AKW-Gefährdungspotenziale nach wie vor unterschätzt

Vor allem in Krisengebieten

Wie gefährdet sind kerntechnische Anlagen in Krisengebieten? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Gehen Politik, Medien und Gesellschaft weltweit zu leichtfertig mit dem nuklearen Risiko um? Diesen Fragen ist das Öko-Institut in der von der Stiftung Zukunftserbe geförderten Studie „Nukleare Sicherheit in Krisengebieten“ nachgegangen. Fazit: Die Gefahr wird unterschätzt.

Das Ergebnis der Studie laut Pressemitteilung vom 20.04.2017 etwas ausführlicher: Nicht nur gezielte Angriffe, sondern auch die Folgen von instabilen Verhältnissen in Politik und Wirtschaft – verbunden mit der Schwächung oder gar Auflösung staatlicher Strukturen – können die Sicherheit von Kernreaktoren in Krisengebieten stark herabsetzen.

Neben möglichen militärischen Angriffen und Sabotageakten auf kerntechnische Anlagen sind von den Konfliktfolgen besonders die umfangreiche nukleartechnische Infrastruktur und deren Kontrolle betroffen. Die Folgen eines Unfalls durch die Verkettung ungünstiger Ereignisse können weit über die Landesgrenzen hinausreichen. Aus diesem Blickwinkel heraus machen die Nuklearexpertinnen und -experten des Öko-Instituts auf die unterschätzen Gefährdungspotenziale aufmerksam. Die Verwundbarkeit kerntechnischer Anlagen und ihre Abhängigkeit von einer stabilen Sicherheitsinfrastruktur erfordert eine Strategie, welche die Stromerzeugung aus Kernenergie gründlich überdenkt.

Notwendige Infrastruktur bietet vielfältige Angriffsfläche

„Um Kernenergie nutzen zu können, bedarf es einer umfangreichen institutionellen und materiellen Sicherheitsinfrastruktur. Zwischen- oder innerstaatliche Konflikte können diese Infrastruktur absichtlich oder unabsichtlich zerstören, was im schlimmsten Fall zu einer atomaren Katastrophe führen kann“, erklärte Veronika Ustohalova, Projektleiterin und Expertin für Strahlenschutz und Risikobetrachtung den Anlass der Studie. „Ein krisengeschütteltes Land hat so viele Probleme zu bewältigen, dass relevante Sicherheitsmaßnahmen und vorausschauende Handlungsabläufe im Umgang mit Kernenergie nicht immer gewährleistet sein können.“

Eine kerntechnische Anlage kann dabei selbst Schauplatz von Kampfhandlungen werden, indem sie absichtlich oder versehentlich getroffen oder aber aus dem Inneren heraus sabotiert wird. Darüber hinaus können notwendige Kontrollabläufe durch zuständige Behörden, die Ausbildung und Bezahlung von Fachpersonal sowie die technische und wissenschaftliche Betreuung der kerntechnischen Infrastruktur in Krisensituationen erheblich gestört sein.

Aber auch die Lieferkette von Verschleiß- und Ersatzteilen kann betroffen sein. Das ist insbesondere ein Problem, wenn sich der Hersteller und die Zulieferer im Ausland befinden, womöglich in einem Land, das zur Konfliktpartei geworden ist. Die Lagerung des hochradioaktiven Atommülls und die Verwendung radioaktiver Materialien stellen ein weiteres, großes Gefahrenpotential dar und bieten eine Angriffsfläche für militante oder terroristische Gruppen.

Kontrollverlust in der Ukraine?

Am Beispiel der Ukraine warnen die Expertinnen und Experten des Öko-Instituts, dass dem Zusammenhang zwischen inner- und zwischenstaatlichen Konflikten und nuklearer Sicherheit zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. „Die Ukraine hat sich innerhalb weniger Jahre aus einer relativ stabilen Lage in ein abhängiges Krisengebiet innerhalb von Europa gewandelt“, beschreibt Ustohalova die Situation. „Dabei ist die ukrainische Energieversorgung aufgrund ihrer zentralen Bedeutung bereits mehrmals Ziel militärischer Angriffe gewesen.“

So wurden in einem Sabotageakt im November 2015 mehrere Strommasten auf der Halbinsel Krim gesprengt und damit absichtlich 1,9 Millionen Bewohner teilweise oder vollständig von der Stromversorgung abgeschnitten. Der Betrieb des Kernreaktors Saporoschschja wurde durch diesen Sabotageakt so stark beeinträchtigt, dass die staatliche Betreiberfirma Ukrenergo die Situation als hochgefährlich einstufte.

Nur massive finanzielle Unterstützung aus dem Ausland ermöglicht derzeit die Umsetzung sicherheitstechnischer Maßnahmen in den kerntechnischen Anlagen der Ukraine. Jedoch zeigen die investierten Mittel um einiges weniger Wirkung als erwartet. „Regierungskrise, Armut und Korruption erschweren deutlich die Umsetzung jeglicher unterstützender Maßnahmen. In dieser Situation haben weder die Regierung noch die zuständigen Behörden die erforderliche vollständige Kontrolle über das radioaktive Material. Ein gesicherter Betrieb der kerntechnischen Anlagen ist in dem erforderlichen Umfang nicht gewährleistet“, so Ustohalova.

Weltweite Verharmlosung: AKW Cruas (F) mit spielendem Kind auf dem Kühlturm, Rhone – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für Solarify

Weiterhin ungeklärt ist die Absicherung der langfristigen Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle. Das bestehende Abkommen mit Russland zur Wiederaufbereitung abgebrannter Brennelemente endet 2018. Die Frage, wie die Ukraine zukünftig mit hochradioaktiven Abfällen umgeht, bleibt offen. So wird in Tschernobyl der Bau der Anlagen zur Behandlung und Lagerung  radioaktiver Abfälle gegenwärtig nur dank hoher Investitionen aus dem Ausland umgesetzt.

„Die Abhängigkeit der Ukraine im Energiesektor und die Notwendigkeit auch in Zukunft an der Kernenergie festzuhalten, ist besorgniserregend und erfordert intensive Bemühungen die kerntechnische Sicherheit zu verbessern“, fasst Matthias Englert, Senior Researcher am Öko-Institut mit Schwerpunkt Anlagensicherheit und naturwissenschaftliche Friedensforschung, die Situation in der Ukraine zusammen.

Nutzung  nuklearer Energie weltweit riskant

Als bemerkenswert erachten die Nuklearexperten des Öko-Instituts, dass über das Gefährdungspotenzial von nukleartechnischen Anlagen in instabilen Regionen und militärischen Auseinandersetzungen bisher vergleichsweise wenig öffentlich diskutiert und berichtet wird. „Das Risiko, das von einer gestörten kerntechnischen Infrastruktur ausgeht, wird häufig ignoriert. Auch scheint davon ausgegangen zu werden, dass es – ähnlich wie beim Einsatz von Nuklearwaffen – eine Art Tabu zu geben scheint, keinen absichtlichen Angriff auf Kernreaktoren durchzuführen“, vermutet Englert und hofft, „dass die aktuelle Studie die Öffentlichkeit gegenüber den Risiken der Kernenergie sensibilisiert und international notwendige Sicherheitsmaßnahmen darauf aufbauen.“

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