Die Klimaschutzlüge

Koalitionsverhandlungen offenbarten fehlendes Interesse an Umsetzung des Pariser Abkommens
Fachaufsatz von Volker Quaschning in erneuerbareenergien

Auch Monate nach der Bundestagswahl wissen wir nicht, wohin eine künftige Regierung in den Themen Energiewende und Klimaschutz steuert. Immerhin: Mit Ausnahme der AfD, die sogar einfache physikalische Hintergründe des Klimawandels nicht verstanden hat, stehen offiziell alle relevanten Parteien zum Klimaschutz. Selbst bei der FDP findet sich im Wahlprogramm der Satz: „Grundlage unseres Handelns ist … das Pariser Klimaschutzabkommen.“ Wirksame Maßnahmen dazu? Bislang Fehlanzeige.

Selbst die Grünen hadern mit dem Klimaschutz. Im Wahlkampf forderten sie CO2-Neutralität bis 2050 und ein Ende der Verbrennungsmotoren bis 2030 – zu spät für die 1,5-Grad-Grenze des Pariser Klimaschutzabkommens. Mehr, meint die Grünen-Parteiführung, sei nicht vermittelbar. So bleiben die Klimaschutzbekenntnisse aller Parteien am Ende nur schöne Worte.

Mit den Extremwetterereignissen des vergangenen Jahres funkt das Klima aber bereits jetzt schon SOS. Um mehr als ein Grad Celsius ist die globale Durchschnittstemperatur seit dem Beginn der Industrialisierung gestiegen – fast ein Drittel dessen, was in den 20.000 Jahren davor passiert ist. Nur ein völliger Stop der globalen Erwärmung könnte katastrophale Klimaänderungen noch verhindern. Steigt der Bedarf an fossilen Energieträgern weiter kontinuierlich an, ist ein Temperaturanstieg um mehr als vier bis fünf Grad Celsius möglich – mehr als die bisherige Erwärmung seit der letzten Eiszeit.
[note Ausstieg aus der Kohle? Wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, müssen Kohlemeiler geschlossen werden – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für Solarify]
Ruhig Blut, sagen einige: Die Menschheit hat die letzte Eiszeit auch überlebt. Doch damals war unser Planet dünn besiedelt. Die Menschen konnten den schlechter werdenden Umweltbedingungen ausweichen. Heute würden vergleichbare Temperaturveränderungen mit einem langfristigen Meeresspiegelanstieg von vielen Metern die Lebensgrundlagen von Hunderten Millionen Menschen zerstören. Bereits 2016 mussten weltweit 23,5 Millionen Menschen wegen klimabedingter Ereignisse wie Stürmen und Überschwemmungen fliehen. Mit den noch geringen Fluchtbewegungen kommen wir schon nicht zurecht. Wenn langfristig möglicherweise ein Drittel der Menschen wegen veränderter klimatischer Bedingungen umsiedeln muss, dürfte das Leben auf dem Planeten apokalyptische Züge annehmen.

Politiker haben nicht verstanden

Vor zwei Jahren hat die Weltgemeinschaft in Paris nicht weniger als die Rettung der für Menschen bewohnbaren Erde beschlossen. Der Deutsche Bundestag hat das Abkommen 2016 einstimmig ratifiziert. Die meisten Politiker haben aber offensichtlich gar nicht verstanden, worüber sie abgestimmt haben.

Das Kohlendioxidbudget, das wir für das Einhalten der Pariser 1,5-Grad-Grenze noch emittieren dürfen, wird voraussichtlich schon in den 2030er-Jahren erschöpft sein. Spätestens dann muss unsere Energieversorgung vollständig CO2-neutral sein. Wenn wir den Klimaschutz wirklich ernst meinen, brauchen wir also 100 Prozent Erneuerbare Energien in den nächsten 20 Jahren, nicht erst weit nach 2050. Der nötige jährliche Zubau beträgt dazu für die Photovoltaik 15 GW, für die Onshore-­Windkraft 6 GW. Wir brauchen sehr schnell große Speicherkapazitäten, spätestens 2025 ein Aus für den Verbrennungsmotor und 2020 einen Abschied von der Öl- und Gasheizung. Ein baldiger kompletter Kohleausstieg ist ebenfalls gesetzt. Wir müssen auch unseren Lebensstil und unsere Ernährungsgewohnheiten überdenken. Das alles wird unsere Gesellschaft radikal verändern. Und das wird viele treffen, die vom alten umweltzerstörenden System profitieren, was die massiven Widerstände erklärt.

Folgt: Jährlich mehr als 10 GW PV-Zubau nötig