Klimawissenschaft hat unausweichliche politische Dimension

Warum die Festlegung einer Klima-Deadline gefährlich ist

In einem am 22.07.2019 in der Zeitschrift Nature publizierten Artikel belegen fünf Autoren (Shinichiro Asayama, Rob Bellamy, Oliver Geden, Warren Pearce und Mike Hulme), warum es ihrer Überzeugung nach gefährlich ist, Deadlines für das Eintreten von Klimawandelfolgen oder gar Kipppunkte zu definieren. Die Veröffentlichung des IPCC-Sonderberichts über die globale Erwärmung auf 1,5° C (solarify.eu/sputet-euch )habe den Weg für einen politischen Diskurs geebnet, der eine feste Frist für entscheidende Maßnahmen gegen den Klimawandel festlegen will. Die Gefahren einer solchen Terminrhetorik legen jedoch nahe, dass das IPCC die Verantwortung für seinen Bericht übernehmen und die Glaubwürdigkeit solcher Fristen offen in Frage stellen muss. Der Text ist auf Nature ShareIt einzusehen.

Sensationelle Schlagzeilen, welche die Zahlen des IPCC-Berichts, dass die globale Temperatur zwischen 2030 und 2052 voraussichtlich 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau liegen werde, als 12-Jahres-Frist für die Welt interpretiert hätten, um katastrophalen Klimawandel zu vermeiden, hätten weit verbreitete Forderungen nach dringenden radikalen Maßnahmen ausgelöst. Die Welt scheine plötzlich eine begrenzte Zeit zu haben, um entschlossen gegen den Klimawandel vorzugehen. “Dieser Anstieg des ‘Klima-Terminismus'”, so die Autoren, “ist in gewisser Weise ein Produkt langjähriger Bemühungen, den ‘gefährlichen’ Klimawandel zu quantifizieren”. Zuerst als Spitzentemperaturziel, bzw. -grenze artikuliert, seien diese dann in ein endliches Kohlenstoffbudget umgewandelt worden und würden nun als feste Frist ausgedrückt, nach deren Ablauf politische Interventionen als ‘zu spät’ gälten. “Diese diskursive Übersetzung der Gefahr kann dazu beitragen, das Gefühl der Dringlichkeit zu verstärken, wie die jüngste Entstehung einer Jugendklimabewegung zeigt. Es schafft aber auch die Bedingung, dass eine Klimakatastrophe voreilig erklärt wird, was zu politisch gefährlichen Folgen führen könnte.”

Soweit der Diskurs von der Frist bis 2030 auf die politische (Fehl-)Nutzung der Wissenschaft zurückzuführen sei, stelle dies “eine entscheidende Frage an die Wissenschaftler, insbesondere an die Wissenschaftler im IPCC. Was ist eine verantwortungsvolle Antwort auf die Politik des ‘Deadline-ismus’ für das IPCC als maßgebliche Stimme der Klimawissenschaften?”

Seit etwa 1990 habe sich die globale Temperatur als bevorzugter Indikator für die Quantifizierung eines Zielwertes für den Klimawandel durchgesetzt.
Ab Mitte der 90er Jahre seien zunehmend zwei Grad als Temperaturschwelle zur Vermeidung eines gefährlichen Klimawandels angenommen worden.

Der amerikanische Ökonom William Nordhaus hatte 1977 zum ersten Mal von einer Zwei-Grad-Grenze gesprochen (siehe solarify.eu/zwei-grad-grenze). 2018 bekam er unter anderem dafür den Wirtschaftsnobelpreis. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS: „Klimaschutz ist nicht sehr teuer“) plädierte der 67jährige am 03.03.2019 für eine weniger verbissene Sicht der Klimaziele: “Ich bin kein Verfechter davon, die Ziele so festzuzurren. Sie helfen natürlich, Politik zu machen. Aber das sind mehr Hoffnungen als tatsächliche Politik.” (siehe: solarify.eu/wir-sind-auf-dem-weg-zu-3-4-oder-5-grad-erwaermung).

2015 wurden in Paris 1,5 °C als alternatives Erwärmungsgrenze eingeführt. Seit der Veröffentlichung des IPCC SR15 haben jedoch viele öffentliche Kampagnen de facto eine als “sichere” Grenze der Temperaturänderung 1,5 °C festgelegt. Die Autoren: “Die Entdeckung des nahezu linearen Zusammenhangs zwischen einer globalen Spitzentemperatur und den kumulativen CO2-Emissionen bot die Möglichkeit für eine andere Quantifizierung der Klimaherausforderung. Das Konzept eines CO2-Budgets hat die Herausforderung der Minderung von einem Strömungsproblem (Emissionen in einem bestimmten Jahr) zu einem Bestandsproblem (insgesamt zulässige CO2-Emissionen über einen Zeitraum) umgestaltet. Die Schätzung des zulässigen Kohlenstoffbudgets zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf ein bestimmtes Niveau ist recht schnell zu einem zentralen Schwerpunkt der Klimamodellierungsforschung geworden und hat das neu dominierende politische Paradigma geprägt.” Der wissenschaftliche Aufwand, eine einzige Zahl zu finden, um die Herausforderung der Minderung zusammenzufassen, habe zu einem weiteren Schritt geführt: Die Übersetzung des Kohlenstoffbudgets in eine Schätzung der verbleibenden Zeit bis zum Überschreiten von 1,5 °C werde “wahrscheinlich”.

Das bedeute “natürlich nicht”, dass der Klimawandel keine ernsthafte Herausforderung darstelle. Die Risiken des Klimawandels müssten ernst genommen werden, es wäre jedoch ein Fehler, die Behauptungen über eine Klimafrist wörtlich zu nehmen. Aber: Aspekte wie die Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit von Politiken würden übersehen. Darüber hinaus käme die “alarmierende Botschaft des Deadline-ismus immer nur bei bestimmten sozialen Gruppen an”, für andere könne sie alarmierend und polarisierend sein, aber auch die Möglichkeit einschränkend, dauerhafte, überparteiliche Lösungen zu entwickeln. “Der Klimawandel ist ein ‘böses soziales Problem’, das gelöst und neu verhandelt werden muss, immer und immer wieder. Deadline-ismus ist sowohl ineffektiv als auch selbstzerstörerisch.” Die Autoren werfen denn auch “eine zentrale Frage nach der Rolle der Wissenschaft in der Politik auf”.

Ihr Fazit: “Das IPCC sollte erkennen, dass das von ihm produzierte Wissen bereits unvermeidlich politisch ist. Es sollte daher als politisch verantwortlicher Akteur in der Öffentlichkeit auftreten und die Glaubwürdigkeit dieser Terminrhetorik offen in Frage stellen. Der Anstieg des Deadline-ismus ist nur das jüngste Beispiel dafür, dass die Klimawissenschaft eine unausweichliche politische Dimension hat und dass die Anerkennung durch das IPCC längst überfällig ist. Das IPCC kann seine politische Verantwortung nicht mehr hinter der ‘Neutralität’ seiner Wissenschaft verstecken. ”

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