Nationale Wasserstoffstrategie soll Deutschland an die Spitze bringen

Bundesregierung will mit 31 Maßnahmen den Zukunftsenergieträger fördern

Grüner Wasserstoff (grün, weil mithilfe Erneuerbarer Energien erzeugt) soll der Energiewende den entscheidenden Schub verleihen. Im BMWi-Entwurf einer “Nationalen Wasserstoffstrategie” – deren Besitz zahlreiche Redaktionen für sich reklamieren (etwa SPIEGEL, FAZ, Handelsblatt, Reuters, dpa) – heißt es, CO2-freier Wasserstoff müsse eine “zentrale Rolle” bei der Energiewende spielen. Deshalb sollen Erzeugung, Verteilung und Verwendung von Wasserstoff verbessert, Versorgungsinfrastrukturen aufgebaut, Forschung und Innovationengefördert werden. Bis 2030 sollen Elektrolyseure mit einer Gesamtleistung von drei bis fünf Gigawatt installiert werden. Die Nationale Wesserstoffstrategie ist jetzt in die Ressortabstimmung gegangen.

Wirtschaftsminister Altmaier braucht dringend Erfolge und hat deshalb ehrgeizige Ziele: Deutschland habe die Chance, „im internationalen Wettbewerb eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung und dem Export von Wasserstoff-Technologien einzunehmen“, heißt es in seiner „Nationalen Wasserstoffstrategie“,  welche die Bundesregierung ursprünglich bereits bis zum Ende des vergangenen Jahres vorstellen wollte. Wasserstoff biete „große industriepolitische Chancen; um diese Potenziale zu heben, werden wir jetzt die Weichen stellen, dass Deutschland seine globale Vorreiterposition sichert.“ Bis 2030 sollen insgesamt 20 Prozent des bei uns verbrauchten Wasserstoffs „grün“ sein.

Deutsche Unternehmen seien bereits weltweit führend in Wasserstofftechnologien, heißt es in dem Plan. “Um diese Potenziale zu heben, werden wir jetzt die Weichen dafür stellen, dass Deutschland bei Wasserstofftechnologien seine globale Vorreiterposition sichert.” Dazu sollen im Rahmen von Fördermaßnahmmen für die Industrie die heute noch hohen Produktionskosten gesenkt und Wasserstoff-Antriebe für Fahrzeuge sowie eine wettbewerbsfähige Zulieferindustrie rund um die Brennstoffzellen-Technologie unterstützt werden. Zudem soll der Einsatz von Wasserstoff in der Treibstofferzeugung auf die CO2-Bilanz (Minerungsquote) angerechnet werden. Vorausasetzung dafür sei der Ausbau eines Wasserstoff-Tankstellennetzes, heißt es in der 21 Seiten langen Strategie, die insgesamt 31 Einzelmaßnahmen vorsieht. Die Studie soll auch untersuchen, welche rechtlichen Rahmenbedingungen für den industriellen Einsatz von grünem Wasserstoff nötig sind.

„Bei der Nationalen Wasserstoffstrategie müssen wir grün, global und groß denken“, sagte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) dem Handelsblatt (so die Autoren Barbara Gillmann und Klaus Stratmann am 30.01.2020). Man sei in den Beratungen „auf einem guten Weg“, ergänzte sie. „Die Strategie muss nun bald zum Abschluss kommen“, drängt die Ministerin, denn „die Nachfrage nach grünem Wasserstoff wird viel größer sein als vielfach angenommen“. Daher brauche Deutschland „Vorfahrt bei der Regulierung für grünen Wasserstoff, neue Lieferketten für seinen Import und einen klaren Fahrplan für den Umstieg vor allem dort, wo wir ihn am dringendsten brauchen, zum Beispiel in der Industrie“.

