Energiewende: Breite Zustimmung, aber Zweifel an Umsetzung

IASS misst mit sozialem Nachhaltigkeitsbarometer,  ob Deutsche Energiewende gerecht finden

Die Energiewende ist eingeleitet – aber wie bewerten die Deutschen die bisherige Umsetzung? Sind die Belastungen sozial gerecht verteilt? Was hält die Bevölkerung vom Kohleausstieg? Welche Parteien kommen mit ihren energiepolitischen Konzepten bei den Bürgern an? Wie stark ist der Wunsch nach mehr Mitsprache bei welchen Bevölkerungsgruppen? Das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer zur Energiewende von IASS, Dynamis,  der 100-Prozent-Erneuerbare-Stiftung und der innogy-Stiftung hat erstmals die Meinungen der Bevölkerung zu den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Energiewende umfassend erhoben und am 14.11.2017 im Rahmen eines Pressegesprächs in Berlin präsentiert.

[note Das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer zur Energiewende zeigt, wie eine gerechte Verteilung der Energiewendekosten aus Sicht der Befragten aussieht – Grafik: © IASS-Potsdam.de]

Was halten die Deutschen von der Energiewende?

Über 7.500 deutsche Bürger wurden zu den Herausforderungen der Energiewende, der Zukunft der fossilen Energieträger, den Auswirkungen auf den Alltag, ihrem persönlichen Beitrag und ihren Gerechtigkeitsvorstellungen befragt. Demnach befürworten zwar 88 % der Deutschen die Energiewende, quer durch alle Bildungs-, Einkommens- und Altersgruppen und politischen Präferenzen, auf dem Land wie in den Städten. Rund zwei Drittel sehen jedoch eine soziale Schieflage bei der Energiewende. Mehr als 65 % sind der Meinung, dass die kleinen Leute die Kosten der Energiewende tragen, während Unternehmen und Wohlhabendere eher davon profitieren. Eine breite Mehrheit wünscht sich, dass Vielverbraucher stärker an der Finanzierung der Energiewende beteiligt werden sollen. Fast die Hälfte der Bevölkerung (49 %) ist mit der Politik der Großen Koalition bei der Umsetzung der Energiewende unzufrieden. Gleichzeitig sehen 84 % den Staat in der Verantwortung, eine ausreichende Energieversorgung für alle Menschen in Deutschland sicherzustellen.

Das sind zentrale Ergebnisse des 2017 erstmals erstellten Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers zur Energiewende, die am 14.11.2017 im Rahmen eines Pressegesprächs in Berlin vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS), der 100 prozent erneuerbar Stiftung und der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft vorgestellt wurden, die zusammen die Partnerschaft dynamis bilden.

Breiter Konsens für die Energiewende

Die große Mehrheit der Deutschen befürwortet die Energiewende (88 %), will sich selbst daran beteiligen (75%), hält die Förderung von erneuerbaren Energien (84 %), das Energiesparen (80 %) und die Energieeffizienz (85 %) für richtig. „Die Energiewende ist in allen gesellschaftlichen Gruppen als Zielsetzung fest verankert und positiv besetzt. Und das über alle Parteien hinweg“, erklärt Daniela Setton, IASS-Wissenschaftlerin und Hauptautorin der Studie. Durchschnittlich über 87 % der Anhänger von CDU/CSU, SPD, FDP, Linke und Bündnis 90/Die Grünen und 59 % der AfD-Anhänger befürworten sie. Selbst unter Klimaskeptikern sprechen sich 77 % für die Energiewende aus.

„Ein überraschendes Ergebnis für uns war, dass der Kohleausstieg eine ähnlich hohe Zustimmung erhält wie der Atomausstieg“, hebt Daniela Setton hervor. Fast zwei Drittel der Bevölkerung (63 %) stimmen einem Ausstieg aus der Kohle zu. Das gilt auch mehrheitlich für die vier Bundesländer mit Braunkohleabbau (Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt). In dem Kohlestandort Nordrhein-Westfalen befürworten einen Ausstieg sogar 60 %. Den Atomausstieg befürworten 68 % der Bevölkerung.

Kritik an sozialer Schieflage bei der politischen Umsetzung

Bei den Themen Gerechtigkeit, Kosten, Steuerung und Bürgernähe der Energiewende überwiegen skeptische Einschätzungen. So halten zwei Drittel der Deutschen die Energiewende für teuer. 73 % sind der Meinung, dass sie zu erhöhten Strompreisen führt. Insbesondere bei den einkommensschwächeren Haushalten ist die Einschätzung, dass die kleinen Leute die Kosten der Energiewende tragen, weit verbreitet (71 %), aber auch 57 % der einkommensstärkeren Haushalte teilen diese Ansicht.

„Fast jeder zweite Deutsche hält die Energiewende für eher ungerecht, nur jeder Vierte für eher gerecht. Das ist ein deutliches Signal. Energiepolitische Maßnahmen sollten stärker auf ihre soziale Verträglichkeit abgeklopft und einkommensschwache Haushalte gezielt unterstützt werden“, betont Ortwin Renn, Wissenschaftlicher Direktor am IASS und Projektleiter der Studie. „Erstaunlich dabei ist: Die Menschen, die sich finanziell und wirtschaftlich eher negativ von der Energiewende betroffen fühlen, befürworten diese dennoch. Die Politik kann mit breitem Rückhalt rechnen – erst recht, wenn sie die Energiepolitik künftig sozial nachhaltig ausgestaltet.“

Schlechte Zeugnisse für die energiepolitische Kompetenz der Parteien – SPD-Anhänger trauen Grünen mehr Energie-Kompetenz zu

Keine der im Bundestag vertretenen Parteien kann mit ihrem Konzept zur Umsetzung der Energiewende mehrheitlich überzeugen. So finden 23 %, dass „keine Partei“ die besten Konzepte habe; 20 % sehen diese Kompetenz bei Bündnis 90/Die Grünen. Alle anderen Parteien schneiden teils deutlich schlechter ab: Nur 15 % sehen die besten Konzepte bei CDU/CSU, 7 % bei der SPD, 3 % bei der Linken, 2 % bei der FDP und 1 % bei der AfD. Der Partei Bündnis 90/Die Grünen sprechen zumindest die eigenen Anhänger mit großer Mehrheit (74 %) zu, die besten Konzepte für die Energiewende zu haben. Den anderen Parteien gelingt dies deutlich weniger. Die SPD-Anhänger trauen der Partei Bündnis 90/ die Grünen mit 29 % sogar mehr Kompetenz in Sachen Energiewende zu als ihrer eigenen Partei (26 %).

Folgt: Appell an Politik zu mehr staatlicher Verantwortung