Dialogprozess „Gas 2030“ umstritten

Altmaier: „Deutschland soll bei Wasserstofftechnologien Nummer 1 in der Welt werden“

Am 09.10.2019 hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier einer Medienmitteilung aus dem BMWi zufolge erste Ergebnisse und Handlungsempfehlungen aus dem Dialogprozess „Gas 2030“ vorgestellt. Dieser war im Dezember 2018 offiziell gestartet worden, um gemeinsam mit Stakeholdern aus Wirtschaft und Gesellschaft die zukünftige Rolle gasförmiger Energieträger bis 2030 zu diskutieren. Die DUH sieht einen Widerspruch zum Klimaschutz. Der BEE forderte, der Ausstieg aus dem fossilen Erdgas müsse möglichst rasch eingeleitet werden.

Altmaier: „Der Dialogprozess ‚Gas 2030‘ hat gezeigt, dass Erdgas noch für viele Jahre ein wichtiger Bestandteil unseres Energieversorgungssystems bleiben wird. Aber wenn wir unsere ambitionierten langfristigen Klimaziele erreichen wollen, muss der verbleibende Gasbedarf zunehmend durch CO2-freie beziehungsweise CO2-neutrale gasförmige Energieträger ersetzt werden. Wasserstoff wird aus meiner Sicht ein Schlüsselrohstoff werden, der unverzichtbar für die erfolgreiche Dekarbonisierung unserer wie auch vieler anderer Volkswirtschaften sein wird. Die Zeit für Wasserstoff und die dafür nötigen Technologien ist reif. Sie bieten auch enorme industriepolitische Potenziale und können damit neue Arbeitsplätze schaffen. Deshalb müssen wir bereits heute die Weichen dafür stellen, dass Deutschland bei Wasserstofftechnologien die Nummer 1 in der Welt wird. Die Bundesregierung wird daher bis Ende des Jahres eine Wasserstoffstrategie beschließen, mit der wir die Rahmenbedingungen schaffen, die es der Wirtschaft ermöglichen, ihre industriellen Potenziale weiter zu entwickeln.“

Zu den CO2-neutralen beziehungsweise CO2-freien Energieträgern gehören insbesondere der sogenannte grüne Wasserstoff, der durch Elektrolyse aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, und der sogenannte blaue Wasserstoff, der aus Erdgas durch die Abscheidung von CO2 gewonnen wird. Der Dialogprozess ist mit dem Bericht nicht beendet, sondern wird begleitend zur Umsetzung der Handlungsempfehlungen aus dem Bericht fortgeführt.

Altmaiers Gasstrategie widerspricht Klimaschutz: Deutsche Umwelthilfe stellt branchenübergreifenden alternativen Fahrplan für erneuerbares Gas vor

Neues Ergebnispapier „Dialogprozess Gas 2030“ des Wirtschaftsministeriums führt in wirtschafts- und klimapolitische Sackgasse – Zukunft der Gaswirtschaft muss erneuerbar sein – Deutsche Umwelthilfe entwickelt in breitem Dialog Fahrplan für den Umstieg auf erneuerbares Gas – Neue Infrastruktur für fossiles Erdgas darf nicht gebaut werden

Berlin, 9.10.2019: Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert die heute vom Bundeswirtschaftsministerium vorgestellte Gasstrategie als wirtschafts- und klimapolitische Sackgasse. Die Empfehlungen aus Peter Altmaiers Ministerium lassen den dringend notwendigen Umstieg auf erneuerbares Gas weitgehend außen vor. Diese Lücke schließt der „Fahrplan für erneuerbares Gas“, den die DUH gemeinsam mit Unternehmen und Wissenschaft sowie Akteuren aus dem Bereich Umwelt und Erneuerbare Energien entwickelt hat. Sie sind sich einig, dass die Zukunft der Gaswirtschaft erneuerbar sein muss und schlagen konkrete Schritte zum Aufbau einer Infrastruktur für erneuerbares Gas vor.

Bisher unterzeichneten den Fahrplan neben der DUH, der Bundesverband Erneuerbare Energien, Enertrag AG, Germanwatch, die Technische Universität Berlin und der WWF Deutschland.

