„Feinstaubfresser“ saugen Dreckluft am Neckartor

Pilotprojekt zur Senkung der Feinstaubbelastung am Stuttgarter Neckartor beginnt mit Aufbau erster Filtersäulen – Simulationsergebnisse werden in der Praxis überprüft

Ein Pilotprojekt aus Riesenstaubsaugern am Stuttgarter Neckartor soll allen Ernstes ein Fahrverbot überflüssig machen. Die Filter Cubes von MANN+HUMMEL, „Feinstaubfresser“ genannt, sollen gar die Stickstoffdioxid-Werte senken. Der Filtrationsspezialist aus Ludwigsburg hat eine Technologie zur Reduzierung von Feinstaub und NO2 an belasteten Orten entwickelt. Die bereits 2018 aufgestellten sogenannten „Filter Cubes“ haben die Filterspezialisten Anfang April 2019 optimiert und ein neu entwickeltes Kombifiltermedium integriert.

Im Rahmen eines Pilotprojekts von MANN+HUMMEL, gefördert vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg und unterstützt von der Landeshauptstadt Stuttgart, wurden 17 Filtersäulen entlang eines ca. 350 Meter langen Straßenabschnitts am Stuttgarter Neckartor installiert. Mit dem Pilotprojekt soll erprobt werden, ob durch den Einsatz der Technologie die Feinstaubbelastung und damit gegebenenfalls auch die Tage mit Grenzwertüberschreitungen am Neckartor reduziert werden können. Die Stadt Stuttgart übernimmt die Aufgabe, die Luftfiltersäulen rund um das Stuttgarter Neckartor aufzustellen und mit Strom zu beliefern.

Modellrechnungen eines unabhängigen Simulationsbüros auf Basis von Daten aus den Jahren 2016 und 2017 haben für das Stuttgarter Neckartor eine Reduzierung der Gesamtfeinstaubkonzentration gezeigt. Die theoretischen Ergebnisse werden nun in der Praxis erprobt. Die Filtersäulen sind 3,60 Meter groß und bestehen aus jeweils drei zusammengesetzten Bauteilen, den Cubes. Ausgerüstet mit Feinstaubpartikelfiltern und energieeffizienten Ventilatoren sind diese in der Lage, bei sehr geringem Energiebedarf 80 Prozent des Feinstaubs aus der angezogenen Umgebungsluft zu ziehen. Über eine Steuerungseinheit lässt sich der Betrieb der Feinstaubpartikelfilter bedarfsgerecht einstellen und damit auf die aktuelle Luftqualität reagieren. Integrierte Sensoren erfassen Luft- und Wetterdaten, die in einer Cloud zusammengeführt und analysiert werden.

In Stuttgart konnte die Belastung mit den Luftschadstoffen Feinstaub PM10 und Stickstoffdioxid in den vergangenen Jahren reduziert werden. So treten Überschreitungen der Grenzwerte bei Feinstaub nur noch am Neckartor auf. Bei Stickstoffdioxid wird der Grenzwert für das Jahresmittel hingegen noch immer überschritten – wie in vielen anderen deutschen Städten auch.

FAZ: Im Kampf gegen Luftverschmutzung und Fahrverbote sind Reinigungsanlagen mit Kohlefilter eine Option. Technisch funktioniert das erstaunlich gut.

Die bisher am Neckartor durchgeführte Erprobung zeigt laut Mann+Hummel, dass sich die Feinstaubimmission durch die Säulen um 10 bis 30 Prozent vermindern lässt, je nachdem, in welchem Abstand zur Säule die Messung erfolgt. „Das entspricht der gleichen Minderung, die durch ein um 40 Prozent geringeres Verkehrsaufkommen erzielt würde“, erläutert ein Sprecher. Wer sich über die Zahlen wundert, dem sei in Erinnerung gerufen, dass der Straßenverkehr selbst an hochbelasteten Stellen wie dem Neckartor maximal für die Hälfte der Feinstaubbelastung verantwortlich ist.

Doch Anwohnern und von Fahrverboten bedrohten Autofahrern machen die feinen Stäube in den meisten deutschen Städten längst weniger Sorgen als die Stickoxide. Die schweben nämlich als einzelne Moleküle in der Luft und sind viel zu klein, um sie mit einem Filter einzufangen. Doch auch dafür will Mann+Hummel eine Lösung haben. Sie basiert auf einer hinter den Filter gelegten Schicht aus Aktivkohle. Dieses Material, das Rucksackreisende gern für die Trinkwasseraufbereitung nutzen, besteht aus reinem Kohlenstoff, der eine hochporöse Struktur aufweist.

Nicht nur Schwaben sind pfiffig. In Kiel erregte eine Demonstrationsanlage des Fünf-Mann-Unternehmens Purevento große Aufmerksamkeit. Was die eigentliche Luftreinigung betrifft, setzt das Start-up ebenfalls auf die Kombination von Vliesstoff-Filter und Aktivkohle. Der Unterschied liegt vor allem in der Verpackung: Hier kommt ein Container zum Einsatz, maximal zweieinhalb Meter breit und rund drei Tonnen schwer. Damit soll er auf einem Auto-Anhänger zu transportieren sein. Allerdings hatte es in Kiel schon während der ersten Demonstrationsphase Proteste gegen den Container gegeben, weil er die Verkehrsfläche für Fußgänger und Radfahrer einschränkt.

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