Ein Start-up bindet CO2 in Pulverform und ersetzt damit klimaschädlichen Zement. In NRW läuft die erste Anlage.

Co-reactive bindet das Treibhausgas in einem feinen Pulver, das im Beton einen Teil des klimaschädlichen Zements ersetzen kann. Foto: David Antonio Cruz Naira
Um die Emissionen zu senken, mischt die Zementindustrie seit Jahrzehnten Flugasche und Hüttensand unter den Zement und ersetzt damit einen Teil des klimaschädlichen Klinkers. Doch beide Stoffe sind Beiprodukte von gestern. Flugasche fällt in Kohlekraftwerken an, Hüttensand im Hochofen. Mit dem Kohleausstieg und der Umstellung der Stahlwerke auf Elektroöfen versiegen diese Quellen. Ein Start-up aus Erkrath nutzt nun genau das, was die Branche loswerden will, um den Ersatzstoff herzustellen: CO2
Co-reactive, 2024 aus der RWTH Aachen ausgegründet, betreibt seit Juli 2026 eine Demonstrationsanlage. Das Verfahren ist eine Art beschleunigte Verwitterung. Dazu werden fein gemahlenes Olivin, ein weitverbreitetes Mineral, und Reststoffe aus der Stahlproduktion in Wasser gemischt und in einen Reaktor unter hohem Druck und hoher Temperatur geleitet. Dort reagiert das eingespeiste CO2 mit den Mineralien zu einem festen Stoff. Was übrig bleibt, wird gefiltert, getrocknet und zu einem feinen Pulver verarbeitet, das im Beton den Zement ersetzen kann. Pro Tonne bindet es nach Unternehmensangaben rund 330 Kilogramm CO2 dauerhaft als Gestein.
Der Reiz liegt im doppelten Effekt. Der neue Zusatzstoff senkt nicht nur die Emissionen des Betons, sondern schließt auch die Lücke, die Flugasche und Hüttensand hinterlassen. Deren Preise sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das CO2 bezieht Co-reactive aus der Nachbarschaft: vom Zementwerk, aus der Müllverbrennung oder aus Biogasanlagen. Die Anlage wurde genau dafür in der Nähe dieser Quellen gebaut. Anfang 2026 kamen rund 6,5 Millionen Euro Startkapital zusammen, unter anderem vom High-Tech Gründerfonds und der NRW.Bank, dazu ein Platz im EIC-Accelerator der EU. Und auch die Wahl des Standorts Nordrhein-Westfalen ist kein Zufall: Etwa ein Drittel der deutschen Zementwerke steht hier.
Die großen Hersteller verfolgen eine andere Strategie. So plant Heidelberg Materials an seinem Werk im nordrhein-westfälischen Geseke, das CO2 aus dem Abgas herauszufiltern, bevor es in die Luft gelangt. Ein weiteres Zementkonsortium erprobt dasselbe in Baden-Württemberg. Das aufgefangene Gas soll anschließend verdichtet und tief unter der Erde eingelagert werden, mit einer Infrastruktur, die es in Deutschland bislang kaum gibt.
Bei Co-reactive soll das CO2 im Bauwerk stecken bleiben. Doch 1.000 Tonnen im Jahr sind wenig gegen den Bedarf einer Industrie, die in Millionen Tonnen rechnet. Erste größere Werke im Zehntausend-Tonnen-Maßstab, die direkt an Zement- und Stahlstandorten errichtet werden sollen, sind bereits für 2027 geplant. Und auch das benötigte Olivin muss abgebaut und transportiert werden, meist aus Norwegen, sodass die CO2-Bilanz erst über den gesamten Lebensweg hinweg zählt. Und wie beim grünen Stahl gilt: Nur weil eine Technik funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass der Markt sie kauft. Neue Zusatzstoffe müssen erst in die Baunormen aufgenommen werden, und gerade bei Baumaterialien ist man vorsichtig.
Quellen:
- Co-reactive: Eröffnung 1.000t Demoanlage – Co-reactive setzt neue Maßstäbe in der Bauindustrie
- Heidelberg Materials: Erstes vollständig dekarbonisiertes Zementwerk in Deutschland
- Bauingenieur: Start-up skaliert Mineralisierungstechnologie
- NRW.GlobalBusiness: Vom Labor auf die Baustelle: Wie Co-reactive aus NRW die Bauindustrie dekarbonisiert
- HTGF: Co-reactive sichert 6.5 Mio. € Seed-Finanzierung für CO2-negative Baustofftechnologie