur Massenkonsumgesellschaft des 20. Jahrhunderts. Die Makrodaten des atemberaubenden Wachstums der letzten Jahrzehnte in westlichen Industrieländern werden eingebettet in globale Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit, ein Blickwinkel, der über die normalen Betrachtungsweisen der Mikro- und Makroökonomie hinausgeht. Dankenswerterweise.

Das Wall Street Journal hat keinen Wirtschaftsteil, sondern eine „Business Section“. In der Financial Times läuft das Entsprechende unter „Markets“. Man fragt sich, ob dies weltanschauliche Kurzformeln oder Marxsche Versprecher sind. Wirtschaft als soziales Konstrukt ist so viel mehr als auf dem Markt abgewickelte Geschäfte.

Die Diskussion zweier Wiener Denker, Zeitgenossen und Antagonisten, ist in diesem Zusammenhang von großem Interesse. „Hayek versus Polanyi: Markt und Politik“ heißt deshalb ein Kapitel im Buch.

  • Dem Marktfundamentalisten Friedrich Hayek graute es vor staatlicher Planung, die er als „Weg zur Knechtschaft“ beschrieb – so der Titel seines 1944 erschienenen Hauptwerks. Hayek, die Ikone des Neoliberalismus, sieht Menschen als rationale, egoistische, wirtschaftliche Optimierer, Märkte als selbststeuernd und endloses Wirtschaftswachstum als Positivum.
  • Karl Polanyi nimmt dagegen in seinem ebenfalls 1944 veröffentlichten Klassiker „Die große Transformation“ die Freiheit des Marktes als reduktiv wahr, weil sie legitime menschliche Bedürfnisse ignoriert, zum Beispiel die eigenständige Lebensgestaltung, die Teilhabegerechtigkeit am gemeinschaftlichen Leben und die Zukunftsfähigkeit allen Tuns. Polanyi, ein Schutzpatron des Sozialstaats, verwirft Wirtschaft als Selbstzweck, weist darauf hin, dass Menschen andere als ökonomische Interessen haben und argumentiert für die Unterordnung der Wirtschaft unter demokratisch errungene Gesellschaftsentwürfe.

Beide idealtypischen Modelle sind im Buch nützlicherweise tabellarisch dargestellt. Überhaupt sind die vielen Tabellen des Buches vorzüglich, weil sie Konzepte auf knappem Raum erhellen.

„Wohlstand“ durch Raubbau – Externalisierung

Teil 2, „Die Welt im Umbruch – eine Vielfachkrise“, argumentiert datenreich und detailliert, dass der Freiheits- und Wohlstandszuwachs der letzten Jahrzehnte in Teilen der Welt auf Kosten der Natur ging, ein Raubbau, dessen Ende abzusehen ist, weil die planetarischen Grenzen nicht verrückbar sind. Die Krisenzeichen mehren sich.

Ernüchternd ist die parallele Betrachtung des menschlichen Entwicklungsindex, der persönliche Sicherheit, Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten misst, und des ökologischen Fußabdrucks, also des Ressourcenverbrauchs und der Emission von Treibhausgasen.

Erschreckenderweise hat kein einziges Land sowohl einen sehr hohen menschlichen Entwicklungsstand als auch einen nachhaltigen ökologischen Fußabdruck. Der Zielkonflikt zwischen ökologischer Nachhaltigkeit und „imperialer Lebensweise“ in OECD-Ländern wird bislang dadurch aufgelöst, dass die entstehenden Kosten externalisiert, das heißt auf die Natur, künftige Generationen und den globalen Süden abgewälzt werden.

Die Frage wird aufgeworfen, ob grünes Wirtschaften – die Entkopplung des Wachstums und der Emissionen vom Materialverbrauch – den gordischen Knoten durchschlagen kann. Antworten werden zwar angedeutet, aber der Wert des Buches besteht darin, Fragen aufzuwerfen und auf Komplexitäten hinzuweisen.

