“…für die Küstenstädte zu spät”

Was das Eis der West-Antarktis vor 10.000 Jahren gerettet hat, wird heute nicht helfen

Der Rückgang der westantarktischen Eismassen nach der letzten Eiszeit wurde überraschenderweise vor etwa 10.000 Jahren zum Teil umgekehrt, wie Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) jetzt herausgefunden haben. Die Zunahme der Eisausdehnung damals steht in starkem Gegensatz zu den bisherigen Annahmen. Tatsächlich war es das Schrumpfen selbst, welches das Schrumpfen beendete: Entlastet vom Gewicht des Eises hob sich die Erdkruste, dadurch schob sich das Eis wieder vom Landesinneren in Richtung Meer. Dieser Mechanismus ist allerdings viel zu langsam, um einen gefährlichen Anstieg des Meeresspiegels durch den möglichen Eisverlust in der Westantarktis in naher Zukunft zu verhindern. Nur eine schnelle Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen kann dies leisten.

[note Neue Daten zeigen, dass das Schrumpfen der Eismassen in der West-Antarktis nach der letzten Eiszeit in Teilen des Kontinents vor rund 10.000 Jahren überraschend gestoppt und sogar umgekehrt wurde. Die maximale Ausdehnung des Eisschildes ist grün markiert, die minimale rot, und die heutige Aufsetzlinie des Eises auf dem Felsboden der Antarktis in orange. – Grafik © Torsten Albrecht/PIK-Potsdam]

“Die Erwärmung nach der letzten Eiszeit ließ die Eismassen der Westantarktis schwinden”, sagt Torsten Albrecht vom PIK, einer der drei Hauptautoren der jetzt in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Studie (hier ein Video zum Herunterladen, 148 MB ). “In weiten Teilen dieser Region zog sich das Eis in einem Zeitraum von 1.000 Jahren um mehr als 1.000 Kilometer ins Landesinnere zurück – nach geologischen Maßstäben ist das ziemlich schnell. Nun aber haben wir festgestellt, dass sich dieser Prozess irgendwann teilweise umgedreht hat. Statt eines totalen Kollapses wuchs der Eisschild wieder um bis zu 400 Kilometer. Das ist eine begrenzte, aber erstaunliche  Stabilisierung. Diese dauerte jedoch satte 10.000 Jahre. Angesichts der Geschwindigkeit des derzeitigen Klimawandels durch das Verfeuern fossiler Brennstoffe ist klar: der von uns entdeckte Mechanismus funktioniert leider nicht schnell genug, um die heutigen Eisschilde vor einem Schmelzen zu bewahren und damit zu verhindern, dass sie massiv beitragen können zum Anstieg des Meeresspiegels.”

Das Team konnte herausfinden, warum sich das Eis in der Westantarktis wieder ausdehnte. Es ist bekannt, dass die Erdkruste durch das Gewicht der auf ihr liegenden kilometerdicken gefrorenen Wassermassen niedergedrückt werden kann – wenn das Eis verschwindet, wird die Last auf dem Boden geringer, er kann sich heben. Dies nennen die Fachleute isostatische Hebung. Deren Ausprägung hängt jedoch von den komplizierten Eigenschaften des Erdmantels in dieser Region ab – Wissenschaftler sprechen beispielsweise von der Viskosität.

Bislang war nicht bekannt, dass sich die Erdkruste in der Westantarktis in einer Weise anhob, dass das schrumpfende Eis sich wieder ausdehnte. Die Forscher gingen bisher davon aus, dass sich nach dem letzten Gletschermaximum das Eis der Westantarktis kontinuierlich zurückzog. Jetzt scheint es, dass sie grundsätzlich Recht mit dem Rückzug hatten, aber seine Dynamik noch nicht vollständig verstanden hatten.

Folgt: Drei Beweisquellen: Computersimulationen, Radardaten, Sedimente unter dem Eis