Problem Abendlücke: Indiens Solar reicht bis 18 Uhr

Indiens Solarausbau läuft schneller als geplant, doch das Netz hat ein Problem, das mehr Solarpaneele allein lösen können: Mittags produziert die Sonne im Überfluss, am Abend fehlt der Strom genau dann, wenn die Nachfrage steigt. Was fehlt, sind vor allem Speicher. Dieses Strukturproblem ist auch Deutschland bekannt

Mumbai

Sonnenuntergang in Mumbai. Aufgrund des hohen Strombedarfs bei Hitze kam es hier auch zu einem Blackout. Foto:  Anand Bhatt

Indiens Stromnetz hat an diesem Wochenende einen Rekord gebrochen, den niemand feiern wollte. Bei 45,3 Grad in Neu-Delhi forderten Haushalte und Industrie 270 Gigawatt, mehr als je zuvor. Bereits Ende April wurde mit über 250 Gigawatt ein alter Rekord aus dem Vorjahr überboten. Der Sommer kam diesmal Wochen früher als gewohnt und wurde durch das warme Wasser des El Niño, das den Subkontinent überdurchschnittlich aufheizt, begünstigt. Doch die Rekordnachfrage allein war nicht das Problem.

Das Problem zeigt sich im Tagesverlauf. Mittags, wenn die Sonne hochsteht, liefert Indien Solarstrom im Überfluss. In den sonnigsten Stunden deckt er rund ein Viertel des nationalen Bedarfs. Im Jahr 2025 waren es 9,4 Prozent des gesamten Verbrauchs, und der Zubau beschleunigte sich: Allein im Jahr 2025 kamen 37,5 Gigawatt hinzu, was einem Plus von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Doch um 20 Uhr ist die Sonne weg und Klimaanlagen und Geräte laufen weiter. Die Stromnachfrage fällt erst zwischen 18 und 22 Uhr, genau dann, wenn Millionen Klimaanlagen gegen die Hitze des Tages anlaufen und es in der Tropennacht nicht abkühlt. Solarstrom wird in diesem Moment nicht mehr geliefert. Einspringen müssen Kohle- und Wasserkraftwerke. Doch Kohlekraftwerke brauchen Stunden zum Hochfahren und reagieren träge, wenn die Last innerhalb weniger Minuten steil ansteigt. Ein Kraftwerk, das mittags zurückgefahren wurde, weil der Solarstrom es überflüssig gemacht hat, steht abends nicht auf Knopfdruck wieder bereit.

Das Ergebnis war ein Defizit von 2,57 Gigawatt am Abend, wie der nationale Netzregulator Grid India bekannt gab. In Chennai fiel der Strom deshalb für fast eine Stunde aus. Auch in anderen Regionen wie Noida, Neu-Delhi und Odisha kam es zu Stromausfällen. Die Regierung rief die Verbraucher dazu auf, Strom „weise und sparsam” zu nutzen.
Die Lücke verursacht Kosten: Die Central Electricity Authority beziffert das Ungleichgewicht zwischen Mittagsüberschuss und Abendknappheit auf rund 12.000 Crore Rupien im Jahr, umgerechnet etwa 1,3 Milliarden Euro. Was fehlt, sind Batteriespeicher, die den Mittagsüberschuss in den Abend tragen könnten. Bisher hat Indien weniger als eine Gigawattstunde davon am Netz, praktisch nichts. Doch die Pipeline füllt sich: 92 Gigawattstunden sind im Bau oder in Planung und das Ziel liegt bei 346 Gigawattstunden bis 2033. In den letzten zwölf Monaten wurden 69 neue Ausschreibungen gestartet, was einem Anstieg von 35 Prozent gegenüber 2024 entspricht.
Eine erste Auktion für Solarstrom mit sechsstündiger Speicherdauer erzielte Anfang 2026 einen Preis von 3,12 Rupien je Kilowattstunde und ist damit erstmals mit konventionellem Strom konkurrenzfähig.

Das Potenzial ist groß. Laut einer Analyse von IEEFA und Ember könnte Solar plus Speicher 90 Prozent der indischen Stromnachfrage decken, und zwar mit 930 Gigawatt Solar und 2.560 Gigawattstunden Batteriekapazität. Der Engpass liegt jedoch nicht in der Technik oder im Preis, sondern im Tempo. Disha Aggarwal vom Thinktank CEEW mahnt, Indien müsse die Inbetriebnahme der Speicher dringend beschleunigen. Bei 45 Grad Celsius tagsüber und 35 Grad Celsius nachts ist eine Klimaanlage keine Komfortfrage. Fällt der Strom für eine Stunde aus, steigt die Innentemperatur auf Werte, die für ältere Menschen und Kranke lebensbedrohlich werden. Millionen waren in der Nacht des 23. Mai in Chennai, Noida und Odisha betroffen – in Stunden, in denen keine natürliche Abkühlung eintrat. Batteriespeicher sind die technische Antwort. Doch ihr Ausbau dauert Jahre, und die Hitzewellen werden nicht warten.

Quellen: