Streit um Diesel-CO2

Diesel sparen angeblich 11,8 Mio t CO2 pro Jahr – Dataforce-Modellrechnung

In der Debatte um die CO2-Bilanzen von Diesel und Benziner sind widersprüchliche Zahlen im Umlauf. Nach einer Studie vom 19.09.2017 (siehe: solarify.eu/diesel-stossen-mehr-co2-aus-als-benziner), derzufolge der Selbstzünder klimaschädlicher ist, und offiziellen Zahlen aus dem Bundesverkehrsministerium vom 20.09.2017 (siehe unten: solarify.eu/bmvi-neue-diesel-nicht-klimafreundlicher), denen zufolge es praktisch keinen Unterschied gibt, hat sich nun der Marktbeobachter Dataforce mit eigenen Zahlen zu Wort gemeldet – die sollen einer Medienmitteilung zufolge den Klimavorteil des Diesel untermauern.

Aus der Frankfurter Rundschau vom 21.09.2017: „‚Moderner Diesel ist notwendig für die Klimaschutzziele“, meint der Branchenverband VDA. Doch es gibt mehrere Faktoren, die den Diesel klimafreundlicher erscheinen lassen, als er tatsächlich ist.“ Und auch die FR zitiert aus dem jüngst veröffentlichten Gutachten  der europäischen Verkehrs- und Umwelt-NGO „Transport & Environment“ demzufolge Diesel im Schnitt sogar klimaschädlicher sind als Benziner – wenn man korrekt rechnet.

 Dataforce („Wir zählen Autos“) hat nun anhand des Fahrzeugbestands und der Neuzulassungen den Beitrag von Dieselmotoren zur CO2-Einsparung berechnet. Denn es kursierten „zahlreiche Falschinformationen“: Angesichts der aktuellen Meldung, Benziner emittierten nicht mehr CO2 als Diesel (eigentlich müsste es heißen: „Diesel emittierten nicht weniger…“ S_Y), habe Dataforce in einer Modellrechnung ermittelt, wie sich die CO2-Emissionen der Pkw in Deutschland ändern würden, wenn alle Dieselmotoren durch Benziner ersetzt würden. Dann stiege der CO2-Ausstoß der Pkw in Deutschland um 9,3 Prozent oder 11,8 Millionen Tonnen pro Jahr.

Die Ergebnisse der Dataforce-Modellrechnung im Einzelnen: „Am Diesel festhalten“

Gegenüber einer Benzinerflotte gleicher Zusammensetzung in Hinblick auf Fahrzeug- und Marktsegmente sparten die 12,9 Millionen Dieselfahrzeuge jährlich 11,8 Mio. t CO2 ein. Prozentual reiche die CO2-Ersparnis durch Dieselmotoren von 18,6 Prozent bei Firmenwagen bis 7,5 Prozent bei Privatfahrzeugen. Im Mittel seien es 9,3 Prozent weniger Klimagase. Die im Jahr 2016 zugelassenen Autos stießen pro Jahr rund 8,5 Millionen Tonnen CO2 aus. Hier ermöglichten die Dieselmotoren eine Ersparnis von 10,2 Prozent respektive 973.000 t CO2. Angesichts der sinkenden Dieselanteile 2017 überrasche es daher nicht, dass die CO2-Werte von Neuwagen wieder zunähmen. (Sie stiegen laut Kraftfahrt-Bundesamt im Juli um 0,4 Prozent auf 128,4 g/km.) Der Dataforce-Pressebox-Text wörtlich: „Daher ist es im Sinne des Klimaschutzes, so lange am Diesel festzuhalten, bis bezahlbare Elektroautos mit hoher Reichweite und eine gut nutzbare Ladeinfrastruktur verfügbar sind. Nichtsdestotrotz sind die Autohersteller gefordert, schnellstmöglich die verfügbaren Technologien umzusetzen, um das Stickoxidproblem des Diesels auch in der Praxis zu lösen.“

[note Ihre Methodik erklären die Dataforce-Analysten so:

  • „Die Gesamt-CO2-Emissionen haben wir als Produkt von Fahrleistung, Fahrzeuganzahl und durchschnittlichen CO2 berechnet. Dabei haben wir nach Marktsegmenten (M), Fahrzeugsegmenten (F) und Kraftstoffart (K) unterschieden.
  • Die Anzahl der Pkw in Bestand und Neuzulassungen 2016 nach Art des Halters (H), Kraftstoffarten (K) und Fahrzeugsegmenten (F) wurde von Dataforce auf Basis der Statistiken des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) ermittelt.
  • Gleiches gilt  für den durchschnittlichen CO2-Ausstoß. Transportermodelle mit Pkw-Zulassung wie einen Mercedes Sprinter haben wir von der Berechnung ausgenommen.
  • Die Fahrzeughalter haben wir in Privatkunden, Firmenkunden und Sondereinflüsse (Fahrzeughandel, -bau, Autovermieter) gegliedert.
  • Bei Kraftstoffen haben wir Benzin, Diesel und alternative Antriebe berücksichtigt.
  • Außerdem haben wir 11 unterschiedliche Fahrzeugsegmente, angefangen von Mini und Kleinwagen bis hin zur Oberklasse sowie SUV, Mini- und Großraumvans, Sportwagen und Utilities unterschieden.
  • Die durchschnittlichen Jahresfahrleistungen haben wir auf Basis der Angaben vom KBA und eigenen Umfragen unter Fuhrparkleitern ermittelt und dabei Unterschiede zwischen den Halterarten und die höher Laufleistung von Dieselfahrzeugen berücksichtigt.
  • Die Unterschiede zwischen NEFZ-Werten und Realverbrauch haben wir nach einer Analyse auf Modellebene über Korrekturfaktoren berücksichtigt.  Auch ohne Berücksichtigung dieses Mehrverbrauchs würde sich am Ergebnis, dass Diesel zu beträchtlichen CO2 Einsparungen führen, nichts ändern.“]

Solarify meint: „Wissenschaftlich verkleideter, netter Versuch, verlorenes Reputationsterrain für den Diesel wieder zurück zu gewinnen. Aber ganz im Sinne der Branche, die Verbrennungsmotoren noch länger als Brückentechnologie auf dem Weg zu emissionsfreien Elektroautos brauche, wie VDA-Präsident Wissmann und IG-Metall-Chef Hofmann jüngst in Frankfurt erklärten. Wissmann kündigte gemeinsamen „massiven Widerstand“ gegen jeden an, der „mit der Dachlatte des Verbots operieren“ wolle (deutschlandfunk.de). Aber es hilft nichts: Umdenken, Langfristdenken muss her: Diesel und Benziner sind beide Auslaufmodelle – im Wortsinn. Es gäbe nur einen Weg, sie zu retten: Synthetische Kraftstoffe, sogenannte Designer Fuels.

->Quellen: