Windenergie und Naturschutz: Warum beide Seiten einander kaum trauen

…und wie das zu ändern ist

Windenergie gehört zwar zu den meistversprechenden Formen Erneuerbarer Energien. Jedes Jahr sind jedoch Windgeneratoren für den Tod Hunderttausender fliegender Tiere wie etwa Fledermäuse verantwortlich, die mit den Rotorblättern kollidieren. Um einen konstruktiven Weg aus diesem grün-grünen Dilemma zu finden, müssten Windstrom-Unternehmen, Umweltexperten und Naturschützer miteinander kooperieren. Der Mangel an Vertrauen zwischen ihnen kann jedoch eine effektive und kreative Zusammenarbeit behindern. Mitglieder des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) zeigten nun, dass gemeinsame Werte allein nicht ausreichen, um Vertrauen zwischen diesen Gruppen zu bilden. Einen stärkeren Einfluss auf die Zusammenarbeit haben Überzeugungen und Emotionen.

Die Ergebnisse ihrer Analyse wurden jetzt einer IZW-Medienmitteilung vom 09.07.2020 zufolge in Energy Reports veröffentlicht. Sie betonen, verstärkte Berücksichtigung der gegenseitigen Überzeugungen und Emotionen bezüglich Bau und Betrieb von Windkraftanlagen könnte für die Zusammenarbeit wichtig sein und dazu beitragen, dieses Dilemma zu beseitigen.

Die Eindämmung des Klimawandels durch die vermehrte Nutzung Erneuerbarer (grüner) Energieträger, zum Beispiel durch Windkraftanlagen, ist eine gute Sache. Gleiches gilt für die Erhaltung der biologischen Vielfalt durch den Schutz von Vögeln und Fledermäusen. Wenn allerdings Fledermäuse und Vögel mit Rotorblättern kollidieren und verenden, entsteht ein grün-grünes Dilemma, das vermieden werden sollte. An der Planung und Genehmigung von Windprojekten sind Interessenvertreter beteiligt, die unterschiedliche Ansichten und Interessen haben. Da sowohl der Schutz der biologischen Vielfalt als auch der Klimaschutz starke Befürworter mit starken Meinungen haben, ist es schwierig, einen Kompromiss zwischen der Errichtung und dem Betrieb von Windkraftanlagen und dem Schutz von zum Beispiel Fledermäusen zu erreichen. Wenn die relevanten, oft gegensätzlich agierenden Gruppen zusammenarbeiteten, könnten ihre unterschiedlichen Ansichten und Fachkenntnisse allerdings auch neuartige Lösungen des Konflikts aufzeigen und dazu beitragen, beide Ziele in Einklang zu bringen. So könnten beispielsweise ökologisch sensible Gebiete von der Erschließung für Windkraftanlagen ausgenommen und  die Betriebszeiten von Windkraftanlagen konsequent an die Aktivitätsrhythmen von Fledermäusen angepasst werden. Eine wesentliche Voraussetzung für eine solche Zusammenarbeit mit dieser Art von Ergebnis ist gegenseitiges Vertrauen.

Das Forschungsteam vom Leibniz-IZW unter der Leitung von Tanja Straka untersuchte in einer Online-Umfrage, wie sich Werte, Überzeugungen und Emotionen in Bezug auf Windkraftanlagen und Fledermäusen auf das Vertrauen zwischen den am grün-grünen Dilemma in Deutschland beteiligten Interessengruppen auswirken. An der Umfrage nahmen insgesamt 537 Mitglieder von sechs Interessengruppen teil – aus der Windenergiebranche, Umweltgutachter, Vertreter der Naturschutzbehörden, Wissenschaftler sowie Freiwillige und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen im Umweltsektor.

Die Analyse der Antworten ergab, dass die Mitglieder aller bei der Planung von Windenergieprojekten gehörten Gruppen die Grundwerte des nachhaltigen Umgangs mit der Natur teilen. Zugleich zeigte sich, dass die Beteiligten einander wenig trauen. Offensichtlich sind gemeinsame Werte keine ausreichende Basis für eine Zusammenarbeit. Laut der Analyse sind gemeinsame Überzeugungen und Emotionen gegenüber Artenschutz oder der grünen Energie eine wichtigere Grundlage für Vertrauen zwischen Stakeholdern.

„Entscheidungsprozesse sind selten rein rational“, so Straka. Daher empfehlen die Autorinnen und Autoren des Artikels, die unterschiedlichen Überzeugungen und Emotionen der bei der Planung von Windenergieprojekten gehörten Interessengruppen stärker zu berücksichtigen. „Bei der Gestaltung von Dialogveranstaltungen zwischen den Stakeholder-Gruppen sollte es neben der Vermittlung evidenzbasierten Wissens ebenso wichtig sein, eine vertrauensvolle Umgebung zu schaffen, in der die Teilnehmenden ihre Ansichten offen austauschen können“, ergänzt Christian Voigt, Leiter der Abteilung Evolutionäre Ökologie am Leibniz-IZW. Dieser Austausch könne das Vertrauen stärken und die Zusammenarbeit zwischen den Vertretern verschiedener Gruppen fördern. „Dadurch könnte der Fledermausschutz bei der Planung und späteren Umsetzung von Windenergieprojekten verbessert werden, was im Endeffekt sowohl der ökologisch nachhaltigen Energiewende als auch der Bewahrung unserer biologischen Vielfalt dient“.

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