BUND und WWF: Kopernikus-Bericht “Power-to-X” mangelhaft

P2X veröffentlicht zweite Roadmap: Ergebnisse zur flexiblen Nutzung erneuerbarer Ressourcen vorgestellt

Mit dem Klimawandel nehmen die Konsequenzen unseres Lebensstils greifbare Gestalt an. Diese Konsequenzen sollen auf ein „erträgliches“ Maß reduziert werden. Zum Ende der ersten Förderphase wurde im Kopernikus-Projekt Power-to-X die vorhandene Roadmap überarbeitet, neue Technologien und gesellschaftliche Entwicklungen seien aufgenommen werden. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der WWF Deutschland bemängeln in einer gemeinsamen Medienmitteilung am 06.09.2019 anlässlich der Veröffentlichung des Endberichts der ersten dreijährigen Projektphase des Kopernikus-Projektes Power-to-X, an dem sich die beiden Umweltverbände beteiligt haben, bei der Erforschung sogenannter Power-to-X-Technologien würden Umweltbelange bislang nicht ausreichend berücksichtigt.

Die Energiewende sei eine gesellschaftliche Aufgabe und daher sei es wichtig, Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in die öffentliche Debatte einzubringen – so eine Medienmitteilung auf der Kopernikus-Internetseite anlässlich der Präsentation der erneuerten Roadmap. Nur so könne die Bevölkerung offene Diskussionen für gut informierte und gemeinschaftliche Entscheidungen für den Klimaschutz führen. Unser Wirtschaftssystem basiere derzeit auf der Nutzung von fossilem Kohlenstoff und stetigem Wachstum. Die absehbaren Kosten der Herstellung der Energieträger überstiegen deutlich die Kosten ihrer fossilen Äquivalente. Die Fortschritte im Projekt Power-to-X seien von den Projektpartnern in der zweiten Roadmap „Optionen für ein nachhaltiges Energiesystem mit Power-to-X Technologien“ festgehalten worden. Die aktualisierte Fassung stelle Ergebnisse aus der bisherigen Forschung zusammengefasst vor und bewerte entwickelte Technologiestufen. Sie untersuche Fragen wie:

  • Welche Perspektiven sehen die Projektpartner innerhalb der Handlungsfelder Gesellschaft, Technologie und Anwendung?
  • Wie können P2X Technologien zu Klimaschutz und Energiewende beitragen?

Dennoch solle die Roadmap keine abschließende Bewertung der Technologien und ihrer Zukunftsfähigkeit liefern, sie sei eine Momentaufnahme. Die vorgestellten Technologien befänden sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien und sollten Anwendung in den Bereichen chemische Industrie, Verkehr oder in der Energiespeicherung finden.

Beispiel für erfolgreiche Entwicklung einer Power-to-X-Technologie: Das Projekt Carbon2Chem. Auf der Basis katalytischer Verfahren werden seit 2016 Technologien für chemische Synthesen entwickelt, mit denen Hüttengase aus der Stahlproduktion weltweit in marktfähige Chemieprodukte oder synthetische Treibstoffe umgewandelt werden – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für Solarify

PtX kein Allheilmittel – Debatte passt nicht zum Klimaschutz-Anforderungen

BUND und WWF reicht das nicht aus: Sie fordern, “der Umwelt zu Liebe Power-to-X klare Grenzen zu setzen”, denn PtX sei kein klimafreundliches Allheilmittel, da für die Produktion synthetischer Kraft- und Brennstoffe sowie chemischer Grundstoffe viel Energie aufgewendet werden müsse, so die Umweltorganisationen. Es dürfe daher nur begrenzt Anwendung finden, wo Alternativen wie eine direkte Elektrifizierung nicht oder nur schwer umsetzbar sind. Beispiele können Flugverkehr oder Teile des Schiffsverkehrs sein. Bei Autos und Bussen beispielsweise sei eine direkte Elektrifizierung besser.

Grundsätzlich passe die Debatte über den Einsatz von PtX noch nicht mit den Anforderungen aus Klimaschutzsicht überein, kritisieren die Umweltverbände. Das Projekt müsse einen größeren Fokus auf die Frage legen, wie PtX-Kraftstoffe zum Ziel des Pariser Klimaabkommens beitragen, die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das setzt eine Dekarbonisierung in Europa bis weit vor 2050 voraus. Damit stellt sich einerseits die Frage nach ausreichenden erneuerbaren Stromerzeugungskapazitäten und welcher Anteil davon für die Herstellung von PtX-Stoffen verwendet werden kann.

“Aktuell blockiert die Bundesregierung den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien. So ist etwa der Zubau von Windkraft im ersten Halbjahr 2019 um mehr als 80 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum eingebrochen”, sagt Erika Bellmann vom WWF. “Um überhaupt nachhaltige, synthetische Kraft- und Brennstoffe produzieren zu können und langfristig auch die Chemieindustrie auf eine klimafreundliche Rohstoffbasis umzustellen, muss die Bundesregierung den Ausbau der erneuerbaren Energien endlich entschieden vorantreiben.”

Vorteil im Projektbericht unvollständig dargestellt – Diesel-Ersatzkraftstoff namens OME besonders ineffizient

Andererseits brauchten auf Erneuerbaren Energien basierende Energiesysteme Speicher- und Kopplungstechnologien, um Leistungsschwankungen ausgleichen zu können. Systemdienlich betriebene PtX-Anlagen könnten dazu einen wertvollen Beitrag leisten. Dieser grundlegende Vorteil wird im Projektbericht unvollständig dargestellt, kritisieren die Umweltverbände.

“In den nächsten Projektphasen muss darüber hinaus ein Vergleich mit alternativen Technologien zu PtX einbezogen werden”, so Caroline Gebauer, Energieexpertin beim BUND. “Bisher wurde zum Beispiel kein Vergleich zu E-Autos unternommen, die einen wesentlich niedrigeren Energieverbrauch haben und damit auch für das Energiesystem insgesamt eine niedrigere Nachfrage bedeuten würden.” Der mangelnde Vergleich mit anderen Technologien werde auch daran deutlich, dass einer der kritikwürdigsten Projektteile in der zweiten Projektphase in ein eigenes Förderprojekt ausgegliedert und so dem zivilgesellschaftlichen Diskurs entzogen wurde. Darin geht es um die Entwicklung von besonders ineffizienten Diesel-Ersatzkraftstoffen namens OME (Oxymethylenether) ausgerechnet für die Beimischung in konventionellen, fossilen PKW-Diesel.

“Aus unserer Sicht ist das volle Potenzial des Kopernikus-Projektes bislang nicht genutzt worden”, so die Umweltverbände. Die Ergebnisse zeigten, dass die zivilgesellschaftliche Sicht und die sozio-ökonomische Forschung gegenüber der naturwissenschaftlich-ingenieurtechnischen Sicht deutlich unterrepräsentiert seien.

In den Kopernikus-Projekten arbeiten Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam an Lösungen für die Energie der Zukunft, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. BUND und WWF sind als Vertreter der Zivilgesellschaft daran beteiligt.

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