Versorgunssicherheit: Wie verwundbar die Grundlast ist

Erst legt die Dürre das Kernkraftwerk fast still, dann trifft ein Drohnenangriff eine Pipeline. Der Sommer zeigt, woran unsere Energieversorgung wirklich hängt.

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Große Kraftwerke werden als unser Rückgrat der Versorgung behandelt. Das Niedrigwasser zeigt, wie verwundbar dieses Rückgrat ist. Foto: Markus Distelrath

Das Kernkraftwerk Paks in Ungarn liefert normalerweise fast die Hälfte des im Land erzeugten Stroms. Ende Juli lief es jedoch nur noch mit rund einem Zehntel seiner Leistung: Die Donau führte zu wenig und zu warmes Wasser, weshalb drei der vier Blöcke vom Netz gingen. Bereits in den Monaten zuvor hatten Drohnenangriffe im Zuge des Ukraine-Kriegs wiederholt die Öllieferungen des Landes über die Druschba-Pipeline unterbrochen. Zwei verschiedene Ursachen, dasselbe Problem: Wenn ein einzelner Punkt einen so großen Teil der Versorgung trägt, erschüttert ein Ausfall das ganze System.
Große fossile Kraftwerke oder Atomkraftwerke werden als Rückgrat der Versorgungssicherheit behandelt. Mit genau diesem Argument werden in Deutschland derzeit neue Gaskraftwerke ausgeschrieben und der Kohleausstieg verschoben. Doch dieselbe Eigenschaft, die als strategisch wichtig verkauft wird, macht sie verwundbar. Sie bündelt sehr viel Leistung an einem einzigen Standort und ist von Nachschub abhängig, der von außen kommen muss.

Die erste Bruchstelle ist das Kühlwasser. Ein Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerk erhitzt Wasser zu Dampf und muss diesen anschließend wieder abkühlen. Damit ist die Energieversorgung der größte Wassernutzer des Landes: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wird mehr als die Hälfte des in Deutschland entnommenen Wassers zur Kühlung von Kraftwerken verwendet. In Dürrezeiten führen die Flüsse weniger und wärmeres Wasser. Oberhalb von rund 28 Grad dürfen die Anlagen zum Schutz der Gewässer nur noch eingeschränkt einleiten. Genau das drosselt derzeit Reaktoren in Frankreich, Ungarn und Rumänien.
Die zweite Bruchstelle ist der Brennstoff. Steinkohle und Öl erreichen viele Kraftwerke per Schiff oder Pipeline. Am Rhein zeigte sich das schon im Jahr 2022, als die Frachter bei Niedrigwasser nur halb beladen fahren konnten und der Kohlenachschub knapp wurde. In Ungarn wird die Anfälligkeit anhand der Ölpipeline deutlich. Wind und Sonne sind davon nicht betroffen, da sie nicht beliefert werden müssen. Es gibt keine Leitung, die man kappen kann, und kein Schiff, das im Flussbett aufsitzen kann.
Die dritte Bruchstelle ist die Konzentration selbst. Ein einzelner Reaktorblock oder eine Pipeline steht für einen zweistelligen Prozentsatz der Versorgung. Fällt er aus, ist der Verlust sofort groß. Eine Flotte aus Solar- und Windanlagen verteilt dieselbe Leistung dagegen über zehntausende Standorte, der Ausfall eines einzelnen bleibt kaum spürbar.

Wer Versorgungssicherheit will, muss sich fragen, wogegen. Gegen wetterbedingte Flauten helfen steuerbare Kraftwerke und Speicher. Gegen Dürre, Sabotage und die Ballung an wenigen Punkten hilft vor allem Verteilung. Die deutsche Energiepolitik begründet den Ausbau des zentralen Kraftwerksparks derzeit jedoch fast ausschließlich mit der strategischen Notwendigkeit und blendet die anderen Risiken aus. Ungarn führt in diesem Sommer vor, was das bedeutet. Die aktuelle Trockenheit mag vorbeigehen, doch das strukturelle Risiko fossiler und atomarer Kraftwerke bleibt bestehen.

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