Umstrittenes Budget

NZZ: CO2-“Restmenge” wird “klimapolitischer Zankapfel”

Klimawissenschaftler erdachten vor einigen Jahren das Konzept des Kohlenstoffbudgets, um die Herausforderungen der Klimapolitik zu verdeutlichen. “Jetzt wird der Vorwurf laut, das Konzept sei politisch nutzlos”, schreibt Sven Titz in der Neuen Zürcher Zeitung. Dabei bestehe – nicht nur in Fachkreisen – eigentlich breite Übereinstimmung darüber, dass der Treibhausgas-Ausstoß drastisch sinken müsse, wenn ein eine übermäßige Erderwärmung verhindert werden soll. Nur, fragt Titz, “auf welche Weise, mit welchen Zahlen soll das vermittelt werden?” Das CO2-Budget in der Kritik – und ein Artikel von Oliver Geden (SWP).

Das “Kohlenstoffbudget” gibt an, wie viel CO2 die Menschheit noch in die Atmosphäre entlassen darf, bis eine bestimmte Grenze – zum Beispiel zwei Grad Celsius oder 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau – überschritten wird.

[note Die Zwei-Grad-Grenze, missverständlicherweise allzu oft als Zwei-Grad-“Ziel”*) bezeichnet, ist eine Linie für die menschengemachte durchschnittliche Erwärmung der Erdatmosphäre, welche die Erderwärmung bei Androhung existenzieller Folgen (keineswegs nur für die Südseeinsulaner) nicht überschreiten darf. Seit mehr als 40 Jahren ist sie schon bekannt: 1977 veröffentlichte der US-Wirtschaftsprofessor William Nordhaus eine Grafik mit einer als Zwei-Grad-Grenze bezeichneten Linie – er fügte dieser Grenze eine Zeitachse, die natürlichen Schwankungsbreiten samt einer nach oben verlaufenden Temperaturkurve hinzu: 2040 schnitten beide einander. Nordhaus führte die Zwei-Grad-Grenze allerdings nicht als wertebasiertes Ziel einer künftigen Klimapolitik ein, sondern er benutzte sie als gedankliche Grundlage für davon ausgehende Kosten-Nutzen-Analysen (siehe: onlinelibrary.wiley.com/abstract).
Zwei-Grad-Grenze erstmals erwähnt (Hervorhebung: Solarify) – Grafik © William D. Nordhaus, Strategies for the Control of Carbon Dioxide, Connecticut 1977, S. 3.
Aus der 2-Grad-Grenze wurde (im Deutschen) über die Jahre ein 2-Grad-Ziel. Unter Ziel verstehen wir aber gemeinhin etwas Erstrebenswertes, für dessen Erreichung oder Überschreitung im Sport sogar Medaillen winken. Es geht aber um die Vermeidung einer Katastrophe, die nach Überzeugung von Experten schon bei 1,5 Grad anfängt. Die keineswegs als radikal-ökologisch verschriene IEA rechnet dagegen in ihrem am 12.11.2012 veröffentlichten World Energy Outlook mit einer “langfristigen mittleren globalen Erwärmung um 3,6°C”.
Der Wissenschaftsjournalist Christopher Schrader besteht mit anderen ebenfalls darauf, dass es sich um eine Grenze, kein Ziel, handelt: “…die sogenannte Zwei-Grad-Grenze (und es ist eine Grenze, kein Ziel)”.]

Doch das Konzept ist nicht unumstritten. So schreibt etwa Glen Peters, Forschungsdirektor am Klimainstitut “Cicero” in Oslo, in einem Kommentar für das Fachmagazin nature geoscience (letztes Update 31.05.2018): “Die Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Berechnungen des Kohlenstoffbudgets ergeben sich aus vielen bekannten Unterschieden in den Annahmen der Studien, etwa hinsichtlich der Art des verwendeten Modells und der damit verbundenen Mängel, des Ausmaßes der bereits seit vorindustrieller Zeit stattgefundenen Erwärmung, der Definition des Pariser Temperaturziels, der vorübergehenden Überschreitung negativer Emissionen, der Behandlung menschenverursachter Klimaeinflüsse außer CO2 und der Darstellung von Unsicherheiten.” Peters argumentiert, CO2-Budgets könnten eher verwirren als klären und “dass sie – angesichts des Missverhältnisses zwischen ihrer globalen Dimension und der Entscheidungsfindung auf Länderebene – nicht so relevant für die Politikgestaltung sind, wie es ursprünglich den Anschein hatte. Es gibt nicht eine magische Zahl, um die Herausforderung zu beschreiben. Anstatt zu sehr zu vereinfachen, sollte die wissenschaftliche Gemeinschaft versuchen, die anhaltenden Unsicherheiten zu diskutieren und hervorzuheben.” Auf der Basis diverser in letzter Zeit erschienenen Studien, gibt Peters für die “noch erlaubte” CO2-Menge eine riesige Spanne an: Sie reicht von negativen Werten bis zu fast 900 Milliarden Tonnen CO2.

Folgt: Wissenschaftliche Theorie und politische Praxis