Ein Schritt, den das Buch nicht geht, ist die furchtbare Wahrscheinlichkeit, dass – selbst wenn Europa, die USA, China Indien und andere ab sofort und mit allen Kräften umsteuern würden, was offensichtlich nicht zur Debatte steht – die Erderhitzung gefährliche Kipppunkte überschreiten wird. Die Natur droht danach eine Eigendynamik zu entwickeln – positive Rückkopplungen in der Sprache der Kybernetik –, die sich menschlicher Einflussnahme entzieht.

Nach dem wahrscheinlichen Scheitern der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen ist es kaum noch zu verhindern, dass im nächsten Jahrzehnt die Permafrostgebiete auftauen und die darin eingefrorenen Sumpfgase, hauptsächlich Methan, in die Atmosphäre gelangen werden. Aber je höher der Treibhausgasanteil in der Atmosphäre, desto wärmer wird es und desto mehr Permafrostboden taut auf. Da capo.

Weitere Kippelemente werden ins Spiel kommen: das Abschmelzen des arktischen Meereises sowie des grönländischen und des westantarktischen Eisschilds, das Erlahmen der atlantischen thermohalinen Zirkulation, der Rückgang der Photosynthese infolge Überhitzung und Wassermangel, das großflächige Abbrennen von Wäldern und letztlich die Erschöpfung der CO2-Aufnahmefähigkeit der Ozeane. Weite Teile der Erde werden unbewohnbar werden. Wir sind in einer Notstandssituation, aber es schickt sich offenbar noch nicht, dies klar zu sagen.

Instruktiv ist der Zusammenhang zwischen der „Finanzialisierung“ der Weltwirtschaft – der Machtverschiebung von produzierenden Industrieunternehmen zum weltweit agierenden Finanzsektor – und ihrer Krisenanfälligkeit, Umweltschädlichkeit, Sozialunverträglichkeit sowie ihrer Immunität, was demokratische Kontrolle anlangt.

Aus meiner New Yorker Perspektive ergibt sich ein schlagendes Beispiel: 2019 wurden an der Wall Street vierzehnmal höhere Bonuszahlungen, also Prämien zusätzlich zu den Gehältern, ausgeworfen als noch 1990, nämlich 29,3 Milliarden US-Dollar. Diese horrende Summe entspricht dem Sechsfachen des durch die Coronakrise entstandenen Lochs im Haushalt der Stadt New York und verursacht eine schier unlösbare Finanzkrise.

Das Buchmanuskript wurde vor der Coronakrise fertiggestellt, was insofern schade ist, als die letzten Monate trefflich illustrieren, was die Wirtschafts- und Sozialsysteme der USA und Großbritanniens von denen Kontinentaleuropas und Skandinaviens unterscheidet.

Der US-Raubtierkapitalismus steht ziemlich zerfleddert da, und mit ihm das rechtspopulistische Politikmodell, die Wissenschaftsfeindlichkeit, der außenpolitische Unilateralismus und die rücksichtslose Selbstoptimierung als Lebensmodell.

Es wird täglich deutlicher, dass sowohl die Corona-Pandemie als auch die Erderhitzung

  • daraus folgen, dass die Natur durch anthropogene Eingriffe aus dem Gleichgewicht gekommen ist,
  • weltweit zur gleichen Zeit auftreten,
  • nur auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse versteh- und lösbar sind,
  • Verschwörungsmythen und Sektierer auf den Plan rufen und
  • nur politisch eingedämmt werden können, also nicht durch den Markt oder durch unkoordinierte Aktionen Einzelner. Der Beitrag von Bürgern und der Wirtschaft ist unerlässlich, aber als Ergänzung und Verstärkung der Politik, nicht als ihr Ersatz.

