Jährlich 200 Güterwaggons Stickstoff in die Ostsee

Cyanobakterien vermehren sich explosionsartig

Als Folge der Überdüngung mit Nährstoffen und der Hitzewelle vermehren sich Bakterien und Algen explosionsartig.  Besonders die giftigen Cyanobakterien (Blaualgen) sind gefürchtet. Sie können Haut- und Schleimhautreizungen auslösen, Bindehautentzündung, Ohrschmerzen, aber auch Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. An der polnischen Ostsee mussten einige Strände gesperrt werden. Auch an der deutschen Ostseeküste wurden schon Blaualgen festgestellt – so eine Medienmitteilung der Bundestagsfraktion Bündnis90/Grüne und zahlreicher Medien über die Antwort des BMU*) auf eine Frage der Abgeordneten Steffi Lemke.

Algen und Todeszonen in der Ostsee

Die Ostsee ist überdüngt: Jährlich schwemmen die zulaufenden Flüsse das Äquivalent von 200 Güterwaggons Stickstoff in die Ostsee. Hauptverursacher für die Algenschwemme auf dem Meer und den riesigen Todeszonen am Grund der Ostsee: Die Überdüngung von Ackerflächen – aus ihnen kommen etwa 80% der Stickstoffe in den Ostseezuflüssen Oder, Schwentine, Warnow, Peene und Trave. Über das Grundwasser sowie die Entwässerung der Böden durch Gräben und Rohre gelangt der überschüssige Stickstoff direkt in die Flüsse und in die Ostsee. Das bestätigt die Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine schriftliche Frage der Grünen.
[note 2016 gelangten demnach 11.943 Tonnen Stickstoff aus Deutschland in die Ostsee. Im Jahr 2006 waren es nach Daten des Umweltbundesamts (UBA) 15.327 t. Zwischenzeitlich (2007) gab es aber auch einen Spitzenwert von 28.873 t. Der niedrigste Wert in der Zehn-Jahres-Spanne waren 2014 9630 t . Bei Phosphor gab es von 2006 bis 2016 einen Rückgang von 437 auf 371 t. Ein zwischenzeitliches Hoch gab es 2011 mit 842 und 2014 ein Tief mit 357 t. Beim Schwermetall Blei lag der Eintrag 2006 bei 1,2 t, 2016 waren es 417 kg.]

Keine Gülle mehr in die Ostsee

Erschreckend – so die Mitteilung der Grünen – sei auch der Verlauf der Einträge über die vergangenen Jahre gesehen. Obwohl die Problematik der Überdüngung und Todeszonen in der Ostsee seit langem bekannt sei, habe die Bundesregierung keine wirksamen Maßnahmen auf den Weg gebracht, die Nährstofffrachten signifikant zu verringern. Der Trend stagniere auf viel zu hohem Niveau, bzw. nehme nur leicht ab.

Forderung der Grünen: “Wir brauchen endlich einen Stopp der Überdüngung in der Landwirtschaft – durch ein Ende der Massentierhaltung, eine strengere Düngeverordnung und eine Agrarwende hin zu einer umweltverträglichen Landwirtschaft. Ansonsten werden wir in Zukunft noch häufiger vor Badeverbotsschildern stehen.”

[note  Im Wortlaut: Antwort des BMU auf Frage der Abgeordneten Steffi Lemke.
“Sehr geehrte Frau Kollegin,
Ihre Schriftliche Frage mit der Arbeitsnummer 8/019 vom 2. August 2018 (Eingang im Bundeskanzleramt am 2. August 1018) beantworte ich wie folgt:

Frage 8/019 – ‘Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Nähr- und Schadstoffeinträge in die Ostsee aus Deutschland im Verlauf der letzten zehn Jahre (bitte tabellarisch für die Jahre aufführen), und welche Haupteintragspfade sind für die Nährstofffrachten in den Flüssen Oder, Peene, Warnow, Trave und Schwentine verantwortlich?’