Klimabilanz problematisch, solange blauer Wasserstoff im Spiel ist

Viele deutsche Unternehmen, etwa in den Branchen Stahl, Chemie oder Zement, bereiten sich mit Milliardenaufwand darauf vor, ihre Prozesse umzustellen. Allerdings brauchen sie dazu Wasserstoff in enormen Mengen. Aber auch im Verkehrssektor oder zur Wärmeerzeugung in Wohngebäuden kann Wasserstoff grundsätzlich bei der Dekarbonisierung helfen. Der Strategieentwurf geht davon aus, dass Deutschland den Bedarf an klimafreundlichem Wasserstoff nicht aus eigener Kraft decken kann. Der

Stellen mit besonders hoher Solarstrahlung oder Windintensität – hier kann Grüner Wasserstof billig produziert und dann per Tankschiff nach Europa transportiet werden – Grafik © Dii GmbH

Wasserstoff wird kaum im Inland zur Verfügung stehen können, muss also nach Expertenmeinung importiert werden, etwa in Nordafrika: Die alte Desertec-Idee bekommt neuen Schwung (siehe solarify.eu/wuesten-wasserstoff-neuer-anlauf-mit-desertec-3-0). Daher soll die Bundesrepublik Energiepartnerschaften eingehen, vor allem mit afrikanischen Staate, aber auch mit Australien (siehe: solarify.eu/schloegl-deutsch-australische-wasserstoff-arbeitsgruppe-in-planung).

Voraussetzung ist zwar, dass der Wasserstoff selbst vollständig “grün”, also CO2-frei ist. Aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums ist aber auch „blauer Wasserstoff“ eine Option – zumindest für den Einstig in die Wasserstoff-Wirtschaft. Dieser wird etwa aus Erdgas hergestellt. Das bei der Produktion frei werdende CO2 wird abgeschieden und gespeichert (Carbon Capture and Storage, CCS). Während die grüne Wasserstoffproduktion noch in den Kinderschuhen steckt, bieten Lieferanten aus Norwegen und Russland blauen Wasserstoff an. Diw Strategie vermeidet es denn auch wohlweislich, zwischen „grünem“ und „blauem“ Wasserstoff klar zu unterscheiden. Stattdessen heißt es „CO2-freier“ oder „CO2-neutraler“ Wasserstoff – das schließt nach Definition des Wirtschaftsministeriums blauen Wasserstoff ausdrücklich ein. Das aber – so die Handelsblatt-Autoren – berge “Sprengstoff für die Diskussion, vor allem mit dem Umweltministerium. Viele Klimaschützer sehen es als Makel an, dass blauer Wasserstoff zwingend mit der CCS-Technologie verbunden ist. Die Grünen melden schon Kritik an: ‘Gut erkannt, dass nur grüner Wasserstoff nachhaltig ist – blöd, dass die Bundesregierung mit ihrer Blockade bei den Erneuerbaren dem selbst die Grundlage entzogen hat und jetzt blauen und damit fossilen Wasserstoff für die nächsten Jahre in den Mittelpunkt ihrer Strategie stellen muss’, sagte deren energiewirtschaftliche Sprecherin Ingrid Nestle.”

Die Maßnahmen

„Vielversprechende Ansätze, bei denen eine signifikante Netzentlastung zu angemessenen Preisen gewährleistet ist und die Wettbewerbsfähigkeit im Wasserstoffmarkt gewahrt bleibt, wollen wir im Rahmen von ein bis zwei Modellprojekten testen. Der Änderungsbedarf des regulatorischen Rahmens zur Schaffung der dafür notwendigen Voraussetzungen wird geprüft“.

Die Strategie empfiehlt aus diesem Grund, ein verlässliches internationales System zum Nachweis für Strom aus erneuerbaren Energien und CO2-freiem Wasserstoff zu schaffen. „Um den mittel- und langfristigen Bedarf zu decken, brauchen wir zudem Energiepartnerschaften mit Lieferländern.“

Außerdem heißt es in dem Papier, eine „ambitionierte Quote für erneuerbare Energien im Verkehr wird Anreize für Wasserstoff oder dessen Folgeprodukte als Kraftstoffalternativen im Verkehr schaffen“. Der Einsatz von CO2-freiem Wasserstoff bei der Herstellung von konventionellen Kraftstoffen in den Raffinerien könne einen Beitrag zur Reduktion der Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor leisten.

„Nationaler Wasserstoffrat“ – „Nationale Geschäftsstelle Wasserstoff“

Das Ministerium drückt aufs Tempo. Noch im ersten Quartal 2020 soll neben der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie ein „Nationaler Wasserstoffrat“ aus zwölf Experten gegründet werden, mit einem erfahrenen “Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft“ an der Spitze. Der Rat soll Vorschläge und Handlungsempfehlungen zur Umsetzung der Wasserstoffstrategie geben. Unterstützen soll sie eine neue „Nationale Geschäftsstelle Wasserstoff“, die auch das Monitoring der Wasserstoffstrategie verantwortet.

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