Kreislaufwirtschaft für Solarmodule? Das ist im Aufbau: Die erste industrielle Recyclinglinie des Landes schafft 14.000 Tonnen im Jahr. Bis 2030 werden in Deutschland jährlich rund 400.000 Tonnen Altmodule erwartet.

Solarmodule an einer Gebäudefassade: Am Ende ihrer Lebensdauer landen sie meist im Schredder. Dabei gehen Silber, Silizium und Glas verloren. Ein Magdeburger Startup hält 98 Prozent im Kreislauf. Foto: Rayyân
Wenn ein Solarmodul nach Jahrzehnten vom Dach genommen wird, landet es oft im Schredder. Dabei gehen die wertvollen Bestandteile wie Silber, Silizium und ein Großteil des Glases verloren. Das Magdeburger Unternehmen Solar Materials will das ändern und gibt an, 98 Prozent des Modulgewichts zurückzugewinnen. Und: ohne den Einsatz von Chemikalien.
Das 2021 gegründete Start-up betreibt seit April 2025 die erste industrielle Recyclinglinie für Photovoltaikmodule in Deutschland. Zuvor hatte das Unternehmen eine Pilotanlage mit einer Jahreskapazität von 3.000 Tonnen in Betrieb. In diesem Jahr erhöhte es die Kapazität auf 14.000 Tonnen und kündigte weitere Ausbauschritte sowie neue Standorte in Italien und Großbritannien an.
Anstatt das Modul wie üblich zu zerkleinern, zerlegt eine robotergestützte Linie es schrittweise. Zunächst wird der Aluminiumrahmen abgenommen, dann wird die Glasscheibe gelöst, die rund zwei Drittel des Gewichts ausmacht. Übrig bleibt der Zellverbund, aus dem sich Silizium, Silber und Kupfer trennen lassen. Damit die Maschine weiß, wie sie ein bestimmtes Modul behandeln muss, gleicht sie dessen Barcode mit einer Datenbank des Fraunhofer-Centers für Silizium-Photovoltaik ab. Der Prozess wird automatisch angepasst.
Die Bilanz fällt laut Unternehmen deutlich aus: Gegenüber der Gewinnung aus Primärrohstoffen spart das Verfahren bis zu 95 Prozent Energie und senkt den CO2-Ausstoß um bis zu 80 Prozent. Geschäftsführer Dr. Jan-Philipp Mai begründet den Ansatz auch geopolitisch: Jede Tonne, die in Europa recycelt wird, hält wertvolle Materialien auf dem Kontinent – Rohstoffe, die sonst importiert werden müssten.
Das Vorhaben wird unter anderem von der landeseigenen IBG Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt sowie privaten Kapitalgebern finanziert. Mehr als 6,5 Millionen Euro flossen als Förderung, darunter Unterstützung aus dem EIC-Accelerator der EU. Dass zurückgewonnene Rohstoffe industriell weiterverwendet werden können, zeigt nicht nur der chinesische Hersteller Trina Solar, der sie bereits im industriellen Maßstab in neuen Modulen einsetzt. Auch das aufbereitete Solarglas von Solar Materials selbst findet Abnehmer: Der deutsche Glasrecycler Reiling übernimmt die Scherben direkt in seine Produktion.
Die Frage der Größenordnung bleibt. Den bis 2030 allein in Deutschland erwarteten 400.000 Tonnen Altmodulen steht eine Anlage mit einer Kapazität von 14.000 Tonnen gegenüber. Global rechnet die Branche mit acht Millionen Tonnen pro Jahr. Der modulare Aufbau der Technik soll schnelles Wachstum ermöglichen. Die Massen ausgedienter Module, die in den kommenden Jahren anfallen, lassen als sinnvolle Alternative zum Schredder nur eines: Kreislaufwirtschaft für Solarmodule.
Quellen:
- AGC-Glass: AGC Glass Europe and SOLAR MATERIALS announce a strategic partnership to advance on PV flat glass circularity
- solar materials: Solarpaneel Recycling-Revolutionfür wirklich grüne Energie
- KFW Gründer: Silber statt Schrott
- bvse: Solar Materials und Reiling schließen gemeinsam Kreislauf für Solarglas