Antwort: Die Nähr- und Schadstoffeinträge aus Deutschland in die Ostsee in den Jahren 2006 bis 2016 sind der Tabelle I zu entnehmen (siehe Naehr_und_Schadstoffe_in_der_Ostsee.pdf, Anhang I). Die jährliche Höhe der Frachten schwankt zum Teil erheblich, beeinflusst durch die unterschiedlichen Abflussmengen im Jahr. In niederschlagsreichen Jahren werden mehr Nähr- und Schadstoffe in die Ostsee eingetragen als in niederschlagsarmen. Insgesamt sind stagnierende bzw. leicht abnehmende Trends in den Nähr- und Schadstoffeinträgen zu verzeichnen.
Nach den Berechnungen der bundesweiten Stoffeintragsmodellierung mit dem Modell Modeling of Regionalized Emissions (MoRE) ist der Eintrag aus landwirtschaftlichen Flächen die Haupteintragsquelle für die Nährstofffrachten in den Ostsee-zuleitenden Flüssen. Für die betrachteten Gewässer wird der größte Teil des Stickstoffs über landwirtschaftlich genutzte Flächen (ca. 80 Prozent) in die Gewässer eingetragen. Dies geschieht hauptsächlich über den Grundwasserpfad und über Dränagen. Phosphor wird etwa zur Hälfte über landwirtschaftlich genutzte Flächen, hier vor allem durch Erosion, aber auch durch Oberflächenabfluss und Dränagen eingetragen. Phosphor gelangt aber auch im wesentlichen Maßstab über kommunale Kläranlagen und Kanalisationssysteme (Mischwasserüberläufe, Regenwassereinleitungen, Kleinkläranlagen) (zu ca. 40 Prozent) in die Gewässer. Zwischen den einzelnen Flusseinzugsgebieten gibt es kleinere Unterschiede. Eine genauere Aufschlüsselung kann den Abbildungen I und 2 in Anhang 2 entnommen werden.” Unterschrift: Florian Pronold]

30 Jahre für Wasseraustausch

Das Europäische Parlament hat schon 2013 ein Verbot für Phosphate als Waschmittelzusatz beschlossen. Ab dem 30.06.2013 heiße es „aufatmen“ für die Ostsee, teilt der WWF damals mit. Denn vor allem das Binnenmeer leidet bislang unter den enthärtenden Bestandteilen in Reinigungsmitteln. „Das ist ein großer Erfolg für die Ostsee. Über fünf Jahre haben wir dafür gekämpft“, sagte Jochen Lamp (WWF). „Die Phosphatbelastung ist eines der ökologischen Hauptprobleme der Ostsee. Nach wie vor stammt der Großteil aus der Landwirtschaft. Das Verbot für Wasch- und Geschirrspülmittel ist jedoch die kostengünstigste Lösung, die weitere Verschmutzung des Ökosystems zu begrenzen.“ Bei Phosphaten handelt es sich um Salze mit der Fähigkeit, Wasser zu enthärten. In Waschmitteln eingesetzt, unterstützen sie die chemische Reaktion von reinigenden Tensiden. Auf pflanzliche Organismen wirken sie jedoch wachstumsfördernd. Daher werden sie auch als Dünger in der Landwirtschaft verwendet.

Das Ostseewasser wird nur sehr langsam ausgewechselt. “Die Ostsee braucht 30 bis Jahre, um einmal den ganzen Wasserkörper auszutauschen”, sagte Jochen Lamp, Meeresexperte der Umweltorganisation WWF. In der Nordsee dauere das nur etwa vier Jahre. Sauerstoffreiches, frisches Wasser gelange vor allem mit Weststürmen in die Ostsee, die Wasser aus der Nordsee brächten. “Inzwischen ist der Wasserkörper der Ostsee auch in küstenfernen Bereichen überdüngt”, sagte Lamp laut Süddeutscher Zeitung der Deutschen Presseagentur. Früher sei das Problem auf Buchten und die Umgebung von Kläranlagen begrenzt gewesen.

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