Dazu Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH: „Fossiles Erdgas muss von erneuerbarem Gas abgelöst werden. Wie beim Strom, brauchen wir einen Zielwert für erneuerbares Gas für 2030. Mit dem Fahrplan setzen wir auf einen nachhaltigen Umbau der Gaswirtschaft. Unabdingbar für den Umstieg sind ein wirksamer CO2-Preis, ein steigender Anteil erneuerbaren Stroms sowie eine Anschubförderung für den Aufbau und Betrieb von Power-to-Gas-Anlagen.“

Power-to-Gas-Anlagen stellen in einem Elektrolyse-Verfahren aus erneuerbarem Strom erneuerbares Gas her. Durch die Einspeisung ins Gasnetz wird der normale Gasmix so Stück für Stück „grüner“. Das Bundeswirtschaftsministerium setzt zur Gewinnung von Gas vor allem auf den Import von so genanntem „blauen Wasserstoff“. Als „blauer Wasserstoff“ wird Wasserstoff bezeichnet, der mittels CO2-Abscheidung und Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) aus Erdgas gewonnen wird.

Constantin Zerger, Leiter Energie und Klimaschutz der DUH: „Mit dem Einsatz von ‚blauem Wasserstoff‘ ist klimapolitisch nichts gewonnen. Die Technologie ist energieintensiv und es besteht das Risiko, dass das gespeicherte CO2 später wieder in die Atmosphäre austritt. Die Gaswirtschaft und das Wirtschaftsministerium greifen nach diesem Strohhalm, um ihre fossilen Geschäftsmodelle zu retten. Dagegen zeigt unser Fahrplan für erneuerbares Gas sehr deutlich, wo die Zukunftschancen der Gaswirtschaft liegen: Sie muss konsequent auf erneuerbar erzeugtes Gas setzen. Der Neubau fossiler Infrastruktur muss der Vergangenheit angehören.“

BEE: 100 Prozent Erneuerbare Energien in der Gasversorgung

„Gastechnologien und die Gasinfrastruktur können einen bedeutsamen Beitrag zur Minderung der Treibhausgasemissionen leisten, sofern sie auf Erneuerbare Gase umgestellt werden“, erklärt BEEPräsidentin Simone Peter anlässlich der abschließenden Plenarsitzung ‚Dialogprozess Gas 2030‘. Erneuerbare strombasierte Gase sollen aus Sicht des BEE in den Anwendungen zum Einsatz kommen, in denen die direkte Stromverwendung technisch schwierig, weniger effizient und volkswirtschaftlich teurer ist, also z. B. beim Schwerlast-, Schiffs- und Flugverkehr.

Um bis 2050 Treibhausgasneutralität zu erreichen, müsse der Ausstieg aus dem fossilen Erdgas möglichst rasch eingeleitet werden. „In der Umstellungsphase ist es wichtig, dass noch vorhandenes fossiles Gas nicht den Einsatz Erneuerbarer Energien oder Erneuerbarer Gase behindert. Zudem sollte der Gasverbrauch insgesamt reduziert werden.“ Bei der Vorstellung der ersten Bilanz im ‚Dialogprozess Gas 2030‘ durch Bundesminister Peter Altmaier sei abermals deutlich geworden, wie wichtig der Beitrag der Erneuerbaren Energien zur Minderung der Treibhausgasemissionen sei.

„Um perspektivisch auch im Inland Erneuerbare Gase zu erzeugen, bedarf es einer Vervielfachung von Erneuerbaren Stromkapazitäten“, fasst Peter zusammen. Eine ausreichende Verfügbarkeit von grünem Strom auf Basis von Wind, Photovoltaik und der Biomasse sei die wesentliche Voraussetzung, um industriepolitische Potenziale zu nutzen und Wertschöpfung zu betreiben. „Strom ist ein wertvolles Gut, welches möglichst effizient genutzt werden sollte. So zum Beispiel in der dezentralen Wärmeversorgung, in der über Wärmepumpen der Strom direkt eingesetzt wird.

Noch immer fehle dem Gebäudesektor der nötige Schwung in Richtung Klimaneutralität. Es bedürfe enormer Investitionen in Erneuerbare Wärmetechnologien, um hier schnelle, spürbare Fortschritte zu erreichen. Mit Solarthermie, Biomasse, Geothermie und Wärmepumpen stünden eine Vielzahl ausgereifter Technologien zur Verfügung, betont Peter. „Sobald ein stimmiges Gesamtkonzept vorliegt, können die Erneuerbaren-Technologien die fossilen Technologien in der Wärme- und Kälteversorgung schnell ersetzen und den Sektor auf Klimaneutralität umstellen.“

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