Von Weizsäcker: “Zerstörerischer Fortschritt ist kein Fortschritt, sondern Rückschritt”

Ernst Ulrich von Weizsäcker im Solarify-Selbst-Gespräch

…also wenn Sie mich fragen: Wie lange geht das „Höher, schneller, weiter“ um jeden Preis noch gut? Wie lange halten wir die zwanghafte Kurzfristigkeit noch aus?

Nicht allzu lange. Die Beschleunigungsspirale ist selbstmörderisch. Ein System, in dem immer der Schnellere gewinnt, ist instabil. In seinem Buch „Der flexible Mensch“ beschreibt Richard Sennett dies als „Kultur der Kurzfristigkeit“. Akteure, die sich nur an der kurzfristigen Gewinnerzielung orientieren, zehren die zivilisatorischen Grundlagen des Kapitalismus und damit ihres eigenen Erfolges auf. Sennetts Fazit: Die Wiedergewinnung von Stetigkeit und Verlässlichkeit könnte zum größten kulturellen Verlangen unserer Zeit werden. Denn erst Langsamkeit und Fehlerfreundlichkeit schaffen die nötige Zeit zum Erproben.

Der Naturphilosoph Klaus Michael Meyer-Abich geht sogar noch weiter. Er fordert angesichts der Umweltkrise die Wiederentdeckung der Sesshaftigkeit. Vor rund 10.000 Jahren, in der „neolithischen Revolution“, wurden aus umherstreifenden Nomaden sesshafte Bauern. Die Sesshaftigkeit war Voraussetzung für die Entwicklung des Homo sapiens. Es wurde zur Selbstverständlichkeit, dass man das Land, auf dem man lebte, nicht zerstörte. Nomaden kannten diese Fürsorglichkeit nicht. Wir sollten darüber nachdenken, die Sesshaftigkeit der Mobilität vorzuziehen, so Meyer-Abich.

Wie können wir die Kurzfrist-Mentalität ändern? Wie längerfristiges Denken populär machen?

Wichtig ist die Einsicht, dass kulturelle Verkurzfristigung unsere Welt destabilisiert. Und dass der angloamerikanische Glaube an die selbstheilenden Kräfte des Marktes ein Irrglaube ist. Märkte sind gut für Kurzfristoptimierung und Innovation, aber ganz schlecht für Nachhaltigkeit. Die Jetztzeit-Besoffenheit ist eine Frechheit gegenüber unseren Enkeln, die wir uns moralisch nicht leisten können. Fortschritt und Innovation müssen enkeltauglich sein. Zerstörerischer Fortschritt ist kein Fortschritt, sondern Rückschritt.

Wir sind gut beraten, die Schätze der Natur elegant und effizient statt zerstörerisch und verschwenderisch zu nutzen, wir dürfen die Gemeingüter nicht aufzehren. Wir brauchen eine radikale technologische Neuausrichtung – eine Effizienzrevolution im Umgang mit Energie und Wasser und Mineralien! Wir können mindestens fünffach effizienter werden, das heißt wir könnten fünfmal so viel Wohlstand aus einer Kilowattstunde, einer Tonne Erz oder einem Kubikmeter Wasser herausholen. Es geht dabei um neue Technologien und neue Geschäftsmodelle. Beim Leasing hat der Hersteller ein Interesse an langer Haltbarkeit, beim bloßen Verkauf freut er sich über rasche Verschrottung.  Das heißt aber auch eine neue Einstellung der Kunden.
Folgt: Ist diese Zukunftsvorstellung denn wirklich mehr als ein Traum?