Kategorische Unterschiede zwischen der Corona-Pandemie und der Erderhitzung:

  • Man kann sich durch Selbstisolierung vor dem Virus schützen und es wird irgendwann einmal einen Impfstoff geben.
  • Covid-19 kann auf nationaler Ebene eingedämmt werden, die Erderhitzung nur durch koordinierte internationale Maßnahmen.
  • Covid-19 wird einen Höhepunkt erreichen und dann abflachen. Die Erderhitzung ist im Gegensatz dazu ein geologisches Phänomen, das nur verlangsamt, aber nicht umgekehrt werden kann.
  • Covid-19 ist hoffentlich zeitbegrenzt. Die Erderhitzung ist in menschlichen Zeiträumen nicht rückgängig zu machen, also irreversibel.

Keine Patentlösung

Teil 3 des Buches, „Wege in die Zukunft“, beginnt mit der Feststellung, dass Nachhaltigkeitspolitik über ökologische Aspekte hinausgehen und den sozialen Zusammenhalt berücksichtigen muss. Die klassische volkswirtschaftliche Methode der Entscheidungsvorbereitung und Entscheidungsfindung ist die Kosten-Nutzen-Analyse, der Markt das zentrale Steuerungselement.

Natur könnte in dieser Methodik geschützt werden, wenn öffentliche Güter – Luft, Wasser, Wälder, Artenvielfalt, CO2-Gehalt der Atmosphäre, fruchtbare Böden et cetera – mit einem Preis versehen und angerichtete Schäden entweder vermieden oder kompensiert würden.

Das Marktversagen externalisierter Kosten wäre eliminiert, das Verursacherprinzip ohne Transaktionskosten durchgesetzt und naturschützende Innovationen würden quasi von selbst bewirkt werden. So ließen sich alle Probleme lösen, wenn denn nur Ökonomen das Sagen hätten.

Die Wirklichkeit ist weniger aufgeräumt, aber selbst in der Theorie hakt es, weil es keine schlüssige Berechnung des heutigen Werts zukünftiger Kosten und Nutzen gibt: „Diskontierung ist das finanztechnische Berechnungsverfahren, das den heutigen Wert zukünftiger Zahlungen (Kosten und Nutzen) errechnet. Heutige Erträge und Kosten sind mehr wert als jene in der Zukunft. Diese Abzinsung zukünftiger Zahlungen, Kosten, Erträge und Nutzen auf einen gegenwärtigen ‚Barwert‘ hängt vom angenommenen Diskontsatz ab. Ein hoher Diskontsatz vermindert die relative Bedeutung der Zukunft, während bei einem ‚Null Zins‘-Diskontsatz das geschätzte Leid und Wohlbefinden zukünftiger Generationen genau so viel wiegt wie Kosten und Nutzen heute.“

Mathematische Formeln beantworten, wie viel uns die Zukunft der menschlichen Zivilisation wert ist. Ob wir sie uns leisten wollen, ist eine politische Frage. Unambitioniertes Agieren verschiebt die Kosten in die Zukunft und verringert die Handlungsoptionen derer, die nach uns kommen.

„Zukunftsfähiges Wirtschaften“ ist ein Reiseführer durch unsere sozioökonomische Vergangenheit, Gegenwart und denkbare Zukunft. Sehenswürdigkeiten werden scharfsinnig kommentiert und eingeordnet. Vereinfachende Patentlösungen werden vermieden, Hintergründe, Zusammenhänge und Lösungskonzepte dagegen besonnen aufgezeigt, fragend, erklärend und undogmatisch. Dies ist wertvoll in unserer fiebrigen Zeit, in der alles globaler, integrierter und komplexer wird, aber die Tendenz zum Nationalen, Egoistischen und Vereinfachenden zunimmt.

Franz Baumann arbeitete seit 1980 für die Vereinten Nationen und war bis 2015 Beigeordneter General­sekretär sowie Sonder­berater für Umwelt­fragen und Friedens­missionen und damit einer der höchst­rangigen deutschen UN-Beamten. Seit 2017 ist der studierte Verwaltungs­wissen­schaftler und promovierte Poltik­wissen­schaftler Gast­professor an der New York University. Baumann fordert eine Stärkung und Professionalisierung der Vereinten Nationen.

->Quellen: