Landleben gesünder?

Luftverschmutzung schadet kognitiven Fähigkeiten

Großstädter leiden unter Feinstaub, Abgasen und Lärm, was mit fortschreitendem Alter ihr Risiko für zahlreiche Krankheiten verstärkt. Luftverschmutzung beeinträchtigt unsere kognitiven Fähigkeiten, so das Ergebnis einer PNAS-Studie . Wer aber auf dem Land wohnt, lebt kaum viel gesünder. Ein Stadt-Land-Vergleich von Silke Kerscher-Hack aus medizinischer Sicht im Portal DocCheck News, wobei das Land etwas zu kurz kommt.

Das Gehirn könnte durch die Umweltbelastung geschädigt werden oder gar schrumpfen, und Menschen, die in Ballungsgebieten mit hohem Feinstaub- und Stickoxid-Gehalt der Luft leben oder Straßenlärm ausgesetzt sind, laufen ein erhöhtes Risiko, etwa für Lungen- und Atemwegserkrankungen, Asthma und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Aus gesundheitlicher Sicht drängt sich die Überlegung geradezu auf, aufs Land zu ziehen. Aber: Ist die Welt denn dort in Ordnung?

[note Kurztext der Studie Die Auswirkungen der Belastung durch Luftverschmutzung auf die kognitive Leistungsfähigkeit: Der größte Teil der Bevölkerung in den Entwicklungsländern lebt an Orten mit schlechter Luft. Die Autoren einer in den PNAS veröffentlichten Studie werteten die Schwankungen der temporären und kumulativen Luftverschmutzung für dieselben Menschen im Laufe der Zeit in China aus, indem sie eine national repräsentative Längsschnittuntersuchung und Luftqualitätsdaten in China entsprechend dem genauen Zeitpunkt und der geographischen Lage der kognitiven Tests abglichen. Sie lieferten Belege dafür, dass verunreinigte Luft sich mit zunehmendem Alter immer stärker auf die kognitive Leistungsfähigkeit in verbalen und mathematischen Tests auswirkt, insbesondere bei Männern und weniger Gebildeten. Die Schädigung des alternden Gehirns durch Luftverschmutzung verursacht wahrscheinlich erhebliche gesundheitliche und wirtschaftliche Risiken, da die kognitive Funktion für ältere Menschen entscheidend ist, sowohl für die täglichen Besorgungen als auch für Entscheidungen mit hohem Risiko.]

Kindersterblichkeit in armen Ländern durch Feinstaub deutlich erhöht

Rund 4,5 Millionen Menschen starben 2015 vorzeitig an den Krankheitsfolgen von verschmutzter Außenluft. Darunter sind 237.000 Kinder unter fünf Jahren, die an Atemwegsinfektionen starben. Das ergab eine Untersuchung, die das Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie zusammen mit der London School of Hygiene & Tropical Medicine herausgegeben hat.

[note Bedrohliche Atemluft: Luftverschmutzung durch Smog wie hier in Peking verursacht tödliche Krankheiten. So starben im Jahr 2015 durch Feinstaub und Ozon, die wichtigsten Schadstoffe, mehr als 4,5 Millionen vorzeitig – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für Solarify.]
Feinstaub mit Partikeln kleiner als 2,5 Mikrometern (PM2,5) spielt eine entscheidende Rolle. Die Partikel dringen tief in die Atemwege ein, wo sie bei Kindern vor allem Entzündungen verursachen können. Die Konzentration von Feinstaub, denen Menschen auf der Welt im Schnitt ausgesetzt sind, ist zwischen den Jahren 2000 und 2015 von etwa 40 auf 44 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gestiegen. Das liegt um mehr als das Vierfache über der Konzentration von 10 Mikrogramm, die von der WHO als Grenzwert empfohlen wird. Zudem trägt das Reizgas Ozon zu gesundheitlichen Auswirkungen der Atemwege bei.

122 Millionen Lebensjahre (YLL) durch vorzeitigen Tod verloren

Auch wenn verschmutzte Innenraumluft ebenfalls ein großes Gesundheitsrisiko darstellen kann, geht es in einer am 29.06.2018 in der Zeitschrift The Lancet Planetary Health veröffentlichten Studie um die Umgebungsluft.Die jeweilige Belastung durch Feinstaub und Ozon haben die Autoren Jos Lelieveld, Sir Andrew Haines und Andrea Pozzer mit einem etablierten globalen Atmosphären-Chemie-Modell ermittelt. Diese Werte verknüpften sie mit Daten über die Bevölkerungsstrukturen sowie Krankheiten und Todesursachen in den einzelnen Ländern. So kamen sie für 2015 auf weltweit 270.000 vorzeitige Todesfälle durch Ozon und 4,28 Millionen Opfer von Feinstaub. Mit insgesamt mehr als 4,5 Millionen führt das Team um Jos Lelieveld jetzt noch einmal deutlich mehr vorzeitige Tode auf Feinstaub und Ozon zurück als in einer ähnlichen Studie aus dem Jahr 2015. Damals bezifferten die Forscher die frühzeitigen Sterbefälle durch Luftverschmutzung auf 3,3 Millionen. Dass sie nun zu einem noch alarmierenderen Resultat gelangt sind, begründeten sie mit genaueren Daten epidemiologischer Studien, die ihnen nun zur Verfügung gestanden seien.

Die Krankheiten, die letztlich zum Tod führten, waren bei 727.000 Menschen Entzündungen der tiefen Atemwege, bei 1,09 Millionen chronische Lungenerkrankungen, bei 920.000 zerebrovaskuläre Erkrankungen, bei 1,5 Millionen Herzerkrankungen und bei 304.000 Lungenkrebs. Durch frühzeitigen Tod gingen der Menschheit 2015 nach diesen Berechnungen 122 Millionen Lebensjahre verloren (“years of life lost” – YLL). „Die ermittelten Zahlen sind vorsichtig geschätzt, weil wir weitere Krankheiten, die ebenfalls mit der Luftverschmutzung im Zusammenhang stehen könnten, nicht berücksichtigt haben“, sagt Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie.

Kupfer- und Eisen-Ionen gefährlichste Feinstaub-Komponenten

Etwa ein Jahr nach der Publikation der Studie von Lelieveld erschien in Nature eine Studie deutscher und amerikanischer Wissenschaftler, die sich mit den chemischen Effekten von Luftschadstoffen auf die menschliche Gesundheit befasste: “Chemical exposure-response relationship between air pollutants and reactive oxygen species in the human respiratory tract (Chemische Wechselwirkung zwischen Luftschadstoffen und reaktiven Sauerstoffspezies in den menschlichen Atemwegen)”. Ergebnis: Kupfer- und Eisen-Ionen – zum Großteil aus Verkehrsemissionen wie Brems- und Reifenabrieb – gehören zu den gefährlichsten Feinstaub-Komponenten.  Herausgefunden hatten die Wissenschaftler dies mithilfe von Modellrechnungen, die mit toxikologischen Untersuchungen übereinstimmten.

[note Abstract gekürzt): “Luftverschmutzung kann oxidativen Stress und gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Asthma und andere Atemwegserkrankungen verursachen, aber die zugrunde liegenden chemischen Prozesse sind nicht gut verstanden. Die Autoren stellen chemische Wechselwirkungen zwischen den Konzentrationen von Luftschadstoffen in der Umgebung und den Produktionsraten und Konzentrationen von reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) in der Epithelflüssigkeit (ELF) der menschlichen Atemwege vor. In stark verschmutzten Umgebungen können Feinstaub (PM2,5), der redoxaktive Übergangsmetalle, Chinone und sekundäre organische Aerosole enthält, die ROS-Konzentrationen im ELF auf ein für Atemwegserkrankungen charakteristisches Niveau erhöhen. Die Beziehungen zwischen chemischer Exposition und Reaktion auf chemische Einflüsse zeigen, dass die aerosolinduzierten epithelialen ROS-Werte in verunreinigter Megastadtluft um mehrere Größenordnungen höher sein können als in unberührter Regenwaldluft.”]

Landleben nicht gesünder

Doch es lebe sich auf dem Land nicht unbedingt gesünder als in der Stadt. Zum Beispiel sei die medizinische Versorgung in der Stadt deutlich besser als auf dem Land; 2016 habe die Krankenkasse Pronova-BKK darüber die Studie „Gesundheitsversorgung 2016“ veröffentlicht: Laut Bericht brauchen Patienten aus kleinen Orten etwa 42 Minuten in die nächste Klinik, Stadtbewohner dagegen etwa 15 Minuten weniger. Ähnlich verhält es sich auch beim Weg in die nächstgelegene Facharztpraxis: Während Städter etwa 20 Minuten benötigen, müssen Menschen vom Land bereits zehn Minuten mehr einplanen.

Fazit von Silke Kerscher-Hack (Apothekerin und freie Medizinjournalistin): “Ganz so eindeutig lässt sich die Frage, ob ein Leben in der Stadt oder auf dem Land gesünder ist, also nicht beantworten. Stadt ist eben nicht gleich Stadt – die physische Gesundheit von Großstädtern ist zwar tendenziell mehr gefährdet als die von Kleinstädtern. Wer aber eine Wohnung am Stadtrand Berlins hat, befahrene Straßen meidet und viel Zeit in Parks verbringt, lebt womöglich gesünder als jemand, der in einer kleinen Gemeinde direkt an der Hauptstraße wohnt und alle Wege mit dem Auto zurücklegt. Auch in Hinsicht auf die psychische Gesundheit lässt sich keine eindeutige Aussage treffen. Großtstadtlärm tut nicht gut, das Dorfleben aber auch nicht unbedingt. Beispielsweise wird aus Studienergebnissen ersichtlich, dass die Prävalenz allergischer Erkrankungen sowie depressiver Symptome bei Menschen, die auf dem Land leben, deutlich höher ist als bei Kleinstädtern.”

->Quellen: