Klimawandel und Naturzerstörung gleichgewichtig

“Extreme Beschleunigung” des Artensterbens

“Biodiversität – Neues Massenaussterben? Bis zu eine Million Arten bedroht” titelte der Deutschlandfunk am 24.04.2019 und fuhr fort: “Wegen der fortschreitenden Umweltzerstörung ist nach Angaben der UNO bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht.” Das heißt, dass sie „in den kommenden Jahrzehnten“ verschwinden werden, wie es im Entwurf des UNO-Berichts zur weltweiten Artenvielfalt heißt. Man stehe kurz vor einer extremen Entwicklung. Viele Fachleute fürchten nämlich, dass zurzeit ein sogenanntes Massenaussterben stattfindet – das sechste der Erdgeschichte. Hauptgründe sind dem Papier zufolge unter anderem Abholzung, Bergbau, Fischerei und Klimawandel. Den Report will die in Bonn ansässige Zwischenstaatliche Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen (“Biodiversitätrat” – IPBES) bei einer am 29.04.2019 in Paris beginnenden Konferenz vorstellen.

Dessen Vorsitzender Sir Robert Watson sagte. “Wir müssen anerkennen, dass der Klimawandel und die Zerstörung der Natur gleichgewichtig sind”. An dem Bericht, der eine Entscheidungshilfe für Politiker sein soll, arbeiteten 150 Experten aus 50 Ländern drei Jahre lang. Nun werden sie zusammen mit rund 100 Regierungsvertretern eine Woche lang an einem Papier mit den Kernaussagen ihres Reports feilen, das dann als Handlungsgrundlage etwa für Politiker dienen soll. Am 06.05.2019 will das IPBES diese Zusammenfassung veröffentlichen. Beteiligte Forscher hoffen, dem Artenschutz neuen zu Aufwind verleihen und einen Wandel Richtung nachhaltige Entwicklung anstoßen zu können.

In 540 Millionen Jahren hat die Erde fünf Massensterben erlebt, jeweils Folge von Prozessen, die den normalen Kohlenstoffkreislauf auf den Kopf stellten. Diese weltweit tödlichen Kohlenstoff-Störungenen entfalteten sich über Tausende bis Millionen von Jahren und stimmten mit der weitverbreiteten Vernichtung von marinen Arten auf der ganzen Welt überein. Die Frage vieler Wissenschaftler ist, ob der Kohlenstoffzyklus gerade wieder einen entscheidenden Schock erlebt, der ein sechstes Massensterben bringen könnte.

Den Experten zufolge ist das massenhafte Aussterben der Arten bereits im Gange: Die Geschwindigkeit sei zehn- bis hundertmal höher als die im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre. In den vergangenen 500 Millionen Jahren gab es erst fünfmal ein “Massenaussterben” (auch “Massensterben”, siehe: solarify.eu/mit-mathematiker-warnt-vor-massensterben), wie es aus der Sicht vieler Forscher derzeit passiert.

Hälfte aller Ökosysteme schwer beschädigt

Diese beiden Faktoren hätten auch Einfluss auf Entwicklungs- und Wirtschaftsfragen wie der Produktion von Nahrungsmitteln und Energieerzeugung. Denn Agrarsubventionen führten einerseits zu Ineffizienz und andererseits zu überhöhtem Konsum, die die Ressourcen auslaugten. Etwa die Hälfte aller Ökosysteme zu Lande und im Wasser sind demnach durch den Eingriff des Menschen bereits schwer beeinträchtigt worden.

Der Trierische Volksfreund zitiert Watson über die Voraussetzungen für erfolgreichen Artenschutz: „Politische Maßnahmen, Anstrengungen und Handlungen werden – auf allen Ebenen – nur erfolgreich sein, wenn sie auf bestem Wissen und Beweisen beruhen. Das ist es, was das Globale Assessment des IPBES bereitstellt.“ Fast 15.000 Quellen haben die Experten für ihren Bericht analysiert, 250 weitere Fachleute lieferten Wissen direkt zu. Erstmals wurden auch Erkenntnisse und Interessen indigener Bevölkerungen und anderes Lokalwissen aufgenommen.

Den besonderen Stellenwert der Meere hebt Mitautor Julian Gutt, Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven hervor. „Das Leben im Meer ist fast genauso wichtig für uns Menschen wie das Leben an Land.“ Was darin passiere, sei aber weniger sichtbar. Gutt zeigt sich mit Blick auf die Ozeane dennoch vorsichtig optimistisch. „Im Meer sind nach allem was wir wissen, bisher noch weniger Arten ausgestorben als an Land.“ Das gebe Hoffnung, dass dezimierte Arten sich erholen könnten.

Wie unsere Welt in Zukunft aussehen könnte, stellen die IPBES-Autoren in sechs Szenarien dar, etwa unter der Annahme, dass die Menschheit weitermacht wie bisher – oder aber lernt, global oder regional nachhaltig zu wirtschaften. Das ist einer der Bereiche, an dem auch die Sozialwissenschaft gefragt ist. Eine einzigartige Schnittstelle zwischen Politik und Wissenschaft nennt Jens Jetzkowitz von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg den IPBES-Bericht. Es gehe darin nicht nur um die unmittelbaren Ursachen, sondern auch um indirekte Treiber von Artenverlust wie etwa Macht- und Finanzierungsstrukturen.

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