Exxon-Forscher prophezeiten vor fast 40 Jahren präzise Temperaturanstieg

Ölmulti sah Klimakrise kommen – und täuschte die Öffentlichkeit mit gefälschten “Erkenntnissen”

Die jüngsten Rekordmeldungen der NOAA-Station am Mauna Loa auf Hawaii, am 13.05.2019 habe habe die CO2-Konzentration erstmals 415,50 ppm überschritten, regte Wissenschaftler des Pulitzerpreisträgers Inside Climate News dazu an, sich noch einmal über die Meldungen zu beugen, der Ölmulti Exxon Mobil habe bereits vor fast 40 Jahren über den Klimawandel Bescheid gewusst. Mit erstaunlichem Resultat: Schon 1982 hatten Exxon-Experten die Temperaturentwicklung infolge steigender CO2-Emissionen mit erschreckender Genauigkeit vorausberechnet. Dass Exxon getrixt, getäuscht und bestochen hatte, wusste man – neu war die Präzision der Erkenntnisse, die dann umgelogen werden mussten.

In einer Hochrechnung unter der Annahme, dass die Menschen immer mehr fossile Brennstoffe nutzen und neue Ölreserven erschließen würden, kam Exxon bereits 1982 für 2019 auf einen CO2-Gehalt der Atmosphäre von knapp 420 ppm und einen Temperaturanstieg von 0,9 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit – diese 0,9 Grad wurden schon 2017 erreicht. Bereits im Oktober 2015 zeigte eine Untersuchung von Inside Climate News, dass die Ölgesellschaft die wissenschaftlichen Erkenntnisse sehr wohl verstanden hatte, lange bevor sie zu einem öffentlichen Thema wurden. Gleichwohl gab Exxon Millionen aus, um Fehlinformationen fördern, schrieb Shannon Hall damals im Scientific American.

Das älteste Wissen des Erdöl-Giganten über den Klimawandel stammt gar aus dem Juli 1977, als sein leitender Wissenschaftler James Black dem Vorstand diese ernüchternde Information übermittelte: “Esbesteht allgemeine wissenschaftliche Einigkeit darüber, dass die wahrscheinlichste Art und Weise, wie die Menschheit das globale Klima beeinflusst, durch die Freisetzung von Kohlendioxid aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe erfolgt”. Ein Jahr später warnte er Exxon, dass die Verdoppelung des CO2s in der Atmosphäre die globalen Durchschnittstemperaturen um zwei oder drei Grad erhöhen werde – eine Zahl, die mit heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ziemlich genau übereinstimmt. Er warnte weiterhin davor, dass “gegenwärtigem Denken folgend der Mensch ein Zeitfenster von fünf bis zehn Jahren habe, bevor die Notwendigkeit harter Entscheidungen über Veränderungen in den Energiestrategien entscheidend werden könnte”. Mit anderen Worten, Exxon musste handeln.

Blacks Hochrechnungen:

Grafik aus einem geheimen Bericht (“1982 Exxon Primer on CO2 Greenhouse Effect“) an den Exxon-Vorstand vom 15.11.1982 – darin bereits die ersten Zweifel: “Die Klimamodellierung [v. Black et al.] wurde von einem Kommitee des National Research Council unter dem Vorsitz von Jules G. Charney vom MIT untersucht, und die Schlussfolgerungen werden in ihrem Bericht mit dem Titel ‘Carbon Dioxide and Climate – A Scientific Assessment’ zusammengefasst. Diese Studie des National Research Council kam zu dem Schluss, dass es in diesen Modellen große Unsicherheiten gibt, was den Zeitpunkt für eine Verdoppelung des CO2-Ausstoßes und den Anstieg der Temperatur betrifft.”

Familie eines Exxon-Wissenschaftlers prangert Haltung des Ölriesen zum Thema Klimawandel an
Im Rahmen der Exxon-Hauptversammlung im Mai 2016 bekam der damalige CEO Rex Tillerson eine Frage von einer frisch gebackenen Chemie-Absolventin gestellt, deren Großvater James F. Black (Foto li.) vor fast 40 Jahren erstmals Führungskräfte des Ölmultis vor den Risiken des Klimawandels gewarnt hatte. Anna Kalinsky fragte Tillerson, ob Exxon seine Mitgliedschaft in Organisationen wie dem American Legislative Exchange Council (ALEC)  überprüfen werde, die der Forschung ihres Großvaters und anderer Exxon-Wissenschaftler im Laufe der Jahre widersprochen hatten. Tillerson sagte nein, aber in Zusammenarbeit mit ClimateTruth.org (heute Oil Change US) und Cater Communications konnte Anna den Erdölriesen bloßstellen und den Wert der wissenschaftlichen Forschung in den Medien wie BBC, Grist, Dallas Morning News, Reuters und Democracy Now unterstreichen.
Schon Annas Mutter und James Blacks Tochter Claudia Black-Kalinsky hatte mit ClimateTruth.org und Cater Communications zusammengearbeitet, um einen Bericht für den Guardian (“My father warned Exxon about climate change in the 1970s. They didn’t listen”) zu schreiben, in dem sie argumentierte, dass das Unternehmen endlich seine Warnungen beachten und Finanzgruppen stoppen sollte, die Klimaforschung und Klimaschutzpolitik ablehnen. “Anstatt die Öffentlichkeit über den Klimawandel zu täuschen”, schrieb sie, “sollte Tillerson die unglaublichen Ressourcen des Unternehmens – einschließlich seiner Wissenschaftler und Lobbyisten – zur Lösung nutzen.” Der Artikel wurde mehr als 4.000 Mal online geteilt, unter anderem von Elon Musk auf Twitter, und generierte mehr als 400 Kommentare (siehe catercommunications.com/2016summergallery).

Eine Reihe von Berichten behandelte damals Exxons gleichzeitiges Wissen um den Klimawandel und dessen vier Jahrzehnte-langes aktives Verleugnen. In die „Imagearbeit“ eingeschlossen war auch die Finanzierung von Thinktanks wie dem Heartland Institute in den USA und dem Institute of Public Affairs in Australien, die eng mit Regierungen zusammenarbeiteten oder Politiker in ihren Reihen hatten.

->Quellen: