“Wechselseitiges, bilaterales Lernen zur Beschleunigung der Energiewende”

Prof. Peter Hennicke, Wuppertal-Institut, im Solarify-Selbst-Gespräch über die deutsch-japanische Zusammenarbeit

Eine globale Energiewende halten viele Experten aus Gründen des Klimaschutzes und der Risikominimierung für dringend notwendig. Als führende Industrienationen haben Japan und Deutschland eine besondere Verantwortung, eine Vorreiterrolle in der Implementierung der Pariser Klimavereinbarung einzunehmen und einen maßgeblichen Beitrag zur Dekarbonisierung der Weltwirtschaft zu leisten; daher arbeiten sie seit Mai 2016 in energiepolitischen und -wirtschaftlichen Schlüsselfragen zusammen, um Empfehlungen für Politik, Industrie und Zivilgesellschaft zu geben und somit neue und langfristige Perspektiven auf dem Weg zum ambitionierten Ziel der Energiewende aufzuzeigen.

Ist die globale Energiewende überhaupt realisierbar und welche Rolle kann die deutsch-japanische Kooperation dabei spielen? 

Eine Welt ohne Öl, Kohle, Gas und Uran war in den 80er Jahren nur ein Thema für wenige Visionäre wie Amory Lovins oder – in Deutschland – Autoren des Öko-Instituts. Heute hält selbst der Mainstream in Energiewissenschaft und -wirtschaft eine globale Energiewende und eine vollständige Dekarbonisierung – oder besser: “Defossilisierung” – des Energiesystems für ein prinzipiell realisierbares Projekt. Energieeffizienz und Erneuerbare Energien sind dabei die Grundlage. Aber einfache Blaupausen gibt es nicht; die jeweiligen Rahmenbedingungen sind zu unterschiedlich.

Die dreifache Katastrophe von Fukushima war sowohl in Deutschland als auch in Japan ein Wendepunkt bei der Neubewertung der Risiken der Atomenergie, aber auch der Chancen der Alternativen. Denn eine forcierte Effizienzsteigerung und der Ausbau Erneuerbarer Energien können in Verbindung mit der E-Mobilität und der Sektorkopplung auch mit dem Wärme- und Kältemarkt eine Revolution bei Effizienztechniken, Stromspeichern, Informations- und Kommunikationstechniken und anderen innovativen Elementen im Sektor nachhaltige Energien auslösen. Man kann auf Basis der hohen Innovationsstärke von Japan und Deutschland eine neue Dynamik bei Technologien der Energie- und Ressourcenwende und wesentliche Impulse für nachhaltige Entwicklung in Japan, Deutschland und weltweit erwarten.

In einer Zeit, in der von der Regierung der USA wenig Unterstützung für Klimapolitik erwartet werden muss, kann mit neuen Allianzen und durch vertiefte Kooperation weltweit auf umweltfreundliche Investitions- und Innovationsdynamiken anderer Länder gesetzt werden. Die Hochtechnologieländer Japan und Deutschland sind hierfür prädestiniert.

Japan hat über Jahrzehnte in vielen Bereichen schon eine Vorbildfunktion eingenommen, etwa in technischer Hinsicht bei Wasserstoff, E-Mobilität, Speicher und ICT oder in energiepolitischer Hinsicht beim Top-Runner-Programm.

[note Das 1999 eingeführte japanische Top-Runner-Programm setzt Energieeffizienzstandards für energieintensive Produkte wie Haushaltsgeräte und Kraftfahrzeuge in 23 Produktkategorien. Die Effizienzziele sollen innerhalb einer bestimmten Frist auf der Grundlage des effizientesten Modells auf dem Markt (der “Top Runner”) erreicht werden. Das Top-Runner-Label treibt Unternehmen an, immer effizientere Modelle zu entwickeln, um sich die Auszeichnung als “Top Runner” Japans zu verdienen.]

In Verbindung mit Erfahrungen bei der Energiewende in Deutschland könnte es gelingen, wichtige Fortschrittsimpulse auch für eine globale Energiewende in Asien und Europa zu entwickeln. Denn die Technologie- und Innovationsfelder zur Eindämmung des Klimaproblems können in wirtschaftlicher Hinsicht als Chance für eine globale Innovationsdividende durch verstärkte Kooperation von Hochtechnologieländern gesehen werden.

Folgt: Beobachter der japanischen Energiepolitik fragen häufig, warum die japanische Regierung nach der Katastrophe von Fukushima immer noch an der Kernenergie festhält. Welche Gründe gibt es dafür?